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Text des Beitrags | Die katholische Kirche zögert bei Entschädigungen Missbrauchsopfer klagen an

Kein Geld der Welt kann wieder gutmachen, was die Betroffenen erlebt haben und worunter sie ein Leben lang leiden. Ein Satz der für viele gilt, auch für die, die als Kinder von Männern der Kirche missbraucht wurden.

Und doch ist die Frage nach einer Entschädigung absolut berechtigt. Entschädigung, das ist Geld, ja, aber es ist vor allem auch Anerkennung eines Leidens. Und das ist wichtig. Gerade für die, die mit diesem Leid oft Jahrzehnte allein gelassen wurden. Gottlob Schober hat zwei ehemalige Messdiener getroffen, die über Jahre missbraucht wurden. Und denen die katholische Kirche jetzt ein Angebot gemacht hat. Ein zweifelhaftes, wie wir finden.

Bericht:

In dieser Kirche im baden-württembergischen Oberharmersbach waren sie einmal Messdiener. An Gerhard Maier, links im Bild, verging sich der damalige Pfarrer bis zu dreimal die Woche. Insgesamt rund 900-mal. Raphael Hildebrandt wurde acht Jahre lang, mehr als 400-mal missbraucht.

Raphael Hildebrandt

Raphael Hildebrandt, Missbrauchsopfer

O-Ton, Raphael Hildebrandt, Missbrauchsopfer:

»Man hat Albträume, man wacht morgens auf, schweißgebadet.«






Gerhard Maier

Gerhard Maier, Missbrauchsopfer

O-Ton, Gerhard Maier, Missbrauchsopfer:

»Ich habe eine Darmerweiterung und bin deshalb auch zum Arzt gegangen. Die Ärztin hat mich daraufhin auch gleich gefragt, ob ich irgendwelche außergewöhnlichen Sexpraktiken praktiziere. Und daraufhin habe ich ihr halt meine Geschichte erzählt.«

O-Ton, Raphael Hildebrandt, Missbrauchsopfer:

»Ich sehe ihn vor mir, wie er sich an mir vergeht und immer noch mit dem Gefühl, Junge, du hast keine Chance gegen mich überhaupt etwas auszumachen, also ich habe das Gefühl, dass ich ihm ausgeliefert bin.«

Raphael Hildebrandt ist heute 40 Jahre alt, Gerhard Maier 39. Beide leben allein.

O-Ton, Raphael Hildebrandt, Missbrauchsopfer:

»Ich bin nicht beziehungsfähig. Ich habe dann immer gleich das Gefühl, wenn ich eine Beziehung eingehen will, dann hab ich gleich wieder Angstgefühle, Panikzustände, dass wieder irgendjemand anders Kontrolle über mich erlangen könnte.«

O-Ton, Gerhard Maier, Missbrauchsopfer:

»Sich auf jemand anderen einzulassen, Vertrauen zu haben. Das ist ganz schwer.«

Frage: Das geht nicht?

O-Ton, Gerhard Maier, Missbrauchsopfer:

»Nein.«

Frage: Sind sie beziehungsunfähig?

O-Ton, Gerhard Maier, Missbrauchsopfer:

»Würde ich behaupten. Ja.«

Für das erlittene Leid fordern sie seit über einem Jahr eine finanzielle Entschädigung von der katholischen Kirche. Im Spätsommer 2010 äußerte sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Dr. Robert Zollitsch genau zu diesem Thema.

Robert Zollitsch

Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

O-Ton, Robert Zollitsch, 23.09.2010, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz:

»Wir sind bereit auch zu finanziellen Leistungen, zu Hilfen. Die Frage Entschädigung ist ein schwieriger Begriff, denn wie kann man so etwas schwieriges Entschädigen. Aber wir sind bereit, auch finanziell mit einzusteigen.«

Was ist aus diesem Versprechen geworden? Seit Mai 2010 vertritt Rechtsanwalt Ingo Lenßen unter anderem die beiden Oberharmersbacher Opfer. Er berichtet uns von schleppenden Verhandlungen mit der katholischen Kirche.

Ingo Lenßen

Ingo Lenßen, Rechtsanwalt

O-Ton, Ingo Lenßen, Rechtsanwalt:

»Wir sind immer wieder vertröstet worden, es sind immer wieder neue Fristen gesetzt worden, die wir abzuwarten hätten, auf die dann schlussendlich Antworten erfolgen sollten. Bis zum heutigen Tage ist keine zufriedenstellende Antwort erfolgt.«

Denn die Opfer sind in der Rolle des Bittstellers. Die Straftaten des ehemaligen Oberharmersbacher Pfarrers Franz B. sind verjährt, rechtlich gibt es damit keinen Anspruch auf Geld. Darauf haben die Anwälte der Erzdiözese Freiburg schriftlich auch immer wieder hingewiesen. Zitat: „Im Falle einer gerichtlichen Auseinandersetzung habe das Erzbistum eine Haftung bereits dem Grunde nach zu bestreiten“.

