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Text des Beitrags Armut durch Krebs

Krebskranke fallen häufig durchs soziale Raster

Guten Abend zu REPORT MAINZ! Das Thema unseres ersten Beitrages lässt sich auf eine einfache, eine böse Formel bringen: Erst Krebs – dann arm.

Denn es ist wohl so, dass mit der Diagnose Krebs mehr und mehr ein echtes Armutsrisiko einhergeht. Während das Einkommen sinkt – krankheitsbedingt – steigen die Kosten: Arztfahrten, Zuzahlungen und so weiter, und so weiter. Experten berichten uns, die Angst vor der Armut ist für viele Krebskranke manchmal belastender als die Krankheit selbst.

Ulrich Neumann hat Krebspatienten getroffen, die beeindruckend tapfer an zwei Fronten kämpfen: gegen die Krankheit und die drohende Armut.


Bericht:

Wer Krebs hat, braucht alle Kraft dafür, diese heimtückische Krankheit zu besiegen. Aber nicht selten haben diese Menschen noch ganz andere Sorgen.


O-Ton, Krebskranker:

"Man kann ja nichts dafür, dass man krank ist, und man kommt in eine Lage rein, die einen finanziell bedrückt."


Krebs ist für jeden das Martyrium, doch für viele gibt es noch ein weiteres dazu:


O-Ton, Krebskranker:

"Na ja, jetzt bin ich vielleicht dem Krebs mal von der Schippe gesprungen, aber wie geht es dann mit mir weiter? Dann ist das ein bodenloser Absturz, ein Absturz ins Bodenlose."


Daniel Zimmermann, 48 Jahre alt, erkrankt am besonders tückischen Schwarzen Hautkrebs, fortgeschrittenes Stadium. 15 Operationen in anderthalb Jahren.


O-Ton, Daniel Zimmermann, krebskrank:

Daniel Zimmermann

Daniel Zimmermann, krebskrank

"Mir war das unmittelbar klar, was das bedeutet auf der gesundheitlichen Schiene. Damals hatte ich das Thema wirtschaftliche Situation noch gar nicht auf dem Schirm, war auch ganz lange gar kein Focus darauf, weil es geht ganz klar ums Sterben."




Der Diplomingenieur aus der Pfalz hat 25 Jahre ohne Unterbrechung in die sozialen Sicherungssysteme eingezahlt – rund eine Million Euro. Mit Beginn der Krankheit bekam er erst mal 1.500 Euro weniger im Monat. Das ist ein Minus von 25 Prozent.


O-Ton, Daniel Zimmermann, krebskrank:

"Und wenn man die Zahlen sieht, die ich jetzt zurück bekomme, als ob die Zeiten, in denen ich eingezahlt habe, nichts bedeuten würden. Und das ist eine Perspektive, die mich erschauern lässt."


Und nun droht unmittelbar die nächste Verschlechterung: Sein Krankengeld läuft aus – nach nur 48 Wochen. Bestenfalls bekäme er dann Arbeitslosengeld. Das ist gegenüber dem, als er noch gesund war, ein Minus von 33 Prozent. Es kann aber auch schlimmer kommen, nämlich Erwerbsminderungsrente. Im Schnitt sind das 719 Euro.


O-Ton, Daniel Zimmermann, krebskrank:

"Und das ist die größte Katastrophe, die passieren kann."


Prof. Bernhard Wörmann von der Charité – einer der führenden Onkologen der Republik. Armut durch Krebs, sagt er, ist kein Einzelfall. Doch kaum jemand spricht darüber. Armut durch Krebs – ein Tabuthema.


O-Ton, Prof. Bernhard Wörmann, Charité Berlin:

Prof. Dr. Bernhard Wörmann

Prof. Dr. Bernhard Wörmann

"Wir erleben diese finanziellen Abstürze sehr regelmäßig. Wir sehen, dass Patienten manchmal sogar durch die finanziellen Probleme stärker belastet sind kurzfristig als durch die Krankheit selbst. Die Sorge, wie es der Familie weitergeht, wie man selbst über die Runden kommt, überlagert dann das Problem, was wir für wichtiger halten, nämlich des Gesundwerdens."


