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Text des Beitrags Auskunft verweigert

Warum Politik und Unternehmen nicht über den Einsatz von Glyphosat informieren wollen


Bericht:


O-Ton Richard Vogel, Anwohner:

"Ich rupfe jetzt mal Unkraut für die Deutsche Bahn, damit hier kein Herbizid, Pestizid gespritzt werden muss. Damit unser Garten, der hier gleich nebenan gelegen ist, nicht verpestet wird sozusagen von den Pestiziden. Die Spritzmittel sind ja zwar zugelassen, aber sie sind eben Gift."


Richard Vogel lebt direkt neben den Gleisen der Deutschen Bahn. Jahr für Jahr jätet er das Unkraut zwischen den Schienen. Als ehemaliger Toxikologe einer hochrangigen Bundesbehörde kennt er sich mit Pflanzenschutzmitteln bestens aus.


O-Ton Richard Vogel, Anwohner:

"Das macht mir Sorgen. Das ist ein Baustein, mit dem die Menschen die Welt verpesten."


Glyphosat-Spritzzug

Glyphosat-Spritzzug

Er rupft selbst, denn normalerweise versprüht die Bahn tonnenweise das hoch umstrittene Mittel Glyphosat auf den Gleisen, ohne Anwohner wie ihn zu informieren.


O-Ton, Richard Vogel, Anwohner:

"Es muss auf jeden Fall davor gewarnt werden, wenn der Einsatz in diesem Maße, wie das eben hier bei der Bahn der Fall ist, erfolgt. Das muss sein, auf jeden Fall."


Moderation Fritz Frey

Ja, die Bahn und der hoch umstrittene Unkrautvernichter Glyphosat. Eines unserer Themen heute Abend. Willkommen zu REPORT live aus Mainz.

Glyphosat steht in Verdacht krebserregend zu sein, das heißt, wissenschaftlich bewiesen ist es nicht, dass das Herbizid gesundheitsgefährdend ist.

Und dennoch: Die Weltgesundheitsorganisation stuft den Wirkstoff als „wahrscheinlich krebserregend“ ein und aktuelle Urteile in Amerika mit Schadenersatzsummen in Milliardenhöhe – all das legt doch nahe, dass wir hier sehr, sehr vorsichtig mit diesem Pflanzengift umgehen sollten.

Und gerade das Staatsunternehmen Deutsche Bahn sollte offen darüber informieren, wo und in welchen Mengen es Glyphosat einsetzt. Stattdessen rollen Giftzüge durch die Republik, doch wo diese Spritztour entlangführt, weiß so gut wie niemand.

Ulrich Neumann und Philipp Reichert mit den Details.


Bericht:

Auch vor dem Haus von Richard Vogel hat die Bahn schon Gift gespritzt, wie sein Foto zeigt. Doch er hofft, mit dem Unkrautjäten zu verhindern, dass der Giftzug direkt an seinem Grundstück vorbeirollt. In den letzten Jahren hat das funktioniert.

Ganz anders hier: Entlang der Bahnlinien liegen zehntausende Kleingärten. Viele im Besitz der Bahn oder der Kommunen. Wo Hobbygärtner nach Feierabend ihr Gemüse anbauen, rollt einmal im Jahr der Giftzug – wie hier vor wenigen Tagen im sächsischen Annaberg. Direkt entlang der Kleingärten.

Fast alle Bahnstrecken in Deutschland werden so behandelt. 2017 verspritzt das Unternehmen knapp 70 Tonnen Pflanzengift, darunter viel Glyphosat. Darüber wird niemand informiert, nach unseren Recherchen, weder Kleingärtner noch Anwohner.

Wir schicken der Bahn einen ausführlichen Fragenkatalog, wollen unter anderem wissen, wieviel Glyphosat eingesetzt wird und vor allem, warum Betroffene nicht informiert werden.

Die Antwort der Bahn – ausgesprochen schmallippig, nur wenige Zeilen lang. Unsere Fragen bleiben unbeantwortet.


Zitat:

"Wir würden lieber heute als morgen auf Glyphosat verzichten. (…) Wir können aber den Einsatz nicht vermeiden, da es noch immer keine wirksame Alternative gibt."


Auch Landwirte setzen tonnenweise das hoch umstrittene Glyphosat auf ihren Feldern ein. So wie hier in Brandenburg: In diesem Frühjahr eine blühende Löwenzahnwiese, dann wurde sie mit Glyphosat behandelt.

Der von den Bienen gesammelte Honig ist Sondermüll, muss entsorgt werden. Um das 160-fache ist der Grenzwert überschritten. Die Imker wurden nicht informiert.

Und auch sonst erfahren Anwohner und Anlieger nichts, wenn Glyphosat gespritzt wird. Das ergab eine Umfrage von REPORT MAINZ unter den Landwirtschaftsministerien der Länder. Eine gesetzliche Verpflichtung dafür gebe es nicht, schreiben sie.

