Bitte warten...

SENDETERMIN Mo, 26.2.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Abrechnungstricks im Krankenhaus Wie die Kassen geschröpft werden

Moderation Fritz Frey:

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wer kennt ihn nicht, diesen Spruch, der Lenin zugeschrieben wird. Gemeinhin haben wir die Politik in Verdacht, dass sie den russischen Revolutionär leider allzu ernst nimmt und sich gerne immer neue Kontrollmaßnahmen ausdenkt.


Im Fall, den Thomas Dauser in deutschen Krankenhäusern recherchiert hat, aber ist es genau umgekehrt. Kontrolle wird abgebaut. Ein Grund zur Freude? Leider nicht.


Bericht:

Oberarzt Ulrich Schiffer nach der Visite. Jetzt macht er sich an eine Arbeit, von der Patienten normalerweise nichts mitbekommen. Die Abrechnung.


Ein Blick in die Krankenakte. Eine Patientin mit Oberschenkelhalsbruch. Dr. Schiffer gibt die Diagnose in den Computer ein. Seit vier Jahren gibt es für jede Behandlung eine Fallpauschale, eigentlich ganz einfach. Aber hat der Patient noch andere Krankheiten? Gab es Komplikationen?


Einen Harnwegsinfekt, eine Blutung nach der OP, alles kommt auf die Liste, und gibt damit mehr Geld. Das macht aus einer 4.000 Euro Pauschale schon mal eine 7.900 Euro Rechnung.


Dr. Martina Modrack vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Sie kommt in die Klinik, weil einer Kasse die Rechnung zu hoch vorkommt.


O-Ton:

»Hier ist es nachgewiesen, die Befunde, die vom Labor her den Harnwegsinfekt bestätigen.«


O-Ton:

»Ja, genau, OK. Der ist also auch zu bestätigen, der Harnwegsinfekt.«


Martina Modrack hat nichts zu beanstanden. Die Krankenhausrechnung stimmt. Aber das ist nicht immer so. Ein Patient mit Schlaganfall, die Krankenhausärzte retten ihn, operieren später die entzündete Herzklappe.


Bei der Rechnung allerdings setzt das Krankenhaus einen falschen Diagnosecode ein. Die Folge: Statt der gerechtfertigten 14.000 Euro, hat das Krankenhaus weit über 38.000 abgerechnet.


O-Ton, Dr. Martina Modrack, Medizischer Dienst Rheinland-Pfalz:

»Durch diese andere Hauptdiagnose kommt man in eine völlig andere Fallpauschale, die dann auch ein ganz anderes Entgelt ergibt als die, die eigentlich sachgerecht wäre für diesen Fall.«


Frage: Aber ein Sprung von über 20.000 Euro, das lohnt sich natürlich für das Krankenhaus?


O-Ton, Dr. Martina Modrack, Medizischer Dienst Rheinland-Pfalz:

»Ja. Das lohnt sich.«


Die falsche Abrechnung, Absicht oder ein Versehen? Die Kaufmännische Krankenkasse. Für REPORT MAINZ zeigt eine Kasse erstmals, wie es um die Moral bei Krankenhausrechnungen bestellt ist. 64.000 Abrechnungen hat die Kasse im vergangenen Jahr überprüfen lassen. Das Ergebnis: Die Hälfte der überprüften Rechnungen war falsch.


Wie in diesem Fall, ein Frühchen auf der Entbindungsstation mit wundem Po. Eine Salbe für ein paar Euro hilft. Aber das Krankenhaus rechnet anders ab. Das Baby habe eine Kandidose, eine Pilzinfektion. Diese Nebendiagnose treibt die Rechnung für die Entbindung von 8.700 Euro auf über 12.000 Euro nach oben.


Bei der MDK-Kontrolle allerdings muss die Klinik zugeben, dass der Arzt die angebliche Pilzinfektion in der Krankenakte noch nicht einmal erwähnt hat. Die Kasse bekommt 3.300 Euro zurück.


Allein die KKH hat so im vergangenen Jahr 25 Millionen Euro zurückgeholt. Die Kasse schätzt, hochgerechnet auf alle Versicherten, haben Krankenhäuser bis zu einer Milliarde Euro zu viel abgerechnet. Haben die Fehler etwa System?


