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Text des Beitrags Angst bei Amazon

Unbefristete Verträge sind bei dem Weltkonzern die Ausnahme

Amazon Firmenvideo

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Es ist aber auch bequem: das Bestellen beim weltweit größten Internet Händler Amazon. Keine Öffnungszeiten, keine Warteschlangen, keine schlecht gelaunten Verkäufer – mit ein paar Mausklicks ist der Einkauf stressfrei erledigt.

Die Bearbeitung der Bestellungen erfolgt in riesigen Logistikzentren und dort, fast hätte man es vergessen, arbeiten Menschen aus Fleisch und Blut. Unter welchen Bedingungen sie das tun, das wollten Eric Beres und Nikolai Hotsch wissen.

Bericht:

Perfekte Arbeitswelt im Logistikzentrum. Im Internet präsentiert Amazon seine Mitarbeiter. Stolz wirbt der Konzern mit der Auszeichnung "Fair Company", faires Unternehmen. Doch ist Amazon auch fair zu seinen Mitarbeitern?

Wir treffen Nicole Möller. Bis vor kurzem hatte sie hier ihren Job. In diesem Logistikzentrum von Amazon in Bad Hersfeld hat sie als Versandmitarbeiterin Kundenrücksendungen bearbeitet. Sie will mit uns über ihre Arbeitsverträge reden.

Interview mit einer ehem. Amazon-Mitarbeiterin

Nicole Möller, ehem. Amazon-Mitarbeiterin

O-Ton, Nicole Möller, ehem. Amazon-Mitarbeiterin:

»Ich hatte in den eineinhalb Jahren fünf Verträge, einen Hauptvertrag und vier Weiterbefristungen bekommen.«

Frage: Also immer wieder...

O-Ton, Nicole Möller, ehem. Amazon-Mitarbeiterin:

»Immer wieder befristet.«

Mal neun Monate, mal nur sechs Wochen. Immer wieder bangte Nicole Möller um ihren Job.

O-Ton, Nicole Möller, ehem. Amazon-Mitarbeiterin:

»Das war Druck. Das war Druck ausüben auf Mitarbeiter wie ich, die befristet angestellt waren, einfach anzutreiben, um noch mehr Leistung rauszubringen.«

Das bestätigt uns auch diese Mitarbeiterin von Amazon. Sie will unerkannt bleiben, weil sie Angst um ihren Job hat. Seit fast drei Jahren wird sie immer wieder befristet beschäftigt, inzwischen schon zum fünften Mal. Trotz bester Arbeitszeugnisse bekommt sie keinen festen Vertrag.

Arbeitsverträge von Amazon

Arbeitsverträge von Amazon

O-Ton, Stimme nachgesprochen:

»Also, ich werde kurz eingestellt, dann werde ich wieder entlassen beziehungsweise nicht übernommen und dann gehe ich am nächsten Tag an meinen Briefkasten und schlag die Zeitung auf – da steht dann eine komplette Seite: Amazon sucht Leute.«

Frage: Wie fühlen Sie sich dabei?

O-Ton, Stimme nachgesprochen:

»Ausgebeutet. Verarscht. Also ich finde das unter aller Sau!«

Wir wollen von Amazon wissen: Wie viele Befristete gibt es eigentlich an den deutschen Standorten? Offiziell erhalten wir keine genaue Auskunft.

Doch wir bekommen ein Papier mit internen Beschäftigtenzahlen zum größten deutschen Amazon-Standort in Bad Hersfeld zugespielt.

Danach sind zum Beispiel im August 2011 in den beiden Logistikzentren von den Vollzeitbeschäftigten 1.061 unbefristet angestellt. Befristet aber sind 2.330.

Insgesamt sind also rund zwei Drittel aller Vollzeitbeschäftigten befristet. Ist eine solche Quote normal? Wir bitten den renommierten Wirtschaftswissenschaftler Prof. Stefan Sell um eine Einschätzung.

Interview mit Prof. Stefan Sell

Prof. Stefan Sell, FH Koblenz-Remagen

O-Ton, Prof. Stefan Sell, FH Koblenz-Remagen:

»Der Normalfall sollte die unbefristete Beschäftigung sein und man hat hier dieses Normal-Modell einfach schlichtweg von den Füßen auf den Kopf gestellt.«

Warum setzt der Konzern so stark auf Befristung? Schriftlich teilt Amazon uns mit: Man nutze die Befristung "...zum einen, um Nachfrageschwankungen im Jahresverlauf gerecht zu werden, zum anderen, um engagierte Mitarbeiter zu finden."

