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Text des Beitrags Kampf ums Kind

Mit Entführungen und Nazivergleichen kämpft ein Franzose gegen deutsche Jugendämter

Moderation Fritz Frey:

Am helllichten Tag, mitten in Deutschland: Eine Mutter entführt ihr eigenes Kind!

O-Ton:

»Ich wollte mein Kind haben und ich habe um mein Kind gekämpft.«

Ein dubioser Helfer hatte sie offenbar zu der Verzweiflungstat überredet. Die Hintergründe – jetzt!
Guten Abend Zu REPORT MAINZ! Kindesentführung sieht mancher oft als letztes Mittel, um das geliebte Kind nicht zu verlieren.

Die Frage, wo der Nachwuchs nach einer Scheidung leben soll, ist selten leicht zu beantworten. Richtig kompliziert aber wird es bei den sogenannten binationalen Ehen, also Ehen zwischen Deutschen und Ausländern.

11,5 Prozent aller Ehen in Deutschland, sagt das Statistische Bundesamt, sind binationale Ehen. Tendenz: steigend. Und damit wächst natürlich auch die Zahl der Streitfälle, wenn es um das Sorgerecht für die Kinder geht.

Gottlob Schober und Edgar Verheyen sind bei ihren Recherchen zu diesem Thema einem Mann begegnet, der offenbar ebenso bereitwillig wie skrupellos hilft, Kinder aus Deutschland zu entführen.

Bericht:

Eine Mutter fährt durch die Düsseldorfer Innenstadt, sucht ihren Sohn. Sie ist nicht allein. Mit dabei: der Franzose Olivier Karrer.

O-Ton, Beata Pokrzeptowicz-Meyer:

»Ich habe ihn auch gebeten, dass er mir die Befehle gibt. Ich war nicht in der Lage, selbst zu handeln. Ich habe ihn gebeten, dass er mir einfach sagt, was ich zu tun habe.«





Plötzlich entdeckt sie ihr Kind. Der kleine Mike ist mit der Stiefmutter unterwegs. Der Fahrer gibt den Befehl zum Zugriff.

O-Ton, Beata Pokrzeptowicz-Meyer:

»Es gab irgendwelche Schreie und Rangeleien. Aber ich wollte meinen Sohn, ich habe ihn festgehalten, ich wollte ihn einfach nicht aus der Hand lassen. Ich habe nur gedacht, Hauptsache, wir kommen hier schnell weg.«

Beata Pokrzeptowicz-Meyer entführt ihren Sohn nach Polen. Dort versteckt sie das Kind, denn Mike hätte eigentlich in Deutschland bleiben müssen.

Denn grundsätzlich gilt: Kinder aus gescheiterten binationalen Ehen sollen dort leben, wo sie sich bis dahin vorwiegend aufgehalten haben.

Bei der Entführung half ihr ein Spezialist: Der Franzose Olivier Karrer. Hintergrund ist: Karrer selbst hat den Zugang zu seinem Sohn nach einem Sorgerechtsverfahren in Deutschland verloren.

Er hat den Verein CEED gegründet. Der Verein führt einen regelrechten Kreuzzug gegen deutsche Behörden, bezeichnet zum Beispiel Jugendämter als Nazi-Organisationen.

Sein Gespräch mit Beata, wahrscheinlich kurz vor der Entführung aufgezeichnet, finden wir im Internet:

O-Ton:

»Also was müssen wir machen?«

O-Ton:

» Wir müssen zur Tat übergehen.«

O-Ton :

» Und das bedeutet?«

O-Ton:

» Das bedeutet die Kinder holen!«

O-Ton, Beata Pokrzeptowicz-Meyer:

»Ich habe mit dieser Frage am Ende nicht gerechnet, dass er mich dazu bringt, dass ich das sage, dass ich mein Kind jetzt entführen sollte. Es war psychisch eine große Belastung. Er war der Initiator. Er hat mir den Weg gezeigt, der einzige, der möglich war damals.«

Frage: Und er hat sie damals überzeugt?

O-Ton, Beata Pokrzeptowicz-Meyer:

»Damals habe ich nur ein Thema gehabt, das war mein Kind. Ich war nicht fähig, ich habe mich aus meinem Privatleben zurückgezogen, habe mich fast komplett aus meinem beruflichen Leben zurückgezogen. Ich habe funktioniert.«

Vor dem Landgericht Düsseldorf hat sie eine milde Bewährungsstrafe bekommen. Und: Im Urteil vom 1. Februar wird Olivier Karrer erstmals offiziell als Mittäter bei einer Entführung bezeichnet. Das Landgericht glaubt der Mutter und hält fest, es habe keine Zweifel an der Richtigkeit dieser Darstellung.

