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Alleingelassen in der Psychiatrie

Warum Patientenschutz oft nicht funktioniert


Moderation Fritz Frey:

Nächstes Thema. Nehmen wir zum Beispiel die Erkrankung an einer Depression. Die Weltgesundheitsorganisation schlägt Alarm, die Zahl derjenigen, die an Depressionen leiden, steigt rapide an. Etwa doppelt so viele Frauen wie Männer trifft es.Allein in Deutschland sind es 5,3 Millionen Menschen. Und für viele von ihnen ist die Psychiatrie eine letzte Hoffnung.

Doch wird denen, die an Psychosen, Panikstörungen, Magersucht oder eben auch an Depressionen leiden, in unseren Psychiatrien wirklich geholfen oder sind Patienten dort eher schutzlos?

Manuela Dursun und Franco Foraci haben für uns hinter die Mauern deutscher Psychiatrien geblickt.

Bericht:

Uniklinikum Frankfurt. Außen eine schöne Fassade, doch in der psychiatrischen Abteilung herrschen ganz andere Zustände - seit Jahren. Eine Insiderin berichtet uns.


Grafische Darstellung eines Viererzimmers in der Psychiatrie, die Patienten schlafen in Betten

Experten sagen, Zustände in psychiatrischen Einrichtungen könnten menschenunwürdig sein.

O-Ton, Insiderin:

"Es ist sehr laut, es ist eine gewaltbesetzte Atmosphäre. Unsere Akutstation, die ist dunkel und schmutzig und total versifft. An manchen Stellen schimmelt es. Aus den Wasserhähnen läuft braune Soße raus. In dem Überwachungszimmer sind bis zu vier schwerkranke Patienten."

Ähnliche Vorwürfe erhebt auch Manuel Rudolf. Er ist gesetzlicher Betreuer eines Patienten der Frankfurter Akutpsychiatrie. Er erzählt uns, der müsse dort seit sieben Monaten in einem Vier-Bett-Zimmer leben.


O-Ton, Manuel Rudolph, Betreuer:

"Er wird dadurch tatsächlich noch aggressiver, unruhig, traurig, sehr hilflos." Der 69-Jährige sei dement und habe wahnhafte Störungen. Immer wieder werde er am Bett fixiert, sagt er uns.


O-Ton, Manuel Rudolph, Betreuer:

"Die Fixierung, glaube ich, löst noch mehr Aggressionen aus. Und auch ein Trauma, würde ich sagen."

Auch sei die Station häufig überbelegt, er habe schon mehrfach Patienten in Betten auf dem Flur gesehen.
Kann das sein? Psychiatrische Patienten, die auf dem Flur behandelt werden?

Uns gelingt es eine ehemalige Mitarbeiterin der Akutpsychiatrie zu treffen. Sie schildert ähnliche Zustände, spricht von einer gereizten Grundstimmung.


O-Ton, Zeugin:

"Fixierungen kommen regelmäßig vor. Und durch die angespannte Atmosphäre wird manchmal auch übermäßig viel Gewalt angewendet."

Schwere Vorwürfe! Die Frankfurter Uniklinik betont uns gegenüber:


Zitat, Frankfurter Uniklinik:

"Alle Fixierungen werden gemäß gesetzlicher Grundlage durchgeführt"

Sie räumt ein, dass es


Zitat, Frankfurter Uniklinik:

"… punktuell immer wieder zu Überbelegungen kommt",

die Klinik sich aber trotzdem


Zitat, Frankfurter Uniklinik:

"… der Verantwortung zur Versorgung psychisch kranker Menschen jederzeit voll und ganz stellt".


Wir finden bundesweit Psychiatrien, die in die Schlagzeilen geraten. Freiheitsberaubungen, menschenunwürdige Zustände, sogar Tote.Wieso gerade die Psychiatrien?


Wir fragen einen, der viele Kliniken besucht: Dr. Martin Zinkler ist auch selbst Chefarzt einer Psychiatrie in Heidenheim. Er glaubt, dass solche Mißstände in Psychiatrien sehr häufig vorkommen.


Dr. Martin Zinkler

Dr. Martin Zinkler, Chefarzt Psychiatrie Heidenheim

O-Ton, Dr. Martin Zinkler, Chefarzt Psychiatrie Heidenheim:

"Grundsätzlich sind solche Zustände in allen deutschen Kliniken möglich, weil nicht wirklich draufgeschaut wird, was machen die. Es wird eher weggeschaut. Und wenn man wegschaut, so ist es auch nicht anders als bei der katholischen Kirche, dann passieren Dinge, die nicht passieren dürfen. Und damit ist klar, dass die Patienten, die in so einer Situation sind, besonders schützenswert sind."


Hinschauen und gerade psychiatrische Patienten schützen – das ist sogar im Gesetz verankert: Jedes der 16 Bundesländer hat sein eigenes Psychiatrie-Gesetz. Als zentraler Patientenschutz sind sogenannte Besuchskommissionen installiert.
Diese Kontrollgremien dürfen Psychiatrien vor Ort begutachten, Akteneinsicht nehmen und unangemeldet kommen. Sie berichten an die Landtage.


Ortswechsel:

Bremen. Normalerweise arbeiten sie unangemeldet und ohne Zuschauer. Wir dürfen heute dabei sein, wenn diese fünf Männer die Psychiatrie Bremen Nord kontrollieren. Zur der Besuchskommission gehören: ein Psychiater, ein Amtsrichter und auch ein Patientenvertreter. Am Eingang melden sie sich an. Der Pflegedienstleiter der Klinik kommt dazu und führt sie durch die Stationen: 82 Patienten werden hier behandelt. Einmal im Jahr kommt diese externe Kontrollgruppe und guckt in Therapieräume und auch Patientenzimmer.

