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SENDETERMIN Di, 1.2.2022 | 21:47 Uhr | Das Erste

Abzocke mit der Energiewende Dubiose grüne Investments

Klimaschutzminister Habeck will 80 Prozent des Stroms aus Sonne oder Wind. Finanziert werden soll diese Energiewende auch durch das Geld von Kleinanlegern. Doch solche Öko-Investments sind riskant. Tausende Anleger haben in den vergangenen zehn Jahren durch Öko-Pleiten am sogenannten Grauen Kapitalmarkt ihr Geld verloren.

Hier entsteht Strom aus Sonne - umweltfreundlich, nachhaltig. Das wollte Rainer Schlichter unterstützen. Deshalb hat der Familienvater auch 50.000 Euro in dieses Solarfeld bei Rothenburg investiert.


Rainer Schlichter

Rainer Schlichter

Rainer Schlichter, Anleger:
"Photovoltaik war damals ein sehr interessantes Investment und Sie hatten alle Möglichkeiten noch was Positives für diese Umwelt zu tun."


Doch aus der Geldanlage mit gutem Gewissen wurde für den angestellten IT-Fachmann ein finanzielles Desaster.


Rainer Schlichter, Anleger:
"Aus dieser Anlage ist an mich kein Geld geflossen. Und die wird auch kein Geld produzieren."


Rainer Schlichter übergibt uns zahlreiche Dokumente. Er habe nur einen kurzen Vertrag unterschrieben, erzählt er uns. Doch der hat es in sich: Damit hat er eine eigene Solargesellschaft gegründet und einer Firma, die die Geschäfte führt, eine weitreichende Vollmacht erteilt. Als die dann kurz vor der Insolvenz steht, muss er auch noch Geld nachschießen.


Rainer Schlichter, Anleger:
"Es gab dort Leute, die mehrere hunderttausend Euro nachgeschossen haben."


Wir zeigen die Dokumente der Finanzmarktexpertin Kerstin Kondert. Ihre Einschätzung: Das Konstrukt war für Anleger kaum durchschaubar.


Kerstin Kondert

Kerstin Kondert

Kerstin Kondert, Aktionsbündnis Aktiver Anlegerschutz:
"Ich halte das ganze Angebot für von Anfang an unseriös. Und das Vertragswerk, was den Anlegern zur Verfügung gestellt wird, ist unendlich dünn. Dahinter hängen dann die ganzen Verträge, mit denen alles geregelt wird, mit denen dann letztlich auch die Anleger verhaftet werden, die die Anleger aber gar nicht kennen."

Ein kaum zu durchblickendes Konstrukt


Vieles liegt im Dunkeln. Wir tragen Daten zusammen, recherchieren in Handelsregistern. So entsteht ein Bild des Anlagekonstrukts, das sich zwei Steuerberater ausgedacht haben. Für das Investment in elf Solarparks gründeten sie 250 Gesellschaften - eine pro Anleger. Ein kaum zu durchblickendes Spinnennetz. Dieser Punkt ist Rainer Schlichter. Doch warum diesen vielen Firmen, wer hat davon profitiert?

Von Vorteil sei das Konstrukt vor allem für die, die es sich ausgedacht haben, sagt uns Rechtsanwalt Dennis Groh. Er vertritt Rainer Schlichter und rund 20 weitere Anleger:


Dennis Groh

Dennis Groh

Dennis Groh, Rechtsanwalt:
"Es ist so, dass dieses Konstrukt letzten Endes dazu geführt hat, dass mehr Geld für Steuerberatungsleistungen, für Geschäftsführungsleistungen, angefallen wäre, als das der Fall gewesen wäre, wenn man nur eine Gesellschaft gegründet hat."


Gutachten zu den Solarparks würden belegen, die Anlagen seien nicht ordnungsmäßig gewartet worden, hätten deshalb deutlich weniger Strom erzeugt.


Dennis Groh, Rechtsanwalt:
"Wenn es auf der einen Seite weniger Einnahmen gibt und auf der anderen Seite mehr Ausgaben, ist klar, dass für die Investoren am Ende keine Rendite mehr übrig bleibt."

Anleger stellen Strafanzeige


Rainer Schlichter und auch zahlreiche andere Anleger fühlen sich ausgenommen, haben deshalb Strafanzeige wegen schwerer Untreue gestellt. Was sagen die Beschuldigten dazu? Einer der Steuerberater weist auf unsere Anfrage hin schriftlich sämtliche Vorwürfe zurück. Der aktuelle Geschäftsführer der Gruppe ist bereit, sich unseren Fragen zu stellen.


Reporterin:
"Haben Sie Kapital der Anleger veruntreut?"


Ulrich Kammerer

Ulrich Kammerer

Ulrich Kammerer, Geschäftsführer:
"Ja natürlich nicht. Weder im Vorfeld ist was entdeckt worden, ja, noch wurde, seit ich hier, sag ich mal, in das Amt eingeführt worden bin, irgendwelche Gelder veruntreut, sondern es wurden die Aufgaben, die gemäß Sanierungskonzept durchzuführen waren, durchgeführt."


Reporterin:
"Ich habe mir das angeschaut, dieses ganze Konstrukt. Und man kriegt schon den Eindruck, dass die einzigen, die daran verdient haben, die Steuerberater sind und Sie für ihre Sanierungsarbeit."


Ulrich Kammerer, Geschäftsführer:
"Es ist normal, dass ein Sanierungsauftrag vergütet wird. Ich meine, das ist nun mal so."

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue


Auch er streitet sämtliche Vorwürfe ab. Die Staatsanwaltschaft Aachen dagegen nimmt die Vorwürfe der Anleger sehr ernst.