Erstes Argument: "Nachfrageschwankungen im Jahresverlauf". Tatsächlich braucht der Konzern zu bestimmten Zeiten mehr Personal, zum Beispiel für das Weihnachtsgeschäft.

Merkwürdig nur: Nach den Zahlen, die REPORT MAINZ vorliegen, ist die Quote der befristet Beschäftigten in Bad Hersfeld auch in vielen anderen Monaten des Jahres ähnlich hoch.

Anette Kramme ist Juristin und arbeitsmarktpolitische Sprecherin der SPD- Bundestagsfraktion. Ihre Einschätzung zum Fall Amazon ist eindeutig.

Interview mit Anette Kramme, SPD

Anette Kramme, SPD, arbeitsmarktpolitische Sprecherin, Bundestagsfraktion

O-Ton, Anette Kramme, SPD, arbeitsmarktpolitische Sprecherin, Bundestagsfraktion:

»Amazon missbraucht das Gesetz, indem es die Rechtslage bis aufs Äußere ausschöpft. Wir haben hier Arbeitsverträge vorliegen, die sich auf das gesamte Kalenderjahr beziehen, wo sich eine Befristung an die andere reiht, und das ist etwas, was in dieser Form nicht akzeptabel ist.«

Doch Amazon geht es auch darum „engagierte Mitarbeiter“ zu finden. Aber was heißt das?

Der Arbeitssoziologe Prof. Klaus Dörre beschäftigt sich intensiv mit dem Thema befristete Jobs. Er beobachtet generell, dass immer mehr Firmen auf Befristung setzen. Als Disziplinierungsmaßnahme.

Interview mit Prof. Klaus Dörre

Prof. Klaus Dörre, Universität Jena

O-Ton, Prof. Klaus Dörre, Universität Jena:

»Es ist ein Erpressungsinstrument, weil das natürlich Beschäftigte sind, die minderen Rechts sind, die nicht so in Interessenvertretungen repräsentiert sind, die sich vor allen Dingen aber nicht trauen, den Mund aufzumachen, weil sie sich ständig bewähren müssen, das ist der entscheidende Punkt.«

Sich ständig bewähren müssen. Dieses Gefühl hatte auch Rainer Schmitt. Er hat zwei Jahre lang hier bei Amazon in Leipzig befristet gearbeitet. Nach drei Verlängerungen war Schluss.

O-Ton, Rainer Schmitt, ehem. Amazon-Mitarbeiter:

»Ich habe in den zwei Jahren nicht einen Tag wegen Krankheit gefehlt. Ich war nie beim Doktor gewesen.«

Frage: Obwohl sie krank waren, auch mal?

Interview mit ehem. Amazon-Mitarbeiter Rainer Schmitt

Rainer Schmitt, ehem. Amazon-Mitarbeiter

O-Ton, Rainer Schmitt, ehem. Amazon-Mitarbeiter:

»Natürlich, also da habe ich mich mit Medikamenten vollgestopft. Und bin dennoch zur Arbeit gegangen.«

O-Ton, Nicole Möller, ehem. Amazon-Mitarbeiterin:

»Bei mir war es dann eben so: Ich habe mich so weit fertig gemacht, ich habe eigentlich, bis auf die letzte Vertragsverlängerung, habe ich bei jeder Befristung geweint, richtig geweint, weil die Angst einfach so groß war, dass dann nur noch der Stein geplumpst ist, der eben die ganze Zeit im Magen lag.«

Die Angst der befristeten Mitarbeiter – sie ist bei Amazon offenbar Teil des Geschäftsmodells.

Abmoderation Fritz Frey:

Was also bleibt: Gesetze ändern, klar! Aber auch die Macht des Kunden. So wie ich von meinem Supermarkt um die Ecke erwarte, dass er seine Mitarbeiter anständig behandelt, so erwarte ich das auch von jedem Internetanbieter. Und wenn meine Erwartung enttäuscht wird, dann verliert er mich als Kunde.