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SENDETERMIN Di, 1.12.2020 | 21:48 Uhr | Das Erste

Beschimpft und bedroht Corona-Leugner schikanieren Gesetzesvertreter

Corona-Leugner nehmen gezielt Vertreter des Staates ins Visier. Beamtinnen und Beamte werden beleidigt und oft sogar bedroht. Ein Landrat in Thüringen steht deshalb sogar unter Polizeischutz. Experten vermuten darin eine Strategie der Einschüchterung.

Thomas Müller im Gespräch mit der Polizei. Es geht um seine eigene Sicherheit - seit einigen Tagen steht der Landrat aus Hildburghausen in Thüringen unter Polizeischutz. Was ist passiert?

Vergangenen Mittwoch protestieren in der Kleinstadt hunderte Menschen gegen die Corona-Maßnahmen - die meisten ohne Maske, ohne Mindestabstand. Und das in einem Landkreis, der gerade mit am stärksten von Corona betroffen ist.

Weil er die Demo als unverantwortlich kritisiert, wird Thomas Müller kurz danach auf Facebook gedroht:

Facebook: "Müller, du dummes Schwein. Nimm dir einen Strick und häng dich weg!"

Facebook: "Ich glaube, es ist besser, wenn wir ihm dabei helfen."

Thomas Müller

Thomas Müller

Thomas Müller, CDU, Landrat Hildburghausen: "Wenn einem selbst dann etwas dieser Art dann entgegengebracht wird, dann wird man schon sehr nachdenklich. Das ist wahr. Und das trifft nicht nur einen persönlich, sondern auch das Umfeld. Die das loslassen, die müssen auch wissen, was das mit den Menschen drumherum macht, mit der Frau, mit den Kindern, mit Verwandten, mit Bekannten, mit allen, die einen sozusagen auch mögen. Das ist schon eine Hausnummer, die ich keinem anderen wünsche."

Thomas Müller hat inzwischen Anzeige erstattet, die Polizei ermittelt. Werden Beamte wie er gezielt von Corona-Leugnern ins Visier genommen?

Hetze gegen Beamten nach Corona-Demo kein Einzelfall

Ein Video, aufgenommen Anfang August in Berlin. Aktivisten aus der so genannten Querdenker-Szene filmen gezielt Polizeibeamte. Die wollen eine Demo wegen Verstößen gegen Hygieneregeln auflösen. Querdenker reden minutenlang auf den Einsatzleiter ein. Die Kamera - ganz nah dabei.

Demonstationsredner: "Sagen Sie was zur Versöhnung. Was Liebevolles, was Herzliches."

Polizeibeamter: "Es erfolgt eine Durchsage der Berliner Polizei..."

Der Beamte lässt sich nicht beirren, setzt geltendes Recht durch - und wird dafür ausgebuht. Die Kamera bleibt auf dem Gesicht des Beamten, als Querdenker seinen Namen nennen.

Demonstationsredner: "Das war die Chance von Herrn (…), ein Held zu sein."

Der Polizist, namentlich genannt. Dieses Video wird hunderttausendfach aufgerufen.

In Chatgruppen erscheinen solche Posts:

Der Polizeibeamte wird aufs Übelste herabgewürdigt.

Es werden Fotos und selbst seine Privatadresse veröffentlicht. Und: Es gibt konkrete Drohungen.

Chatgruppe: "Man hat sein Gesicht. Nürnberg 2.0 wird über ihn richten."

Die Berliner Polizei bestätigt uns, auch die Familie des Beamten sei bedroht worden. Verständlich, dass der Beamte darüber nicht im Fernsehen sprechen möchte.

Drohungen von Corona-Leugnern hätten "neue Qualität"

Wir können einen seiner Kollegen treffen. Er will unerkannt bleiben. Auch er war schon oft bei Querdenker-Demos im Einsatz und kann sich gut in die Lage seines Kollegen versetzen.