Anna Kraft

Anna Kraft

Anna Kraft, Staatsanwaltschaft Aachen:
"Die Staatsanwaltschaft Aachen führt ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Beschuldigte wegen des Verdachts der gewerbsmäßigen Untreue. Und den Verantwortlichen wird vorgeworfen, das Gesellschaftsvermögen in erheblichem Umfang geschädigt zu haben."


Grüne Geldanlagen boomen seit Jahren: Ob Solarparks, Windanlagen oder Biogas. Viele Kleinanleger investieren ihr Geld gerne in nachhaltige Anlagen. Doch nicht selten geht das schief: Zwei Milliarden Euro Schaden sind in den vergangenen zehn Jahren durch Öko-Pleiten entstanden. Zu diesem Ergebnis kommt der Kapitalmarktexperte Stefan Loipfinger.


Stefan Loipfinger

Stefan Loipfinger

Stefan Loipfinger, Finanzmarktexperte:
"Eine der ganz zentralen Ursachen ist natürlich, dass niemand irgendetwas kontrolliert, dass das Geld eingesammelt wird, dass es da keine strengen Regeln gibt. Und wenn das Geld mal weg ist, dann ist es halt einfach auch meistens weg."

Turbo durch Habecks Klimaziele


Und in diesem Markt will Klimaschutzminister Habeck jetzt den Turbo zünden: 80 Prozent Ökostrom ist das Ziel. Dabei setzt er auch auf Kleinanleger, die in grüne Energie investieren sollen. Kleinanleger wie Ullrich Knopf. Der Rentner hat schon vor Jahren in Windkraft investiert. 10.000 Euro hatte er in die Windkraftfirma Prokon gesteckt.


Ullrich Knopf, Anleger:
"Das Direktinvestment ist insofern für mich lukrativ oder interessant gewesen, weil ich dort sehen konnte, wo das Geld direkt hingeht. Im Fonds weiß man das nicht so genau."


Doch leider war Prokon eine der größten Pleiten grüner Kapitalgesellschaften: 75.000 Kleinanleger verloren die Hälfte ihres Geldes - rund 600 Millionen Euro. Ein Weckruf auch für die Politik. Sie reformiert das Kleinanlegerschutzgesetz:


Heiko Maas

Heiko Maas

Heiko Maas, SPD, ehemaliger Bundesjustizminister (23.01.2014):
"Wir brauchen Transparenz, weil wir brauchen auch die Möglichkeiten einzugreifen."


Dafür sollte die Finanzaufsicht Bafin sorgen. Doch Verbraucherschützern geht das nicht weit genug:


Stefan Loipfinger, Finanzmarktexperte:
"Also diese Anlegerschutzgesetze der letzten Jahre, die wir immer wieder gesehen haben, die sind ein Flickwerk. Man hat immer wieder Kleinigkeiten verbessert, aber es ist immer noch löchrig."


Kleinanlegerschutz ist löchrig


Auch Kleinanleger Ullrich Knopf halfen die Reformen nichts. Obwohl er bei der Prokon-Pleite Geld verloren hat, investierte er nach der Gesetzesänderung wieder in eine Öko-Geldanlage: Diesmal 50.000 Euro - bei UDI, einem der größten Anbieter für Ökoinvestments.


Ullrich Knopf, Anleger:
"Da konnte ich sehen: Mein Geld baut eine Biogasanlage. Das war für mich eigentlich das Wichtigste."


Festzins heißt die Anlage, die UDI anbot - offenbar eine sichere Sache, dachte er. Bis vor einem Jahr. Da kam dann ein Brief von UDI: Die Zinsen werden erstmal eingestellt.


Ullrich Knopf

Ullrich Knopf

Ullrich Knopf, Anleger:
"Da habe ich gedacht, ah, nicht schon wieder, nach Prokon die Erfahrung, jetzt wieder Zinsaussetzung."


Inzwischen sind viele UDI-Gesellschaften insolvent. Als Ursache werden Misswirtschaft und Querfinanzierung maroder Biogasanlagen genannt. UDI erklärt auf unsere Anfrage, man habe grundsätzlich über die Risiken informiert. Trotz Festzins sollen wieder Tausende auf einen Großteil ihres Kapitals verzichten.
Eine Katastrophe für die Anleger - aber auch ein Problem für den Ausbau von Wind- und Solarenergie. Der Klimaschutzminister kann ohne das Geld der Kleinanleger seine Energieziele nicht erreichen. Doch deren Schutz hat er nicht im Blick, kritisieren Experten:


Stefan Loipfinger, Finanzmarktexperte:
"Herr Habeck denkt die Dinge nicht zu Ende an der Stelle, weil man muss natürlich auch die Rahmenbedingungen schaffen. Die Branche reibt sich die Hände. Das ist unglaublich, was da für eine Aufbruchstimmung gerade, für eine Goldgräberstimmung gerade, da ist. Und das ist unweigerlich, dass das am Ende zu einem Blutbad führen wird bei den Anlegern."

Habeck verweist auf andere Ministerien


Wir fragen Robert Habeck, wie er die Kleinanleger davor schützen will. Doch sein Haus verweist uns dazu an andere Ministerien. Damit mache es sich Habeck zu leicht, meint auch die Opposition:


Janine Wissler

Janine Wissler

Janine Wissler, Die Linke, Parteivorsitzende:
"Wenn man sagt, man will die privaten Investitionen verstärken und dabei eben auch gerade Kleinanlegerinnen und Kleinanleger einbeziehen, dann muss man sie entsprechend schützen. Verbraucherschutz stärken, Finanzaufsicht stärken, das ist dringend notwendig."


Wenn die Bundesregierung ihr Ziel erreichen will, dann muss sie auch zum Schutz der Anleger ein überzeugendes Konzept vorlegen. Sonst werden sich viele von grünen Geldanlagen abwenden.