Dr. Claus Krüger vom Medizinischen Dienst hat sich Fallpauschalen aus der ganzen Republik angeschaut. Und erstaunliche Entdeckungen gemacht. Beispiel Herzkatheteruntersuchung. Über eine Vene an der Leiste wird ein Katheder eingeführt. Die Miniwunde am Schenkel wird eigentlich mit einem Druckverband versorgt. Seit 2005 allerdings gibt es einen Aufschlag, wenn die Einstiche wegen einer Komplikation genäht werden. Seitdem scheint es immer öfter Komplikationen zu geben.


O-Ton, Dr. Claus E. Krüger, Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen:

»Wenn man das im Jahr 2005 angegeben hat, hat das für das Krankenhaus zusätzlich ein Erlös von etwa 500 Euro gebracht. Erstaunlich dabei ist, dass es ab dem Zeitpunkt, wo das erlösrelevant ist, dreimal so viele Nähte an den Herzgefäßen beziehungsweise an den Gefäßen in der Leiste oder in der Ellenbeuge gegeben hat, als in den Jahren vorher.«


Frage: Das heißt, es wurde häufiger gemacht, weil es auch auf einmal Geld gab?


O-Ton, Dr. Claus E. Krüger, Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen:

»Man muss davon ausgehen, dass das nicht alles nur in den Situationen entstanden ist, wo es vielleicht medizinisch notwendig war.«


Im Klartext: Einige Krankenhäuser führen bestimmte Behandlungen offenbar nur durch, weil sie Geld bringen. Und nur Kontrollen können diesen Missbrauch aufdecken. Die Bundesregierung sieht das offenbar anders.


Die Verabschiedung der Gesundheitsreform: Ab April ist der neue Paragraf 275 Gesetz. Für die Prüfung von Krankenhausrechnungen haben Kassen jetzt nur noch sechs Wochen Zeit. Und ergibt die Prüfung keine Kürzung des Rechnungsbetrages, hat die Kasse dem Krankenhaus eine Aufwandspauschale in Höhe von 100 Euro zu zahlen.


O-Ton, Ingo Kailuweit, Vorstand Kaufmännische Krankenkasse:

»Wir werden beschränkt in der Aufdeckungsquote. Wir werden zusätzlich belastet, einmal durch die sechs Wochen, damit wird durch die Befristung natürlich eine Reduzierung der Fälle erreicht, und zweitens durch den Kostenfaktor 100 Euro pro Fall zu zahlen, wird ebenfalls vermutlich die Anzahl der dem Medizinischen Dienst vorgelegten Fälle reduziert. Insoweit hat das Krankenhaus weniger Risiko, bei Abrechnungsoptimierung auffällig zu sein.«


Ein Krankenhauskongress. Hier herrscht Jubelstimmung. Das neue Gesetz, eine Fußfessel für die Krankenkassen, die ihre Kontrollen jetzt zurückfahren müssen.


O-Ton, Georg Baum, Hauptgeschäftsführer Deutsche Krankenhausgesellschaft:

»Ich glaube schon, dass die Diskussion, die jetzt stattgefunden hat. auch etwas verändern wird, im Verhalten der Krankenkassen. Weil einfach die Gefahr besteht, dass man jetzt unter verschärfter Beobachtung sich bewegt. Und das ist häufig heilsam.«


Verkehrte Welt. Jetzt stehen die Kontrolleure unter verschärfter Beobachtung und nicht die schwarzen Schafe unter den Krankenhäusern. Dabei hatte der Bundesrat die Bundesregierung eindringlich gewarnt, wie dieses Papier zeigt. „Die Einführung eines ‚Sanktionsbetrages’ wäre kontraproduktiv“, so die Länder. Sie forderten die Neuregelung schlicht „zu streichen“.


Doch die Bundesregierung hat den Vorschlag abgelehnt. Nennt die Neuregelung Bürokratieabbau. Der Aufwand bei Krankenhausabrechnungen werde so reduziert. Dumm nur, dass beim Bürokratieabbau à la Bundesregierung die Kosten für die Versicherten weiter steigen.

aus der Sendung vom

Mo, 26.2.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:Thomas Dauser
Kamera:Alexander Böhle
Jürgen Steiner
Jupp Tautfest
Schnitt:Jonathan Schaider