Dramatisch auch ein weiterer Fall. Wir fahren nach Unterhaching. Hier leben Nicolo und Leonardo. Die Kinder leiden bis heute unter der Entführung durch ihre italienische Mutter. Sie leben jetzt wieder bei ihrem Vater.

O-Ton, Tobias Ritter:

»Ich habe Angst, dass die entführt werden, noch einmal erneut entführt werden könnten. Ja.«







Im Frühjahr 2010 waren die Kinder von ihrer Mutter entführt und in Slowenien ein Jahr lang versteckt worden. Die Mutter versuchte währenddessen im italienischen Fernsehen ihre Tat zu rechtfertigen. Ihr Ex-Mann über den aktuellen Ermittlungsstand:

O-Ton, Tobias Ritter:

»Die Kinder sind in Mailand nach der Entführung verhört worden, ihnen sind Bilder gezeigt worden, ob sie den Mann auf den Bildern erkennen, und haben ganz klar gesagt: Ja, ja, das ist Olivier.«

Karin Jäckel kennt weitere Fälle und kennt auch Olivier Karrer seit 2001, stand mit ihm lange in direktem Kontakt. Als Buchautorin und frühere Mitstreiterin beschäftigt sich Jäckel mit den Themen Kindesentziehungen und Jugendämter.

Jäckel unterstützt Karrers politischen Ansatz, von seinen Methoden aber distanziert sie sich. Heute sieht sie ihn so:

O-Ton, Karin Jäckel, Buchautorin:

»Olivier sieht sich als großen Helden und als Märtyrer. Er sieht sich als den einzigen Retter, der überhaupt noch da ist, den Einzigen, der das Jugendamtssystem durchschaut hat. Er hat gesagt: OK, wenn es da nicht hilft auf dem mehr oder weniger legalen Wege, dann bin ich der Einzige, der eingreift und die Kinder rettet. Ich rette sie vor der Inhaftierung im deutschen Jugendamt, in deutschen Kinderheimen, Pflegefamilien, wo sie arisiert werden, wo sie germanisiert werden.«

Sogar im EU-Parlament hat Karrer mit seiner anti-deutschen Propaganda Gehör gefunden. Rainer Wieland ist Vizepräsident des Europäischen Parlamentes und Mitglied des Petitionsausschusses. Seit Jahren erlebt er Karrers Engagement. Seine Thesen fanden sogar Eingang in ein Arbeitspapier des Petitionsausschusses.

O-Ton, Rainer Wieland, Vizepräsident Europäisches Parlament:

»Der Hauptangriffspunkt für mich ist, dass in diesem Papier so Stellung bezogen wird, dass die deutschen Jugendämter, überhaupt die gesamte deutsche Behördenstruktur im Familienrecht darauf ausgerichtet sei, Ausländer zu benachteiligen.«



Frage: Hat Herr Karrer hier erfolgreiche Lobbyarbeit betrieben?

O-Ton, Rainer Wieland, Vizepräsident Europäisches Parlament:

»Das kann man so sagen.«

Wir möchten Olivier Karrer mit allen Vorwürfen konfrontieren. In der Nähe von Straßburg soll er wohnen. Für uns ist er nicht zu sprechen.

Wenige Tage später antwortet er uns schriftlich. Deutsche würden die Welt der Kinder und der Familie außerhalb ihrer deutschen Gerichtsbarkeit nie verstehen können. Deutsche Behörden, vor allem Jugendämter, würden verbrecherisch handeln und die Kinder entführen.

Auf seinen eigenen Anteil bei den Entführungen geht er nicht ein. Beata Pokrzeptowicz-Meyer hat ihm das früher auch geglaubt.

O-Ton, Beata Pokrzeptowicz-Meyer:

»Ich möchte auch verhindern, dass andere Eltern auch so beraten werden, dass sie dazu verführt werden, das Kind zu entführen. Das möchte ich verhindern.«

Abmoderation Fritz Frey:

Auch wenn inzwischen in Deutschland und Italien gegen Herrn Karrer ermittelt wird, noch ist er auf freiem Fuß.

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