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Text des Beitrags Behandlung gegen Bares

Wie niedergelassene Ärzte ihre Patienten abkassieren


Bericht:

Sigurd Schmidt ist mal wieder auf dem Weg zu einem Hautarzt. Er hofft, dass er diesmal behandelt wird. Der 64-Jährige leidet unter kleinen Hautwucherungen, die dringend weggeschnitten werden müssen. Doch auch heute hat er wieder Pech:

Sigurd Schmidt, Patient

Sigurd Schmidt, Patient

O-Ton, Sigurd Schmidt, Patient:

"Ich war bisher bei drei Hautärzten und bei zwei Allgemeinchirurgen. Und ich wurde bei keinem behandelt. Es ging davon aus, dass es keine Kassenleistung wäre. Der eine Hautarzt sagt also, ohne 80 Euro brauchte ich gar nicht wiederkommen. Ich bin verzweifelt, ich weiß nicht mehr, was ich machen soll."


Moderation Birgitta Weber:

Sigurd Schmidt ist mit dieser Erfahrung nicht allein. Deshalb blicken wir heute Abend auf die Wahrheit dahinter. Und damit herzlich willkommen zu REPORT MAINZ.

Immer wieder gibt es Beschwerden, dass Ärzte Kassenleistungen nur gegen Bares durchführen. Warum tun Ärzte das und wer hilft den Patienten? Um das herauszufinden, kehren wir nochmal zu Sigurd Schmidt zurück.


Bericht:

Sigurd Schmidt ist schwerkrank, leidet an Krebs und hatte eine Lebertransplantation. 80 Euro für eine Behandlung hat er nicht, denn er lebt von Hartz IV.

Er weiß, solche Fibrome lassen sich viele Menschen aus kosmetischen Gründen entfernen. Dann ist das keine Kassenleistung. Ist die Entfernung aber medizinisch notwendig, zahlt die Krankenkasse.

Gleich zwei Ärzte haben Sigurd Schmidt schriftlich bestätigt, die Entfernung seiner Fibrome sei medizinisch notwendig. Denn der Transplantierte hat ein hohes Infektionsrisiko – für ihn sogar lebensgefährlich. Trotzdem wollen ihn alle Ärzte ihn nur gegen Extra-Geld behandeln.

Ärzte, die Kassenleistungen verweigern und ihre Patienten privat abkassieren. Passiert das öfter?

Unsere Recherchen zeigen: Das gilt auch für die Hautkrebs-Vorsorge. Übrigens: Ganz klar eine reine Kassenleistung für Patienten ab 35 Jahre.

Und dennoch beschweren sich viele in Netz, sie müssten grundsätzlich extra zahlen. Schon bei der Terminvergabe werde man darauf hingewiesen. Viele finden keinen Hautarzt, der sie ohne Aufpreis untersucht – pauschal bis zu 40 Euro.

Der Trick: Ärzte lassen sich die Benutzung eines einfachen Auflichtmikroskops privat bezahlen.

Prof. Breitbart kritisiert die Praxis, dass das Mikroskop regelmäßig eingesetzt wird. Der Hautkrebsexperte sagt, das sei gar nicht nötig.


Prof. Eckhard Breitbart, Koordinator Leitlinie Hautkrebs-Prävention

Prof. Eckhard Breitbart, Koordinator Leitlinie Hautkrebs-Prävention

O-Ton, Prof. Eckhard Breitbart, Koordinator Leitlinie Hautkrebs-Prävention:

"Das ist vielleicht bei jedem dritten, vierten Patienten, aber häufiger bitte nicht."







Abgerechnet wird oft trotzdem. Denn mit Privateinnahmen verdienen Ärzte richtig Geld. Hautärzte sind da Spitze - 46% ihrer Einnahmen stammen aus Privatzahlungen. Gefolgt von Urologen, Orthopäden, Augenärzten mit jeweils 40%. Zum Vergleich: Allgemeinmediziner haben einen Privatanteil von gerade mal 14%.