Heinrich Brusius, 60 Jahre, chronischer Blutkrebs, selbstständiger Tischler mit kleiner Firma. Er hat ein Leben lang gerackert. Ihn trifft es als Selbstständigen besonders hart. Er hat jetzt 700 Euro weniger. Ein Minus von 70 Prozent.


O-Ton, Heinrich Brusius, krebskrank:

Heinrich Brusius

Heinrich Brusius, krebskrank

"Man überlegt und man grübelt, was man machen kann. Die ganze Situation hat mir schon Depressionen bereitet."






Dr. Ulf Seifart, Chefarzt einer großen Reha-Klinik in Hessen. Er schätzt, dass Hunderttausende Krebskranke von finanziellen Engpässen betroffen sind.


O-Ton, Dr. Ulf Seifart, Chefarzt Reha-Klinik Marburg:

"Das ist ja ein Problem, was ja durch eine sehr erfreuliche Entwicklung entsteht, nämlich die, dass Patienten in einem zunehmenden Maße ihre Krebserkrankung ganz überleben können und dadurch Probleme entwickeln, die wir ja viele Jahre gar nicht gesehen haben, und auf die wir uns vom Gesundheitssystem her auch erst einmal einstellen müssen."


Eine noch unveröffentlichte Studie von Medizinern ermittelt jetzt erstmals dramatische Zahlen. Untersucht wurden über 1.000 Patienten mit Lymphdrüsenkrebs. Sie gelten als geheilt. Doch 35 Prozent von ihnen klagen über finanzielle Probleme.


O-Ton, Prof. Bernhard Wörmann, Charité Berlin:

"Wenn wir Zahlen sehen, dass ein Viertel bis ein Drittel der Patienten Jahre nach einer Krebserkrankung unter finanziellen Problemen leiden, dann ist das ein riesiges Problem. Das wird so nicht wahrgenommen."


Und noch etwas - eine aktuelle Studie mit Brustkrebspatienten stellt außerdem fest: Je älter die Patienten sind, desto häufiger gibt es finanzielle Probleme.


O-Ton, Dr. Ulf Seifart, Chefarzt Reha-Klinik Marburg:

Dr. Ulf Seifart

Dr. Ulf Seifart

"Patienten sagen, diese finanziellen Einschnitte sind für sie relevanter, bedeutsamer als die körperlichen oder psychischen Nebenwirkungen der Behandlung oder der Erkrankung."





Was aber könnte Patienten wie ihnen in ihrer dramatischen Situation helfen? Lösungen gäbe es, sogar relativ einfache.

Nummer 1: Bis zu 78 Wochen kann ein Patient Krankengeld erhalten. Tatsächlich ist die Dauer oftmals viel kürzer, und vor allem: Diese Regelung wird völlig starr gehandhabt. Ein längeres Krankengeld würde schon vielen helfen.


O-Ton, Dr. Ulf Seifart, Chefarzt Reha-Klinik Marburg:

"Das wäre ein – wie ich finde – sehr guter Ansatz. Gerade bei so langwierigen Therapieverläufen würde es den Patienten helfen, wenn das Krankengeld dann etwas länger gezahlt wird."


Lösungsmöglichkeit Nummer. 2: Krebspatienten werden beraten von Krankenkassen, der Rentenversicherung, der Bundesagentur für Arbeit. Alle haben ihre eigenen finanziellen Interessen, oftmals konträr zu denen der Patienten. Deshalb muss es für sie einen unabhängigen Berater geben – einen Lotsen:


O-Ton, Prof. Bernhard Wörmann, Charité Berlin:

"Ein unabhängiger Lotse ist genau das, aber es muss ein qualifizierter Lotse sein und es muss dafür auch ein bestimmtes Curriculum da sein, was so ein Lotse leisten muss, wissen muss und auch dem Patienten dann liefern muss."


Weder Öffentlichkeit noch Politik hatten bisher die dramatische finanzielle Situation krebskranker Menschen im Blick. Höchste Zeit, dass sich das ändert.


Abmoderation Fritz Frey:

Ja, höchste Zeit, dass sich das ändert – das Thema muss schleunigst auf den Tisch unserer Gesundheitspolitiker. Im Netz übrigens eine längere Fassung des Beitrages und weitere Interviews mit Experten.