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SENDETERMIN Di, 26.7.2022 | 23:15 Uhr | Das Erste

Ausgebeutete Senioren Keine Straftaten für Erbschleicher

Skrupellose Ausbeuter täuschen Fürsorge vor, isolieren betagte Menschen und erschleichen sich deren Vermögen. Recherchen von REPORT MAINZ zeigen: Es geht um riesige Summen. Experten fordern von der Politik Gegenmaßnahmen. Doch Justizminister Buschmann erteilt dem Schutz älterer Menschen eine klare Absage.

In diesem Haus in Berlin ist ein Verbrechen geschehen. Die Ermittler entdecken im Flur den 84jährigen Klaus Jesse. Er wurde brutal getötet. Die Polizei sucht seinen Mörder. Wer hat ihn umgebracht? Was steckt dahinter?

Wir bekommen Kontakt zur Tochter des alten Mannes, Sabine Haupt, gehen gemeinsam zum Grab ihres Vaters. Klaus Jesse stand bis zuletzt noch voll im Leben, erzählt sie uns.


Sabine Haupt, Tochter:
"Familie war ihm sehr wichtig. Er war ein toller Opa. Und er war ein guter Vater. Das ist so unvorstellbar, dass... dass jemand auf diese Art und Weise gestorben ist. Also es ist eigentlich bis heute für mich unbegreiflich."


Gleich nach der Tat hat sie einen schlimmen Verdacht:


Sabine Haupt

Sabine Haupt

Sabine Haupt, Tochter:
"Als dann klar war, dass er getötet wurde, war für mich sofort klar, dass Frau Nerma das war."


Nerma kam in den Haushalt als Pflegerin für seine kranke Ehefrau. Nach deren Tod habe Nerma dann den Vater zunehmend vereinnahmt, ihn umgarnt, erzählt sie uns.


Wir sind auf der Spur von Nerma. Wer ist diese Frau? Wir bekommen ein Foto. Es zeigt eine Frau Ende 50, sehr attraktiv. Und das habe bei dem über 80-jährigen Klaus Jesse gewirkt, sagt uns die Tochter.


Sabine Haupt, Tochter:
"Ich glaube, dass er sich verliebt hat. Ich glaube, dass er meinte, das ist jetzt die Frau, die ihn glücklich macht."


Eine Unterschrift ist der Schlüssel zum Vermögen


Schon zwei Monate nach dem Tod der Ehefrau erteilt Klaus Jesse Nerma eine Generalvollmacht. Durch diese Unterschrift hat sie Zugriff auf all seine Konten, sein gesamtes Vermögen. Dazu gehört auch das Elternhaus von Sabine Haupt. Gemeinsam gehen wir mit ihr dort hin. Hier habe Nerma begonnen, ihren Vater zu isolieren, keinen Kontakt mehr zur Familie zugelassen.


Sabine Haupt, Tochter:
"Hier stand ich bestimmt in 2018 drei-, viermal davor und habe geklingelt. Und es hat keiner aufgemacht. Hier war dann erstmal für anderthalb Jahre Ende."


Später erfährt sie, dass Nerma dafür gesorgt hat, dass das Haus verkauft wird:


Sabine Haupt, Tochter:
"Auf einmal war es weg. Auch hier hat sie gesagt, sie hat keine Lust, sich mit den Erben rumzuschlagen und sie will hier nicht drin wohnen. Sie will was eigenes."


Gelebt hat er hier - ganz in der Nähe, in diesem Haus. Das hatte Nerma von dem Geld des Vaters gekauft - und zwar auf ihren Namen. Klaus Jesse hatte nur ein Wohnrecht.

Schließlich erkennt der Vater, dass er ausgebeutet wird - nimmt wieder Kontakt mit der Tochter auf, erzählt ihr von vielen Schikanen. Einmal habe Nerma sogar versucht, ihn die Kellertreppe herunterzustoßen. Nur einer von vielen Angriffen und Drohungen.


Sabine Haupt, Tochter:
"Und er hatte letztendlich nachher zum Schluss auch richtig Todesangst. Er hat sich in seinem Schlafzimmer richtig eingeschlossen und verbarrikadiert, ja."


