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SENDETERMIN Mo, 18.8.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Stiller Boykott Warum Fachärzte sich weigern, Patienten im Pflegeheim zu behandeln

Guten Abend zu REPORT MAINZ. Den Jüngeren unter unseren Zuschauern sei erklärt: Früher, wenn man krank zu Hause im Bett lag, kam der Arzt. Hausbesuch, nannte man das. Heute sind solche Hausbesuche eher die Ausnahme. Gründe dafür gibt es viele, aber, so habe zumindest ich gedacht, wer wirklich krank und pflegebedürftig ist, der bekommt auch heute noch Besuch. Wenn es sein muss sogar vom Facharzt.

Falsch gedacht. REPORT-Autor Gottlob Schober hat mich eines Besseren belehrt. Bettlägerig und alt, aber trotzdem kommt der Facharzt nicht. Im Gegenteil, quälende und obendrein auch noch teuere Krankentransporte werden immer mehr zur Regel.

Bericht:

Ingeborg Niemczik ist schwer pflegebedürftig. Jeder Krankentransport wird für die Wiesbadenerin zu einer kaum zumutbaren Belastung. Deshalb war sie froh, dass bislang der Facharzt zu ihr kam. Doch das hat sich jetzt geändert.

Ihr Urologe macht bei ihr keine Hausbesuche mehr. Die alte Dame wird daher in die Praxis von Michael Weidenfeld gebracht. Eine völlig überflüssige Qual für die 77-Jährige. Dabei muss der Mediziner nur den Blasenkatheter wechseln. Ein Routinehandgriff, der wenige Minuten dauert.

Frage: Für diesen Katheterwechsel hätte Frau Niemczik nicht zu Ihnen in die Praxis kommen müssen?

O-Ton, Dr. Michael Weidenfeld, Urologe:

»Nein, das ist problemlos zu Hause zu erledigen.«









Frage: Und warum muss sie dann trotzdem in die Praxis kommen?

O-Ton, Dr. Michael Weidenfeld, Urologe:

»Es ist für uns nicht mehr zumutbar, für nichts oder für so ein geringes Entgelt diese Serviceleistung des Hausbesuchs zu erbringen.«

Andere Fachärzte denken genauso. Wir sind im Wiesbadener Ludwig-Eibach-Haus. In dieser Pflegeeinrichtung lebt der blinde 91-jährige Franz Mehlig. Auch sein Arzt hat jetzt angekündigt, bei ihm künftig keine Hausbesuche mehr zu machen. Der alte Mann macht sich große Sorgen.

O-Ton, Franz Mehlig:

»Es ist immer eine Belastung.«










Frage: Und wie wirkt sich das aus?

O-Ton, Franz Mehlig:

»Ja, man fühlt sich matt, irgendwie bedrückt.«

Friedhelm Schrey ist Geschäftsführer dieser Pflegeeinrichtung. Die Entscheidung der Ärzte kann er Bewohnern, wie Franz Mehlig, nur schwer vermitteln.

O-Ton, Friedhelm Schrey, Geschäftsführer EVIM Altenhilfe:

»Ich sehe das als eine anstehende Katastrophe, weil wir die medizinische Versorgung, die differenzierte und ausgewogene medizinische Versorgung der Menschen in unseren Einrichtungen damit nicht mehr garantieren können.«



Warum boykottieren Ärzte Hausbesuche? Michael Weidenfeld rechnet vor: 17 Euro bekomme er für den ersten Besuch im Quartal, sechs Euro für den zweiten. Das sei nicht rentabel. Außerdem gebe es beim Transport von Frau Niemczik keine gesundheitlichen Risiken.

Wir bitten den SPD Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach um eine Einschätzung. Für ihn ist das Verhalten der Ärzte nicht akzeptabel.

O-Ton, Prof. Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitspolitiker:

»Das ist richtig, dass nicht alle dieser Patienten für den Facharzt einen Gewinn bringen. Aber ein Arzt ist kein Unternehmer. Es muss nicht jeder Patient einen Gewinn bringen. Es gibt Patienten, da bekommt er eine hohe Pauschale, obwohl er geringe Kosten hat. Bei anderen ist es umgekehrt. Ein Arzt kann nicht hingehen und sagen, die Patienten, die sich für mich nicht rechnen, die mache ich nicht. Es sei denn, sie kommen zu mir. Das ist einfach nicht ethisch.«

Eine Studie zur ärztlichen Versorgung in Pflegeheimen vom Spätsommer 2005 zeigt das Problem. Mitautorin: die ehemalige Bundesgesundheitsministerin, Ursula Lehr. Hauptergebnis:

Zitat:

»Die fachärztliche Versorgung weist erhebliche Lücken auf. So fehlt die Versorgung mit Frauenärzten, Augenärzten und HNO-Ärzten fast völlig. Die Betreuung durch Urologen und Orthopäden ist unzureichend.«

O-Ton, Prof. Ursula Lehr, ehemalige Bundesgesundheitsministerin:

»In Fällen, in denen der Arzt die gleiche Behandlung auch im Heim durchführen kann, sollte man unbedingt den Besuch des Facharztes im Heim fordern.«






Nochmals: Wenn sie medizinisch erforderlich sind, müssen Krankentransporte natürlich sein. Aber in vielen Fällen könnten sie verhindert werden.