Mainz vor kurzem am Kurfürstlichen Schloss. Treffen aller Verbraucherschutzminister der Länder mit der Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Thema: Gesundheitlicher Verbraucherschutz und Transparenz. Wir fragen nach:

Frage: Thema Transparenz und Glyphosat: Haben die Bürger da nicht ein Recht zu erfahren, wann, wo welche Mengen eingesetzt werden?

Julia Klöckner, CDU, Bundeslandwirtschaftsministerin

Julia Klöckner, CDU, Bundeslandwirtschaftsministerin

O-Ton, Julia Klöckner, CDU, Bundeslandwirtschaftsministerin:

"Das hatten wir heute nicht auf der Verbraucherschutzkonferenz, der Verbraucherschutzministerkonferenz gehabt. Weil wir die Pressekonferenz jetzt hierzu machen. Ansonsten wenden Sie sich gerne an unsere Pressestelle und dann antworten wir Ihnen."


Genau das haben wir gemacht, wollen wissen, ob sich Ministerin Klöckner künftig für eine solche Informationspflicht einsetzt.

Unsere Frage wird auch diesmal nicht beantwortet. Stattdessen heißt es:


Zitat:

"Für eine generelle Mitteilungspflicht an Anlieger oder Nachbarn bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln besteht derzeit keine rechtliche Handhabe."


Also keinerlei Handlungsbedarf? "Doch", sagt die frühere Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast. Für sie steht fest: Wenn Giftzüge rollen und Felder besprüht werden, müssen die Menschen informiert werden.


Renate Künast, Bündnis 90 / Die Grünen, ehem. Bundeslandwirtschaftsministerin

Renate Künast, Bündnis 90 / Die Grünen, ehem. Bundeslandwirtschaftsministerin

O-Ton, Renate Künast, Bündnis 90 / Die Grünen, ehem. Bundeslandwirtschaftsministerin:

"Wir sehen ja spätestens seit den Schadensersatzverfahren in den USA, wie gefährlich Glyphosat ist. Und das allein schon und die Kritik sollte eine Verpflichtung schaffen, nämlich dass immer informiert wird. Der Mensch muss die Möglichkeit haben, sich zu schützen. Eltern müssen die Möglichkeit haben, ihre Kinder zu schützen. Deshalb zwingend: Da, wo Glyphosat eingesetzt wird, muss die Information da sein."


Auch Trinkwasserbetriebe fordern jetzt Transparenz und eine Informationspflicht, wenn Glyphosat verwendet wird.

Wir treffen Bernhard Röhrle. Er ist Unternehmenssprecher eines Trinkwasserverbandes in Baden-Württemberg. Das Unternehmen hat das dortige Landwirtschaftsministerium verklagt.

Der Wasserversorger will wissen, welche und wie viele Gifte, auch Glyphosat, in ihren Wasserschutzgebieten gespritzt werden. Denn hier werden drei Millionen Menschen täglich mit Trinkwasser versorgt.


Bernhard Röhrle, Zweckverband Landeswasserversorgung

Bernhard Röhrle, Zweckverband Landeswasserversorgung

O-Ton, Bernhard Röhrle, Zweckverband Landeswasserversorgung:

"Wenn wir Informationen zum Glyphosat und den anderen Substanzen haben, können wir unsere Analyseverfahren daraufhin abstimmen. Momentan suchen wir nach der Stecknadel im Heuhaufen."



Nachfrage beim Landwirtschaftsminister, warum er die die Giftdaten nicht rausrückt.


Peter Hauk, CDU, Landwirtschaftsminister Baden-Württemberg

Peter Hauk, CDU, Landwirtschafts-minister Baden-Württemberg

O-Ton, Peter Hauk, CDU, Landwirtschaftsminister Baden-Württemberg:

"Die Daten, die die Landeswasserversorgung einfordert, gibt es nicht beim Land Baden-Württemberg. Und es gibt keine Gesetzesgrundlage, dass ich sie von den Landwirten erheben dürfte. Und deshalb, was ich nicht habe, kann ich nicht rausgeben."


Frage: Aber die Landwirte erheben die Daten?


O-Ton, Peter Hauk, CDU, Landwirtschaftsminister Baden-Württemberg:

"Die Landwirte erheben die Daten, das ist wahr. Aber wir haben ein umfassendes Datenschutzrecht."


O-Ton, Bernhard Röhrle, Zweckverband Landeswasserversorgung:

"Was nützen Daten, die erhoben werden, aber von keinem analysiert und ausgewertet werden. Das Land sträubt sich gegen die Datenfreigabe. Insofern besteht der Verdacht, dass irgendwas zu verbergen ist."


Fazit: Bei unserer Recherche quer durch die Republik stoßen wir auf keinerlei Bereitschaft darüber zu informieren, wenn das hochumstrittene Glyphosat eingesetzt wird.


Abmoderation Fritz Frey:

Kurz vor unserer Sendung hat die Deutsche Bahn erklärt, man wolle jetzt gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium ein Forschungsprojekt aufsetzen, um künftig ohne Glyphosat auszukommen. Das ist schon mal ein Anfang. Unser Vorschlag: Bis konkrete Ergebnisse vorliegen, informiert die Bahn, wo und in welchen Mengen das Herbizid gespritzt wird.