Manuela Dursun, Autorin:
"Weil?"


Sabine Haupt, Tochter:
"Na, weil er den Eindruck hatte, sie bringt ihn um."


Ein klassischer Fall von Erbschleicherei


Die Tochter rät ihm, Anzeige zu erstatten beim LKA Berlin. Kommissarin Annett Mau kümmert sich um den Fall. Sie ist spezialisiert auf finanzielle Ausbeutung alter Menschen. Für sie ein klassischer Fall von Erbschleicherei.


Annett Mau

Annett Mau

Annett Mau, Kriminalhauptkommissarin LKA Berlin:
"Sie hat das gemacht, was wir das klassische Muster nennen. Sie hat sich angeboten. Sie hat tatsächlich Hilfe geleistet kurzfristig. Danach hat sie sofort die Fassade fallen lassen, hat ihn versucht, aus dem Haus zu drängen, weil das Haus war belastet mit dem Wohnrecht, wollte ihn quasi loswerden."


Klaus Jesse ist nicht das einzige Opfer von Nerma.


Annett Mau, Kriminalhauptkommissarin LKA Berlin:
"Nachdem viel Ermittlungsarbeit nötig war, konnten wir rekonstruieren, dass sie das in vielen Fällen schon getan hat. Sie ist eine absolute klassische Wiederholungstäterin, ja."


Obwohl die Polizei bereits ermittelt, kommt für Klaus Jesse jede Hilfe zu spät. Am 10. März 2020 geht Nerma zu Klaus Jesse. In der Hand: einen stockähnlichen Gegenstand. Damit schlägt sie dem alten Mann mehrfach auf den Kopf und boxt ihm massiv mit der Faust auf die Brust. Diesen Tatablauf rekonstruiert die Polizei später.
Es gelingt uns, die Ermittlungsakte der Mordkommission zu bekommen. Darin: die Tatortfotos des erschlagenen Klaus Jesse. Er liegt in einer Blutlache in seinem Flur. Erst nach einem Tag findet ihn sein Enkel. Nerma hat ihn einfach so liegenlassen.


November 2020, Landgericht Berlin. Hier wird Nerma für diese Tat verurteilt: Neuneinhalb Jahre Haft. Sie schweigt in dem Verfahren. Auch unsere Anfrage beantwortet sie nicht. Trotz dieses Gewaltverbrechens gehörte ihr das Vermögen ihres Opfers noch immer.


Erbschleicherei ist in Deutschland legal


Auch für die Kommissarin ist es ein herber Schlag, dass sie Klaus Jesse nicht schützen konnte.


Annett Mau, Kriminalhauptkommissarin LKA Berlin:
"Das trifft mich. Ich will helfen, ich will schützen. Und das geht nicht."


Manuela Dursun, Autorin:
"Nicht mit dieser Rechtslage."


Annett Mau, Kriminalhauptkommissarin LKA Berlin:
"Nicht mit dieser Rechtslage. Erbschleicherei ist noch nie strafbewehrt gewesen. Und wenn Erbschleicherei nicht strafbewehrt ist, ist sie im Umkehrschluss legal."


Eine Änderung der Rechtslage fordert auch Claudia Mahler, Expertin des UN-Menschenrechtsrates für die Belange älterer Menschen. Sie sagt, andere Länder, wie die USA, schützen ihre Senioren deutlich besser.


Claudia Mahler

Claudia Mahler

Claudia Mahler, Deutsches Institut für Menschenrechte:
"In den USA ist es so geregelt, dass, wenn das Vertrauen erschlichen wurde und hier ganz klar darauf eingegangen wurde, dass mit Gefühlen gespielt wurde oder Zwang dahintersteht, dass ich das Geschäft rückabwickeln kann, beziehungsweise die Vollmacht zurücknehmen kann. Das ist in Deutschland so nicht möglich. Ich glaube, deswegen müsste auch Politik hier etwas tun."


