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Text des Beitrags | Forscher kritisieren den leichtfertigen Umgang mit Biogas-Gärresten als Düngemittel EHEC in Lebensmitteln

Die Frage, wo er denn nun genau herkommt, der lebensgefährliche Darmkeim EHEC, sie ist noch immer nicht abschließend geklärt. Fest steht, dass mittlerweile über 1.500 Patienten an EHEC erkrankt sind, fast die Hälfte davon leidet an der besonders gefährlichen Variante des Keims, die zu akutem Nierenversagen führen kann. 21 Todesopfer sind zu beklagen. Gute Nachrichten hören sich anders an.

Biogasanlage

Biogasanlage

Bei unseren Recherchen zum Thema sind wir auf sogenannte Biogas-Anlagen gestoßen. Experten hatten Monika Anthes und Eric Beres darauf hingewiesen, dass diese Anlagen beste Voraussetzungen für Keime jeglicher Art böten. Eine Spurensuche zwischen Hightech-Laboren und Hühnerställen.



Bericht:

100.000 Masthähnchen und mit dem Hühnermist dann die eigene Biogasanalage betreiben - immer mehr Bauern, so wie Hubert Taubenheim, setzen auf dieses Geschäftsmodell, versprechen risikolose Energie, alles rein biologisch:

Hubert Taubenheim

Hubert Taubenheim, Biogasbauer

O-Ton, Hubert Taubenheim, Biogasbauer:

»Ich sehe die Sache auch ja so. In dieser Anlage da geht Natur rein und kommt Natur wieder raus. Die Anlage strahlt nicht.«

Biogas als saubere Alternative - an diesem Boom wollen viele mitverdienen. Die Anzahl der Anlagen steigt stetig. In ganz Europa sind es derzeit 7.500, allein rund 6.000 davon stehen in Deutschland.

Düngermittel

Gärreste aus Biogasanlagen landen auf den Feldern

Der Mist von Hühnern und die Gülle von Rindern wird in den Biogasanlagen vergoren. Was bei diesem Prozess übrig bleibt landet als sogenannter Gärrest wieder auf den Feldern. Drohen so Gesundheitsgefahren? Können so Krankheitskeime wie Salmonellen oder EHEC verbreitet werden?

Nachfrage bei Biogasbauer Hubert Taubenheim: Frage: Wenn da jetzt zum Beispiel irgendwie ein Krankheitserreger drin wäre oder so, wie wäre das?

O-Ton, Hubert Taubenheim, Biogasbauer:

»Ich habe 40 Grad Wärme da drin, ich weiß nicht, ob die abgetötet werden, kann ich so nicht sagen. Da müssen Sie spezielle Leute fragen, sage ich mal so. Da kann ich weiter nichts zu sagen.«

Beim Biogasverband müsste man es wissen. Wir treffen Josef Pellmeyer, Cheflobbyist und Präsident des Fachverbandes Biogas. Er sieht keine erhöhte Gefahr.

Josef Pellmeyer

Josef Pellmeyer, Präsident Fachverband Biogas

O-Ton, Josef Pellmeyer, Präsident Fachverband Biogas:

»Da ist kein Unterschied zwischen der Gülle, die in der Biogasanlage vergoren wird oder der Gülle, die vom Landwirt, vom Viehhalterbetrieb auf die Fläche ausgebracht wird. Also hier gibt es keinen Unterschied, was vorher drin war, ist nachher auch drin.«

Ist das tatsächlich so? Kein erhöhtes Risiko? Wir treffen Henriette Mietke-Hofmann. Sie arbeitet in der staatlichen Düngemittelüberwachung in Sachsen und beschäftigt sich seit Jahren mit Krankheitskeimen in Biogasanlagen. Dabei hat sie alarmierende Beobachtungen gemacht.

