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SENDETERMIN Mo, 29.10.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Bei Mausklick Kinderporno? Wie das Internet gefährliche Sex-Neigungen verstärkt

Sein Fall machte Schlagzeilen. Weltweit. Der 32-jährige Kanadier soll in Thailand zahlreiche Jungen sexuell misshandelt haben. Dass man ihn identifizieren konnte, ist den Computerspezialisten des Bundeskriminalamtes zu verdanken. Sie hatten dieses, wohl von ihm selbst unkenntlich gemachte Bild zurückverwandelt. Erst danach konnte er gefasst werden.

Ein Kanadier, der in Thailand Verbrechen begeht, das scheint alles weit weg. Ist es aber nicht, wie Thomas Dauser und Klaus Weidmann berichten.


Bericht:

Großröhrsdorf, ein beschaulicher Ort in Sachsen. Jens T. arbeitete hier als Schlosser. Man kannte ihn. Doch was niemand wusste oder niemand wissen wollte: Der Mann hat über zehn Jahre hinweg in seiner Wohnung Kinder sexuell missbraucht. 786 Mal. Die Kinder vom zweiten Stock, angelockt mit kleinen Geldgeschenken und Computerspielen.

Letzte Woche, Dienstag. Das Landgericht Bautzen verurteilte Jens T. zu acht Jahren Haft. Mehrmals in der Woche hatte er sich an den Kindern vergangen. Eines war erst sechs Jahre alt.


O-Ton, Christopher Gerhardi, Staatsanwaltschaft Bautzen:

»Der Verurteilte hat Pornofilme abgespielt vor den Kindern. Und es kam dann zu wechselseitigem Masturbieren und auch Oralverkehr.«






Die Behörden sind nur auf Jens T. aufmerksam geworden, weil er sich massenweise kinderpornografisches Material aus dem Internet runtergeladen hat. Nur deshalb durchsuchte die Polizei seine Wohnung. Dabei hat Jens T. dann sofort den jahrelangen Kindesmissbrauch gestanden. Zur Überraschung der Polizei.

Kein Einzellfall, sagt Professor Bosinski. Der Sexualmediziner behandelt seit Jahren Pädophile.


O-Ton, Prof. Hartmut A. G. Bosinski, Sexualmediziner Uni Kiel:

»Wir wissen, dass derjenige, der sich Kinderpornos anschaut, mit hoher Wahrscheinlichkeit eine pädophile Neigung hat. Wir wissen weiterhin, dass derjenige, der eine pädophile Neigung hat, die er sich nicht ausgesucht hat, mit hoher Wahrscheinlichkeit dieses Feld des Betrachtens bald verlassen wird und selbst eigene Taten im Sinne eines sexuellen Kindesmissbrauchs begehen wird.«


Deshalb hat das Bundeskriminalamt eine Zentralstelle eingerichtet, die systematisch nach Pädokriminellen im Internet fahndet. REPORT MAINZ darf erstmals nach der Festnahme von Vico die Ermittler bei ihrer Arbeit beobachten.


O-Ton:

»Ich befinde mich hier auf der Plattform einer Tauschbörse, wo ich durch die Eingabe eines einschlägigen Suchbegriffs versuche, kinderpornografische Dateien, die weltweit zum Tausch angeboten werden, zu finden. Hier sieht man die Suche in Realzeit.«


Frage: Wie viel Dateien haben Sie jetzt hier sofort gefunden innerhalb von Sekunden?

O-Ton:

»Aktuell sind es 191 und es werden laufend mehr.«


Und jeder, der hier Kinderpornos anschaut oder tauscht, ist ein potentieller Kinderschänder.


O-Ton, Jürgen Maurer, Bundeskriminalamt:

»Wenn Kinderpornografie oder kinderpornografische Darstellung früher im Bereich der Schmuddeldelikte anzusiedeln waren, Papiere oder Zeitschriften, die unter der Theke gehandelt wurden, so ist es heute mit einem einzigen Mausklick möglich, weltweit auf eine unermessliche Anzahl von Dateien zurückzugreifen. Das führt natürlich auch wiederum dazu, dass die Kriminalitätsform sich weiter entwickelt, dass es mehr Täter gibt, dass dort eine Entwicklung drin ist.«


Zusammen mit seinem Kollegen sucht Holger Kind beim BKA nach Hinweisen auf die Kinderschänder. Systematisch halten sie fest: Wo könnten die Bilder entstanden sein. Bilder, die immer grausamer werden.


O-Ton, Holger Kind, Zentralstelle Kinderpornografie BKA:

»Wir haben tatsächlich etliche Bildserien mittlerweile anschauen müssen, die den Missbrauch, den schweren sexuellen Missbrauch von Kleinkindern zeigen, die den schweren sexuellen Missbrauch von Kindern im Säuglingsalter selbst zeigen.«




Es ist ein weltweites Puzzle. Eine Arbeit oft über Jahre. Diese 200 Bilder hat das BKA einem Täter zuordnen können – Vico. Der Fall Vico ist gelöst, aber auf den Rechnern des Bundeskriminalamts liegen mittlerweile 313 Fotoserien von Tätern wie Vico.

Dahinter verbergen sich 313 Kinderschänder, die aber noch nicht identifiziert sind. 313 Täter, von denen die Polizei bislang nicht weiß, wo auf der Welt sie sich aufhalten.


O-Ton, Holger Kind, Zentralstelle Kinderpornografie BKA:

»Es gibt sicherlich einige Serien, von denen wir bereits zum jetzigen Zeitpunkt davon ausgehen können, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sogar davon ausgehen können, dass Täter und/oder Opfer Deutsche sind, in Deutschland wohnhaft sind, aber die Zahl zu beziffern, ist angesichts der Masse der verfügbaren Dateien im Internet sehr schwierig.«


Immer wieder gelingen der Polizei spektakuläre Fahndungserfolge. Bei Vico oder bei Jens T. aus Sachsen. Die Polizei hat aufgerüstet, die Täter aber auch.