Patientenvertreter Martin Danner vom Dachverband der Selbsthilfegruppen glaubt, dass viele Ärzte Privatabrechnungen zu Unrecht von ihren Patienten kassieren:


Martin Danner, BGA Dachverband der Selbsthilfegruppen

Martin Danner, BGA Dachverband der Selbsthilfegruppen

O-Ton, Martin Danner, BGA Dachverband der Selbsthilfegruppen:

"Wenn zu einer Erkrankung eine Therapie von den Krankenkassen bezahlt wird und der Arzt das verschweigt und stattdessen die Leistungen privat abrechnet, dann ist das Betrug, ganz einfach. Wir haben schon den Eindruck, dass es da Absprachen gibt."


Absprachen unter Ärzten? Kann das sein? Der Gastroenterologe Bernhard Winter meint: Ja!

Er weigerte sich dabei mitzumachen.


Dr. Bernhard Winter, Gastroenterologe

Dr. Bernhard Winter, Gastroenterologe

O-Ton, Dr. Bernhard Winter, Gastroenterologe:

"Das wurde öfters diskutiert. Das war nicht nur einmal. Das waren unangenehme Diskussionen. Ich kann mir vorstellen in bestimmten Situationen, dass da bei anderen Kolleginnen und Kollegen ein deutlicher Druck aufgebaut wird, der dann auch fruchtet."


Das könnte erklären, warum Patienten wie Sigurd Schmidt so oft abgewiesen werden. Seine Krankenkasse bestätigt ihm, die Entfernung seiner Fibrome sei ganz klar "medizinisch notwendig". Helfen kann auch sie ihm nicht. Kein Arzt will ihn ohne Privatzahlung behandeln.

Auch der Spitzenverband der Krankenkassen sieht solche Absprachen unter Ärzten sehr kritisch.


Florian Lanz, GKV Spitzenverband

Florian Lanz, GKV Spitzenverband

O-Ton, Florian Lanz, GKV Spitzenverband:

"Wenn tatsächlich eine Facharztgruppe praktisch gemeinsam beschließt, systematisch bestimmte gesetzliche Kassenleistungen nicht mehr zu erbringen, dann ist es meines Erachtens nach ein Skandal erster Ordnung. Und da muss was gegen getan werden. Aufsicht über die Ärzte sind die Kassenärztliche Vereinigungen. Die müssen gucken, dass wirklich die Ärzte das machen, was vorgeschrieben ist."


Doch tun die Kassenärztlichen Vereinigungen tatsächlich etwas gegen Ärzte, die Patienten ungerechtfertigt zur Kasse bitten? Wir stoßen auf einen Fall, der uns daran zweifeln lässt:

Vor Gericht erscheint ein Arzt. Er hat nachweislich mehr als 3.100 Patienten betrogen: Bei Magen- und Darmspiegelungen hatte er von Patienten 40 Euro für jede Kurznarkose kassiert, obwohl das eine Kassenleistung war. Das Landgericht Darmstadt verurteilt den Arzt zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung wegen Betruges in besonders schwerem Fall. Danach entzieht das Landesgesundheitsamt ihm die Approbation. Dennoch praktiziert er bis heute weiter und behandelt auch Kassenpatienten. Hätte die kassenärztliche Vereinigung Hessen dem verurteilten Arzt nicht die Zulassung entziehen müssen?

Auf Anfrage von REPORT MAINZ rechtfertigt sie ihr Verhalten: Dem Arzt sei "zwar die Approbation entzogen worden", gleichzeitig aber "auch eine Berufserlaubnis erteilt worden", was ihn berechtige, "in der GKV tätig zu sein."

Offenbar dürfen selbst betrügerische Ärzte weiter Kassenpatienten behandeln – sogar mit dem Segen der Kassenärztlichen Vereinigung.


O-Ton, Sigurd Schmidt:

"Diese Ärzte, die so handeln, haben ihren Eid, den sie mal geleistet haben, vergessen."


Sigurd Schmidt musste letztlich an der Medizinischen Hochschule Hannover geholfen werden. Der ambulante Eingriff dauerte neun Minuten.


Abmoderation Birgitta Weber:

Gerne hätten wir mit den Ärzten, die Sigurd Schmidt nur gegen Bares behandeln wollten, gesprochen. Doch keiner hat auf unsere Anfrage reagiert.