Annemarie Liebholz vom Wiesbadener Seniorenbeirat schlug daher schon 2007 bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessens Alarm. Vor wenigen Wochen antworteten ihr die Funktionäre. „Aus betriebswirtschaftlichen Gründen“ sei es „nicht mehr möglich“, „eine flächendeckende und regelmäßige fachärztliche Betreuung in den Alten- und Pflegeheimen zu gewährleisten“.

O-Ton, Annemarie Liebholz, Seniorenbeirat Wiesbaden:

»Wenn man so etwas knallhart sieht und liest, dass man sagt, aus wirtschaftlichen Gründen wird die Menschlichkeit ad acta gelegt, das ist etwas, was ich nicht verstehen will und auch nicht verstehen kann.«





Im selben Brief rechnen die Kassenfunktionäre die Versorgungswirklichkeit aus ihrer Sicht vor. Rund 190 Euro koste ein Krankentransport. Das Gesundheitssystem investiere daher mehr in den Transport als in die wohnortnahe fachärztliche Versorgung von Patienten.

Die Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hessens, Margita Bert, fordert daher mehr Geld für die Hausbesuche der Ärzte. Damit, so die Logik, könnten überflüssige und teure Transporte verhindert werden.

O-Ton, Dr. Margita Bert, Vorstandsvorsitzende Kassenärztliche Vereinigung Hessen:

»Früher hat natürlich ein Arzt nicht betriebswirtschaftlich gedacht. Er hat nur sein Helfersyndrom gehabt. Aber das kann sich ja keiner mehr leisten.«






Frage: Also den Ärzten geht es heute schlecht?

O-Ton, Dr. Margita Bert, Vorstandsvorsitzende Kassenärztliche Vereinigung Hessen:

»Schlechter als früher auf jeden Fall.«

Frage: Aber so schlecht, dass man jetzt nicht mehr Hausbesuche in Pflegeheimen machen kann?

O-Ton, Dr. Margita Bert, Vorstandsvorsitzende Kassenärztliche Vereinigung Hessen:

»Nein, so kann man das auch nicht sagen. Ich glaube, hier geht es zum Teil auch um ein Prinzip, dass man sich nicht mehr ausbeuten lassen möchte.«

Frage: Aber das geht dann zu Lasten der alten Menschen?

O-Ton, Dr. Margita Bert, Vorstandsvorsitzende Kassenärztliche Vereinigung Hessen:

»Ja, die Kassen könnten da ja was dagegen tun.«

Wir fragen die AOK-Hessen:

O-Ton, Ralf Metzger, AOK Hessen:

»Es ist genügend Geld im System. Es stellt sich gegebenenfalls die Frage der Verteilung innerhalb des Systems. Das ist aber in erster Linie eine innerärztliche Angelegenheit.«





Frage: Also eine Sache der Kassenärztlichen Vereinigung?

O-Ton, Ralf Metzger, AOK Hessen:

»Ja.«

O-Ton, Prof. Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitspolitiker:

»Die Fachärzte, die das tun, und auch die Kassenärztlichen Vereinigungen, die dies dulden, versuchen die Politik zu erpressen. Sie sagen, wenn wir keine höheren Honorare bekommen, verursachen wir so hohe Transportkosten, selbst wenn das Schmerzen für die Patienten bedeutet, dass die Politik zum Schluss nachgeben wird. Und das ist eine Erpressung, auf die wir als Gesundheitspolitiker nicht reagieren werden, indem wir sagen, ihr bekommt, was ihr wollt.«

Fazit: Die Fronten sind verhärtet, eine Einigung ist nicht in Sicht. Ärzte, Kassen und die Politik müssen in dieser Frage an einem Strang ziehen. Schließlich geht es um das Grundrecht der Menschenwürde. Und darauf haben auch pflegebedürftige Menschen, wie Ingeborg Niemczik, einen Anspruch.

Abmoderation Fritz Frey:

Aus wirtschaftlichen Gründen wird die Menschlichkeit ad acta gelegt. Ein Satz aus unserem Beitrag, der nachklingt. Mehr zum Thema in einem Kollegengespräch im Internet unter www.reportmainz.de.

aus der Sendung vom

Mo, 18.8.2008 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Gottlob Schober
Kamera:
Ingo Manzke
Thomas Schäfer
Christian Weber
Schnitt:
Zsuzsa Döme
Sprecher:
Gottlob Schober