Politik fordert mehr Schutz für ältere Menschen


Vor zwei Jahren hatte sich die FDP massiv dafür eingesetzt, damals noch in der Opposition. Wir hatten darüber berichtet: Der jetzige Bundesjustizminister Marco Buschmann und seine FDP-Fraktion forderten ein Maßnahmenpaket von der Bundesregierung. Konkret: Die Einrichtung einer zentralen Beratungsstelle für Opfer und die Überprüfung der geltenden Rechtslage.

Dieser Antrag wurde damals vom Bundestag abgelehnt. Zum Leidwesen von Schwester Bernadette. Auch über sie hatten wir berichtet, sie in den bayerischen Landtag begleitet. Die Ordensfrau berät Opfer von Erbschleichern. Damals hoffte sie noch, von der Politik Geld für eine Beratungsstelle zu bekommen.


Schwester Bernadette, Ordensfrau:
"Ich brauch keine Dankesschreiben, ich brauche konkrete Taten."


Wir treffen Schwester Bernadette wieder, wollen wissen: Was ist aus den Versprechen der Politik geworden?


Schwester Bernadette

Schwester Bernadette

Schwester Bernadette, Ordensfrau:
"Ich habe eine offizielle Anlaufstelle immer schon haben wollen und das ging eben nicht, habe ich nicht durchgebracht. Deswegen sitzen wir jetzt auch hier in meiner privaten Anlaufstelle."


Die finanziert sie komplett aus Spenden. Bis heute hat sie also kein Geld von der Politik bekommen. Für sie frustrierend.


Schwester Bernadette, Ordensfrau:
"Es hat sich eher noch verschärft. Ich mache das zehn Jahre schon, eigentlich. Das sagt auch, dass der Bedarf riesengroß ist. Wenn das kein Fall für die Politik ist, dann verstehe ich es einfach nicht mehr. Ich kapier's nicht, ich verstehe es nicht."


Dabei erkennt auch der bayerische Justizminister das Problem: Georg Eisenreich hat sogar das Thema in die Justizministerkonferenz eingebracht. Auch seine Länderkollegen meinen, Ältere sollten besser geschützt werden.


Georg Eisenreich

Georg Eisenreich

Georg Eisenreich, CSU, bayerischer Justizminister:
"In der jetzigen gültigen Rechtslage gibt es die eine oder andere Schutzlücke im Bereich der Strafverfolgung, aber auch beim Thema Missbrauch von Vorsorgevollmachten. Und diese Schutzlücken müssten geschlossen werden."


Und so fordern die Länderjustizminister den Bundesjustizminister Marco Buschmann auf, die Rechtslage zu überprüfen. In der Opposition hatte der sich noch für den Schutz älterer Menschen eingesetzt.


Bundesjustizminister sieht keinen Handlungsbedarf


Jetzt möchte er uns dazu kein Interview mehr geben und ändern möchte er als Justizminister auch nichts. Seine Begründung


Bundesministerium der Justiz:
"Das Strafgesetzbuch enthält bereits hinreichende Möglichkeiten zur angemessenen Ahndung von Eigentums- und Vermögensdelikten zum Nachteil älterer Menschen."


Tatsächlich: Kein Handlungsbedarf? Einfach rundheraus abgelehnt.


Georg Eisenreich, CSU, Bayerischer Justizminister:
"Ich kann die Absage nicht nachvollziehen. Weder das Ergebnis noch die Begründung überzeugt mich."


Auch LKA-Kommissarin Annett Mau hat für die Entscheidung des Justizministers kein Verständnis.


Annett Mau, Kriminalhauptkommissarin LKA Berlin:
"Wir kriegen aus dem gesamten Bund Anrufe, verzweifelte Anrufe von Angehörigen, Betroffenen selbst, und allen muss ich im Grunde sagen: Ich kann Ihnen nicht helfen."


Dass nichts getan wird: Für Sabine Haupt ein Schlag ins Gesicht.


Sabine Haupt, Tochter von Klaus Jesse:
"Die alten Menschen sind nicht geschützt. Wodurch denn? Wie denn? Jetzt musste mein Vater einen sehr hohen Preis bezahlen, nämlich mit seinem Leben."