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SENDETERMIN Mo, 14.8.2006 | 21:45 Uhr | Das Erste

Betrogene Pflegekassen Die Tricks der mobilen Pflegedienste

Ambulante Altenpflege, unbestritten eine nützliche Einrichtung. Ermöglicht sie es doch, dass Pflegebedürftige zu Hause wohnen können und dabei gepflegt werden. Das, was die Pflegedienste leisten, Waschen, Essen reichen, wundgelegene Stellen versorgen, Leistungen wie diese also werden mit der Pflegekasse abgerechnet. Eine von ihnen, die AOK Hessen, schlägt jetzt Alarm. Jeder zweite Pflegedienst, so die Krankenkasse, rechne falsch ab.

Falsche Abrechnungen im großen Stil auf Kosten von uns, Versicherten? Gottlob Schober ist dem Vorwurf nachgegangen.

Bericht:

Charlotte Patock braucht manchmal Hilfe. Sie trägt Kompressionsstrümpfe, um Thrombosen vorzubeugen. Diese Strümpfe kann sie nicht mehr selbst wechseln. Dafür musste die 89-Jährige einen ambulanten Pflegedienst engagieren.

O-Ton, Charlotte Patock:

»Die haben nichts weiter bei mir gemacht, als die Strümpfe angezogen und abends wieder ausgezogen.«

Im Mai aber entdeckte ihr Sohn, Peter Patock, dass der ambulante Pflegedienst mit der Krankenkasse offensichtlich mehr Leistungen abgerechnet hatte, als nur das Wechseln der Kompressionsstrümpfe.

Sein Vorwurf: Obwohl sich seine Mutter noch selbst waschen kann, stellte der Pflegedienst, zum Teil zweimal täglich, die so genannte „kleine Körperpflege“ in Rechnung, also zum Beispiel Zähne putzen und Gesicht waschen.

O-Ton, Peter Patock:

»Es wurde auch nie kleine Körperpflege morgens, zum Beispiel im Januar 31 Mal beziehungsweise im Februar 28 Mal kleine Körperpflege und noch mal sieben Mal, im März 27 Mal und noch mal fünf Mal. Das wurde nie ausgeführt, und ich gab auch dazu keinen Auftrag.«

Frage: Wie beurteilen Sie das?

O-Ton, Peter Patock:

»Das ist für mich ein ganz glatter Betrug.«

Wir begleiten Peter Patock auf dem Weg zum Pflegedienst. Er will die Inhaberin mit seinen Vorwürfen konfrontieren. Doch weder für ihn noch für uns ist sie zu sprechen.

Schriftlich bestreitet der Pflegedienst sämtliche Vorwürfe, behauptet, Charlotte Patock habe selbst weitere Pflegemaßnahmen verlangt, wie zum Beispiel Hilfe bei der Körperpflege.

Frage: Hat der Pflegedienst bei Ihnen die kleine Körperpflege gemacht?

O-Ton, Charlotte Patock:

»Nein, und das nehme ich auf meinen Eid.«

Frage: Wurden Sie überhaupt einmal gewaschen von denen?

O-Ton, Charlotte Patock:

Ȇberhaupt nicht, ach, dummes Zeug.

Die kennen noch nicht einmal einen Waschlappen von mir, viel weniger noch mein Bad. Nix, nix haben die gemacht.«

Wir zeigen Charlotte Patock die Abrechnungen, auf deren Grundlage der Pflegedienst mit der AOK abgerechnet hatte. Sie wurden alle mit ihrem Namen unterschrieben. Auffällig aber ist: Die Unterschriften unterscheiden sich zum Teil gravierend.

O-Ton, Charlotte Patock:

»Also die sind von mir, aber diese, nein, die ist definitiv nicht von mir. Auf keinen Fall!«

Frage: Haben Sie das hier, das letzte, nicht unterschrieben?

O-Ton, Charlotte Patock:

»Nein, so was, das ist nicht von mir.«

Wurden Unterschriften gefälscht? Der Pflegedienst bestreitet das. Hat der Pflegedienst Leistungen abgerechnet, die gar nicht erbracht wurden?

Wir fragen nach bei der AOK-Hessen. Deren Sprecher Andreas Bonn kennt den Fall Patock und den ambulanten Pflegedienst. Dieser ist bereits seit längerem im Visier der Krankenkasse.