O-Ton, Ingo Lenßen, Rechtsanwalt:

»Wenn man diesen Satz so verstehen will, dann muss man daraus schließen, dass meinen Mandanten aufgezeigt wird, wenn ihr vor Gericht zieht, werden wir feststellen, dass wir nicht in der Pflicht stehen, dass wir zu keiner Zahlung verpflichtet sind.«

Frage: Was heißt das für Ihre Mandanten?

O-Ton, Ingo Lenßen, Rechtsanwalt:

»Dass sie still sein sollen, dass sie abwarten sollen. Dass sie abwarten sollen auf das, was man ihnen schlussendlich anbietet.«

Im März 2011 dann endlich ein erstes konkretes Angebot der Kirchenvertreter. Die katholische Kirche stuft die Fälle als besonders schwer ein. Dennoch bietet sie den Opfern erst einmal nur 5.000 Euro an. Verbitterte Reaktionen.

O-Ton, Raphael Hildebrandt, Missbrauchsopfer:

»Also wenn ich dran denke, 5.000 Euro, dann 400mal bin ich ungefähr missbraucht worden, das sind dann so circa zehn, elf, zwölf Euro rum, pro Nummer, jetzt mal grob über den Daumen gepeilt. Das ist dann eine ganz billige Nummer für ihn war das damals.«

Auf Anfrage von REPORT MAINZ betont die katholische Kirche schriftlich, dass das Hilfspaket der Bischofskonferenz nicht auf die materielle Anerkennungsleistung von 5.000 Euro reduziert werden dürfe.

So zahle man zum Beispiel auch Psychotherapien. In besonders schweren Fällen seien auch zusätzliche Leistungen möglich. Weiter betont die Kirche: Sie prüfe jeden Antrag unbürokratisch aber eingehend.

Dem Vorsitzenden des Rechtsausschusses im Deutschen Bundestag, Siegfried Kauder, dauert das Verfahren im Fall Oberharmersbach viel zu lange.

Siegfried Kauder

Siegfried Kauder, CDU, Vorsitzender Rechtsausschuss Bundestag

O-Ton, Siegfried Kauder, CDU, Vorsitzender Rechtsausschuss Bundestag:

»Man hält die Opfer hin. Das halte ich für eine katastrophale Folge einer Straftat mit psychischen Konsequenzen für das Opfer, die nicht sein dürfen, die eine Kirche auch nicht in Kauf nehmen darf. Dilatorisch, also verzögerlich, ein Verfahren zu behandeln ist das Schlimmste, was für ein Opfer passieren kann.«

Frage: Wird sie da ihren moralischen Ansprüchen gerecht, die katholische Kirche?

O-Ton, Siegfried Kauder, CDU, Vorsitzender Rechtsausschuss Bundestag:

»Ich glaube eher nicht, ich bin auch der Meinung, dass die Kirche diese Linie nicht lange wird durchhalten können.«

Christine Bergmann. Die Bundesbeauftragte für die Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs hat vor wenigen Tagen ihren Abschlussbericht vorgelegt. Nach ihren Vorstellungen soll es auch Geld für die Opfer geben, wenn die Fälle verjährt sind. Bis zu 50.000 Euro.

Christine Bergmann

Christine Bergmann, Missbrauchsbeauftragte

O-Ton, Christine Bergmann, Missbrauchsbeauftragte:

»Für die Opfer bedeutet das, dass sie endlich einen Schlussstrich ziehen können. Dass der Kampf erst einmal aufhört, um das, was sie als Anerkennung ihres Leidens haben wollen. Und deswegen ist das ja auch so notwendig. Und ich hoffe ja auch, dass auch der Runde Tisch jetzt schnell zu Ergebnissen kommt, zu den freiwilligen Vereinbarungen auch, und dass auch die Politik dann auch schnell handelt. Ja, das ist eine Forderung eigentlich von allen Betroffenen. Wir wollen endlich Ruhe haben.«

Die Oberharmersbacher Opfer wollen so lange kämpfen, bis sie angemessen entschädigt werden. Sie wollen nicht wieder zu Opfern werden.

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