Und worauf achten sie dabei?


Frank Robra-Marburg

Frank Robra-Marburg, Besuchskommission Bremen

O-Ton, Frank Robra-Marburg, Besuchskommission Bremen:

"Es gab auch schon Fälle, dass Klinikbetten mit Fixiergurten da stehen. Das sollte eigentlich nicht so sein."

Hier finden sie keine Betten auf den Gängen. Dafür bemerken alle auf der Tafel mit dem Tagesplan: Es fällt viel Therapie aus.


Frage, Kommissionsmitglied:

"Können Sie uns die Gründe nennen, warum das ausfällt?"


Antwort, Pflegedienstleister:

"Ja, da ist dann der Bewegungstherapeut im Urlaub oder krank."


Sie sprechen mit Patienten. Und auch die berichten, es würde häufig Therapie ausfallen.

Solche Missstände aufdecken können sie vor allem, wenn sie unangemeldet kommen, sagen sie uns. Arbeiten tatsächlich alle Besuchskommissionen so, dass sie unangemeldet kommen? Wir fragen bundesweit nach.


Das Ergebnis erstaunlich: 47 Besuchskommissionen kündigen Kontrollen vorher an. Nur sieben geben an, dass sie unangemeldet kommen. Und dass, obwohl in den meisten Psychiatriegesetzen klar steht, die Kommission solle in der Regel unangemeldet auftauchen.


Jörg Utschakowski

Jörg Utschakowski, Leiter Besuchskommission Bremen

O-Ton, Jörg Utschakowski, Leiter Besuchskommission Bremen:

"Sonst könnte man ja die Schmutzecken noch schnell saubermachen, die Patienten, die jetzt vielleicht fixiert sind, schnell mal losmachen oder Patienten morgens keine Medikamente gegeben, damit sie nicht so zugedröhnt sind."


Doch das ist nicht der einzige Kritikpunkt. Margret Osterfeld ist Psychiaterin und seit 20 Jahren Mitglied einer Besuchskommission in Nordrhein-Westfalen. Sie kritisiert, Abschlussprotokolle auch ihrer Kommission seien oft geschönt.


Margret Osterfeld

Margret Osterfeld, Psychiaterin und Mitglied Besuchskommission Nordrhein-Westfalen

O-Ton, Margret Osterfeld, Mitglied Besuchskommission Nordrhein-Westfalen:

"Bei jedem fünften Protokoll kommt es vor, dass ich sogar nicht unterschreibe, weil gravierende Patientenrechte nicht genügend geschützt wurden. Meine Erfahrung bisher ist, dass die Besuchskommissionen nicht wirklich Dinge grundlegend verändern wollen."


Und was wird die Besuchskommission in Bremen in ihren Bericht schreiben?


O-Ton, Gespräch Kommission:

"Mir ist auch noch eins aufgefallen anhand des Patientengesprächs, wie viele Therapiestunden eigentlich ausfallen. "
"Wir können ja eine Dreimonatsstatistik anfordern."

Doch zwingen können sie die Klinik dazu nicht.


Das bemängelt auch Reiner Ott, Mitglied in der Besuchskommission in Hamburg. Er kritisiert, die Kontrollgremien hätten keine Sanktionsmöglichkeiten:


Reiner Ott

Reiner Ott, Mitglied Besuchskommission Hamburg

O-Ton, Reiner Ott, Mitglied Besuchskommission Hamburg:

"Dass es ja schon fast wie so ein Feigenblatt ist. Wir stehen zwar im Gesetz, aber wir werden nicht wirklich auch ernst genommen. Und dass Missstände erst so spät in der Politik ankommen und dann auch behandelt werden."


Und dass das so ist, zeigt auch das Beispiel Frankfurt: Erst nachdem die Missstände in der Akutpsychiatrie öffentlich wurden, hat das Sozialministerium Hessen die gesetzlich vorgeschriebenen Besuchskommissionen überhaupt gebildet.

In der Frankfurter Akutpsychiatrie war das Kontrollgremium aber bisher immer noch nicht.


Der Schutz von Patienten in Psychiatrien. Bundespolitiker kritisieren systematische Mängel bei den Besuchskommissionen.


Maria Klein-Schmeink

Maria Klein-Schmeink, Bündnis 90/Die Grünen, gesundheitspolitische Sprecherin

O-Ton, Maria Klein-Schmeink, Bündnis 90 / Die Grünen, gesundheitspolitische Sprecherin:

"Wenn die am Ende kaum die Möglichkeit haben, ihrem Auftrag gerecht zu werden, ist das natürlich strukturell ein Mangel und da müssen wir ran."


O-Ton, Christine Aschenberg-Dugnus, FDP, gesundheitspolitische Sprecherin:

"Es ist ein Placebo-Instrument, was keine Wirkung entfaltet für die Patienten, denn ansonsten müsste man anders vorgehen."


Geschönte Berichte, angemeldete Besuche, keine Sanktionsmöglichkeiten: Die Politik muss mehr tun, um Patienten in Psychiatrien wirklich zu schützen.


Abmoderation Fritz Frey:

Zum Thema unter reportmainz.de auch ein Gespräch, das ich mit unserer Autorin geführt habe, unter anderem zur Frage, was man tun kann, um eine gute Psychiatrie zu finden.