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Text des Beitrags Unerwünschte Betreuer

Gerichte setzen auf Berufsbetreuer statt auf Angehörige und Ehrenamtliche

Eine junge Frau wird Opfer eines Verbrechens. Die Mutter musste viele Jahre darum kämpfen, sie betreuen zu dürfen, doch das Gericht bevorzugte Berufsbetreuer.

Pflegerin kniet neben einer älteren Dame.

Gerichte wollen mehr Berufsbetreuer in der Pflege als Angehörige oder Ehrenamtliche.

REPORT aus MAINZ – guten Abend! Krank und hilflos zu sein – das ist keine schöne Vorstellung. Umso wichtiger dann, einen Menschen zu haben, dem man vertrauen kann, einem Betreuer, der, wenn es zum Beispiel um Fragen der Gesundheit geht, auch Vertrauter ist.

Ein Familienmitglied, wie die Mutter, die wir eben gesehen haben, oder ein ehrenamtlicher Betreuer. Hauptsache der Wunsch des Betroffenen wird, soweit möglich, vom Gericht berücksichtigt.

Doch die Recherchen von Gottlob Schober zeigen, bei immer mehr Betreuungen wird dieser Wunsch ignoriert. Und plötzlich entscheidet ein wildfremder Berufsbetreuer über das eigene Schicksal.

Bericht:

Gerold Koch aus Herford hat Lungenkrebs im Endstadium. Das Rauchen konnte er sich nie abgewöhnen. Er weiß, dass er bald sterben wird. Mit uns will er über seine Berufsbetreuerin reden. Sein Vorwurf:


O-Ton Gerold Koch, Betreuter:

Gerold Koch

Gerold Koch

"Dass sie zu wenig Zeit hatte für mich. Sie war zu selten da? Ja. Also ich war regelrecht auf mich alleine gestellt."

Frage: Sie war zu selten da?

O-Ton Gerold Koch, Betreuter:
"Ja. Also ich war regelrecht auf mich alleine gestellt."


Doch der Reihe nach. Gerold Koch ist Analphabet. Deshalb kümmert sich eine vom Amtsgericht eingesetzte Berufsbetreuerin viele Jahre lang um seine Rechtsgeschäfte. Schon 2012 aber war er mit ihrer Arbeit nicht mehr zufrieden. Deshalb ließ er eine Bekannte einen Brief an die Behörden schreiben – mit einer klaren Forderung.


Zitat:
"Ich bin sauer auf Frau W. Ich möchte sie nicht mehr als Betreuerin haben. Mein Vorschlag für eine neue Betreuerin wäre Frau Öz in Herford."


Regina Öz ist auch Betreuerin. Im Gegensatz zur Kollegin aber macht die Hausfrau den Job seit Jahren ehrenamtlich. Sie habe vom Brief damals nichts gewusst, erzählt sie uns.


O-Ton Regina Öz, ehrenamtliche Betreuerin:

Regina Öz

Regina Öz

"Dass ein Betreuter mich haben möchte, und man informiert mich nicht. Das macht mich wütend so was."


Zum Betreuerwechsel jedenfalls kommt es damals nicht. Stattdessen wird Gerold Koch von einer Mitarbeiterin der städtischen Betreuungsstelle besucht. In einem Schreiben hält sie danach fest, dass sich Herr Koch selbst … für die Weiterführung der Betreuung durch Frau W. (also der Berufsbetreuerin) ausgesprochen habe. Gerold Koch fühlte sich damals unter Druck gesetzt.


O-Ton Gerold Koch, Betreuter:
"Man hat mich darauf gedrängt, dass ich die weiter behalte. Ich kam aus dieser Zwickmühle, kam ich nicht raus."


Die Betreuungsstelle beteuert jetzt: Es habe damals in Bezug auf die Bestellung eines neuen Betreuers keinen Handlungsbedarf und keine Einflussnahme gegeben.

Vorbehalte gegenüber ehrenamtlichen Betreuern werden von der Behörde verneint. Regina Öz hat da eine ganz andere Wahrnehmung.


O-Ton, Regina Öz, ehrenamtliche Betreuerin:

"Mir kommt das so vor, als wenn das Ehrenamt dann rausgedrängt wird, dass die Berufsbetreuer eben halt vorgezogen werden."


Maria Kalberlah aus dem niedersächsischen Harsum äußert die gleiche Kritik. Ihre Tochter Michaela wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Seither kann sie nicht mehr sprechen.

Das Amtsgericht verhinderte jahrelang, dass die Mutter ehrenamtliche Betreuerin ihrer Tochter werden konnte. Ihr Vorwurf:


O-Ton, Maria Kalberlah, Mutter:

Maria Kalberlah

Maria Kalberlah

"Die Interessen meiner Tochter wurden kaum beachtet. Es wurde nur nach Argumenten gesucht, die besagten, dass ich nicht die gesetzliche Betreuung meiner Tochter übernehmen kann."