Henriette Mietke-Hofmann

Henriette Mietke-Hofmann, Staatl. Düngemittelkontrolle Sachsen

O-Ton, Henriette Mietke-Hofmann, Staatl. Düngemittelkontrolle Sachsen:

»Wir finden Salmonellen sehr häufig in den Biogasanlagen. Immer wieder auch in der Nachkontrolle. Das sagt mir, dass sich die Keime dort vermehren können, in keinem Falle absterben.«

Der Grund: Gülle wird in der Regel nicht erhitzt, bevor sie in die Biogasanlage kommt. Mögliche Krankheitskeine werden also nicht vorsorglich abgetötet. Außerdem werden Hühnermist und Rindergülle in der Regel zusammen mit Mais in Anlagen mit niedrigen Gärtemperaturen bei gerade mal 30 bis 40 Grad vergoren. Viele Krankheitserreger wie zum Beispiel EHEC können diese Temperaturen überleben.

O-Ton, Henriette Mietke-Hofmann, Staatl. Düngemittelkontrolle Sachsen:

»EHEC ist eine besondere Form von Escherichia Coli. Escherichia Coli ist ein ganz normaler Darmerreger, der natürlich in der Gülle vorhanden ist. Der sich unter anaeroben Bedingungen, das heißt, unter Bedingungen des Luftabschlusses, vermehren kann. Und dazu kommt, dass er sich im Bereich um 37 Grad besonders wohl fühlt.«

Biogasanlagen sind demnach häufig wahre Brutstätten für Krankheitserreger. Und Gärreste sind auch gefährlicher als Gülle, davon ist Henriette Mietke-Hofmann überzeugt.

O-Ton, Henriette Mietke-Hofmann, Staatl. Düngemittelkontrolle Sachsen:

»Ich sehe in meiner täglichen Arbeit häufig den Unterschied darin, dass in einer Gülle die Keime viel, viel besser abgebaut werden, es findet eine Selbsthygienisierung statt, die im Gärrest so nicht erfolgt.«

Werden die Gärreste auf die Felder gebracht, dann können Krankheitskeime in die Nahrungskette gelangen.

Dieses Risiko nimmt man in Österreich inzwischen sehr ernst. Wien, die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit. Auch hier untersuchen Experten im Auftrag des Staates die Biogasgülle, also die Gärreste. Auch hier ist man sich sicher: Gärreste können krank machen.

Erwin Pfundtner

Erwin Pfundtner, Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit

O-Ton, Erwin Pfundtner, Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit:

»Unter den organischen Düngemitteln hat die Biogasgülle sicher das höchste Belastungsrisiko mit EHEC-Keimen.«

Frage: Ist das eine potentielle Gefahr für den Menschen auch?

O-Ton, Erwin Pfundtner, Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit:

»Natürlich, wenn belasteter Wirtschaftsdünger oder Biogasgülle unsachgemäß ausgebracht wird, dann kann das eine große Gefahr für den Menschen darstellen.«

Und deshalb hat Österreich im vergangenen Jahr strenge Gesetze für die Nutzung von Gärresten als Düngemittel erlassen.
Gärreste müssen regelmäßig auf sechs Krankheitserreger getestet werden, darunter auch EHEC.

Und wie ist es in Deutschland? Bisher hat die Politik den Ausbau der Biogasbranche stark subventioniert und will sie auch in Zukunft massiv fördern. Gesundheitsschutz spielt dabei kaum eine Rolle. Soll sich das jetzt ändern? Darüber hätten wir gerne mit Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner gesprochen. Doch ein Interview lehnt sie ab. Und auch aus ihrem Ministerium bekommen wir keine Antworten auf unsere konkreten Fragen.

Die Idee von der risikolosen Energiegewinnung aus Mist und Gülle. Angesichts neuer Erkenntnisse bestehen daran massive Zweifel. Jetzt sollte die Politik die Hygienevorschriften für Biogasanlagen überprüfen und die Kontrollen verschärfen.

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