Ein Polizist im Interview

Ein Polizist im Interview

Polizeibeamter: "Ich glaube, wenn Derartiges da bei mir passieren würde, dann wäre natürlich die Angst auch in der Familie groß. Man will natürlich versuchen, uns damit einzuschüchtern und möglichst nicht so konsequent oder effizient das geltende Recht durchzusetzen. Also ganz klar will man uns hiermit in die Defensive bringen."

Jörg Radek von der Gewerkschaft der Polizei sieht in persönlichen Anfeindungen eine neue Qualität.

Jörg Radek

Jörg Radek

Jörg Radek, Gewerkschaft der Polizei: "Es ist menschenverachtend, weil ich den Menschen, der diesen Staat repräsentiert, dass ich diesen Menschen angreife. Das ist etwas, was wir so in diesem Ausmaß noch nicht kennen. Das ist neu, und das ist auch etwas, was offensichtlich zu dieser Bewegung gehört."

Aufruf auf "Querdenken"-Demo hat drastische Folgen

Bitburg, in der Eifel. Mit diesem Video inszeniert sich vor kurzem der HNO-Arzt Bodo Schiffmann - ein bekennender Pandemie-Leugner. Einer seiner Mitstreiter folgt der Mitarbeiterin des Ordnungsamtes und dokumentiert, wie sie Demo-Teilnehmer auf die Corona-Auflagen hinweist.

Ordnungsbeamtin: "Halten Sie bitte Abstände ein!"

Der resoluten Beamtin schlägt deutlich hörbar Wut entgegen.

Demonstrationsteilnehmer: "Schämen Sie sich, in drei Monaten sind Sie im Knast!"

Am Ende der Veranstaltung ruft Bodo Schiffmann dazu auf, sich bei der Beamtin zu beschweren:

Bodo Schiffmann, HNO-Arzt: "Ansprechpartner, falls man sich gestört gefühlt hat, Herr […] von der Polizeibehörde in Bitburg und Frau […] vom Ordnungsamt. Vielen Dank! E-Mail-Adressen bei uns später auf dem Kanal."

Die E-Mail-Adressen veröffentlicht er tatsächlich auf seinem Chatkanal. Und das hat Folgen: Die Beamtin erhält solche Schreiben:

Drohschreiben: "Sie habe einen 'kranken Geist'."

Und:

Drohschreiben: "Nicht nur du, auch deine Kinder und Kindeskinder werden in der Hölle schmoren, du elendiges Drecksstück."

Drohschreiben: "Man trifft sich immer 2-mal im Leben!!!"

Eine weitere E-Mail enthält nur dieses eine Bild: Zwei Leichen an einem Galgen. Eindeutig eine Drohung.

Kaum verwunderlich, dass auch die Beamtin nicht vor einer Kamera darüber sprechen möchte.

Querdenker-Aktivist: Beamtin ist selbst verantwortlich

Anders Bodo Schiffmann. Am Rande einer Querdenken-Veranstaltung stellt er die Behauptung auf, die Beamtin in Bitburg habe durch ihre Arbeit angeblich die Meinungsfreiheit ausgehöhlt.

Bodo Schiffmann, HNO-Arzt: "Insofern finde ich, ist es richtig, dass Menschen, sich dann auch an so jemanden wenden können. Das ist ja mit in der Verantwortung, wenn jemand ein Ordnungsamt leitet und selbst dann auch noch durch die Reihen geht und meint, er muss unsinnige Maßnahmen durchsetzen, dann ist das ja, dann muss er auch im Zweifelsfall eine Verantwortung dafür tragen."

Die Beamtin also selbst schuld an den Beleidigungen und Bedrohungen gegen sie? Wegen angeblich "unsinniger Maßnahmen"? Dabei zeigt das minutenlange Video vor allem, wie sie konsequent an die Einhaltung der Hygiene-Maßnahmen erinnert.

Bitburg, Berlin, Hildburghausen - drei Beispiele, die zeigen, wie Vertreter des Staates zur Zielscheibe werden. Von denjenigen, die in ihrer Wut auf die Corona-Politik offensichtlich nicht davor zurückschrecken, Grenzen zu überschreiten.