O-Ton, Andreas Bonn, AOK Hessen:

»In einigen Fällen sind wir sogar vor der Staatsanwaltschaft gelandet, was Abrechnungsbetrug und auch Unterschriften angeht. Von da reiht sich der Fall Patock jetzt in eine Reihe von mehreren Vorfällen ein, die uns mit diesem Pflegedienst bereits bestens bekannt sind. Unsere Ermittlungen haben zwei zentrale Erkenntnisse gebracht. Erstens: Die Aussagen von der Familie Patock sind absolut glaubwürdig. Und zweitens: Die

Dokumente, die uns vorliegen, die sprechen eine eindeutige Sprache. Von daher ist das jetzt für uns ein Fall für die Staatsanwaltschaft.«

Schriftlich teilt uns die Staatsanwaltschaft Wiesbaden mit, dass sie bereits gegen die Inhaberin des Pflegedienstes ermittelt. Der Verdacht: Abrechnungsbetrug. Wie das Verfahren ausgeht, ist offen.

Aber: Dubiose Abrechnungspraktiken hat die AOK immer wieder aufgedeckt. Eine interne Untersuchung der Krankenkasse kommt zu einem erschreckenden Ergebnis.

O-Ton, Andreas Bonn, AOK Hessen:

»Unsere Qualitätsprüfungen bei den ambulanten Pflegediensten in den vergangenen Jahren hat eindeutig gezeigt, dass jeder zweite Pflegedienst hier 50,81 Prozent falsch abrechnet. Das ist eine ungeheure Zahl, und Sie können sich vorstellen, wie hoch hier die Schäden sind, die auch der Versichertengemeinschaft entstehen. Wir schätzen derzeit, dass es Schäden im Rahmen von zweistelligen Millionenbeträgen sind. Allerdings kommt da noch eine Dunkelziffer hinzu, und die können wir überhaupt nicht absehen.«

Beispiele: Ein ambulanter Pflegedienst rechnete Blutdruckmessen zwei Mal täglich ab, tatsächlich wurde bei dem Patienten aber nur montags der Blutdruck gemessen. Durch solch scheinbar banale Manipulationen bei vielen Patienten hatte allein dieser Pflegedienst die Kassen innerhalb von drei Jahren um mindestens 100.000 Euro betrogen.

Nächster Fall: Ein Patient muss für mehrere Tage ins Krankenhaus. Das protokolliert der ambulante Pflegedienst im Leistungsnachweis. Während dieser Zeit wird trotzdem drei Mal täglich die Mahlzeitenzubereitung abgerechnet.

Ein anderer Pflegedienst stellte den Krankenkassen über ein Jahr lang die so genannte Dekubitusversorgung in Rechnung. Tatsächlich aber litt die Patientin nur wenige Tage an einem solchen Druckgeschwür. Der Krankenkasse wurde eine gefälschte Pflegedokumentation vorgelegt.

Solche Fälle sind Alltag für die AOK Hessen. Selbst Verurteilungen wegen Betrugs schrecken manche Pflegedienste offenbar nicht ab, weiterzumachen.

O-Ton, Andreas Bonn, AOK Hessen:

»Man muss wirklich sagen, dass es heute, auf Grund der Rechtslage, es für einen Pflegedienst mit krimineller Energie relativ einfach ist, trotz rechtskräftigen Urteils, einige Zeit später einen neuen Pflegedienst aufzumachen, unter neuer Führung, mit neuem Namen, um so wieder am Markt zu erscheinen. Und die Kassen müssen sehen, dass sie wieder Indizien, wieder Beweise dafür zusammentragen, um diesen Leuten das Handwerk zu legen.«

Frage: Das heißt also, die Krankenkassen können relativ wenig gegen kriminelle Pflegedienste machen?

O-Ton, Andreas Bonn, AOK Hessen:

»Derzeit können die Krankenkassen relativ wenig gegen kriminelle Pflegedienste machen, das ist wahr.«

Abmoderation Fritz Frey:

Um es klar zu sagen, es geht nicht darum, ambulante Pflegedienste unter Generalverdacht zu stellen. Viele von ihnen arbeiten ganz seriös und sind nicht zu kritisieren. Unser Film hat aber gezeigt, wie leicht es den schwarzen Schafen gemacht wird, gnadenlos abzuzocken. Hier muss jetzt angesetzt werden. Es muss ein effektives Kontrollsystem her, das die Plünderungen der Krankenkassen verhindert, ohne dass die Qualität der Pflege auf der Strecke bleibt

Sendung vom

Mo, 14.8.2006 | 21:45 Uhr

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