Gemeinsam mit ihrer Anwältin Marion Hummel kämpft sie jahrelang um ihr Recht. 2011 bekommt sie sogar Unterstützung von der Betreuungsstelle des Landkreises Hildesheim. Die Behörde vertritt die Auffassung, dass Frau Kalberlah die alleinige rechtliche Betreuung übertragen werden sollte. Kurz darauf spricht sich das Amtsgericht dennoch für eine Berufsbetreuerin aus.


O-Ton, Marion Hummel, Rechtsanwältin:

Marion Hummel

Marion Hummel

"Das ist ein eindeutiger Gesetzesverstoß, den das Gericht da gemacht hat, weil im Gesetz ganz klar geregelt steht, dass ein ehrenamtlicher Betreuer bzw. ein Familienangehöriger dem Berufsbetreuer immer vorzuziehen ist."


Zu diesem Vorwurf äußert sich das Gericht nicht. Fehler in der Sachbehandlung seien aber nicht erkennbar.

Obwohl die Gesetzeslage eindeutig ist, steigt der Prozentsatz der Berufsbetreuungen in den vergangenen Jahren bundesweit stark an, während der Anteil der ehrenamtlichen Betreuungen sinkt.

Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Das wollen wir vom Sozialwissenschaftler Stefan Sell von der Hochschule Koblenz und von Richter Axel Bauer vom Amtsgericht Frankfurt/Main wissen.


O-Ton, Prof. Stefan Sell, Hochschule Koblenz:

Stefan Sell

Stefan Sell

"So ein Amtsgericht steht doch vor der Situation, die müssen den Betreuungsfall regeln. Wenn ich das jetzt als Amtsrichter rüberschiebe zum Berufsbetreuer, bin ich den Fall los. Das heißt, man entlastet sich, das ist nachvollziehbar, aber führt natürlich zu einer ganz gefährlichen Schieflage im Betreuungssystem."


O-Ton, Axel Bauer, Richter Amtsgericht Frankfurt am Main:

Axel Bauer Richter

Axel Bauer Richter

"Das heißt, der Vorrang des Ehrenamtes wird systematisch hintergangen. Unter anderem deswegen, weil im Rahmen einer Mischkalkulation davon ausgegangen wird, dass ein Berufsbetreuer auch einfachere oder sogar einfachste Fälle bekommen muss. Und das wird dann vor Ort einfach so gehändelt, ohne dass das mit Recht und Gesetz übereinstimmt."


Diese Entwicklung macht auch der Präsidentin des Landesrechungshofes Schleswig Holstein, Gaby Schäfer, große Sorgen. Ihre Behörde hat jetzt einen Vorschlag ausgearbeitet, wie in Zukunft wieder mehr Ehrenamtler zum Zuge kommen könnten.


O-Ton, Gaby Schäfer, Landesrechnungshof Schleswig-Holstein:

Gaby Schäfer

Gaby Schäfer

"Wir fordern, dass hauptamtliche Betreuungen regelmäßig und in einem standardisierten Verfahren überprüft werden auf ihre Notwendigkeit. Und gegebenenfalls dann das mildere Mittel einer ehrenamtlichen Betreuung gewählt wird."



Heiko Maas

Heiko Maas

Bundesjustizminister Heiko Maas dagegen hält die geltenden Gesetze für ausreichend und sieht derzeit keinen Handlungsbedarf. Aktuell müssen Gerichte spätestens nach sieben Jahren die Betreuung überprüfen.


O-Ton, Axel Bauer, Richter Amtsgericht Frankfurt am Main:

"Die sieben Jahre Überprüfung der Berufsbetreuung sind zu lang. Ich schlage vor, zwei Jahre verbindlich in das Gesetz einzuführen."


O-Ton, Prof. Stefan Sell, Hochschule Koblenz:

"Es geht hier um Menschen, die unter Betreuung stehen, die schwierigsten Fälle. Da muss der Staat viel genauer hinschauen."


Für Maria Kalberlah hat sich die Beharrlichkeit jetzt doch ausgezahlt. Nach langjährigem Kampf hat sie die Betreuung ihrer Tochter bekommen.

Auch Gerold Koch konnte im April seine Wunschbetreuerin durchsetzen. Dagegen aber hat die Berufsbetreuerin Beschwerde eingelegt.


O-Ton, Gerold Koch, Betreuter:

"Mich kriegt sie nicht mehr! Da kämpfe ich gegen an. Und den Kampf, den wird sie verlieren!"


Abmoderation Birgitta Weber:

Gerold Koch ist vor wenigen Tagen verstorben. Er wollte, dass wir zeigen, wie alte Menschen unter einer solchen Entscheidung leiden. Zwar gibt es die Entmündigung nicht mehr, aber er fühlte sich entmündigt.

Mehr zum Thema Betreuung in einem Kollegengespräch auf unserer Homepage.