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Das tausendfache Leid der Kinder westdeutschen Säuglingsheimen Verdrängtes Unrecht

Moderation Fritz Frey:

Unehelich geboren – so lange ist das noch nicht her, da war das ein schlimmer Makel: für die Mutter, aber natürlich auch für das Kind. Bastarde, Kinder der Sünde, so wurden sie beschimpft. Tausende wuchsen  in sogenannten Säuglingsheimen auf.

Thomas Reutter wollte wissen, wie es in diesen Heimen zugegangen ist. Was er zu Tage gefördert hat, ist beklemmend. Nicht selten wurden Kinder, die unruhig waren, ans Bett gefesselt oder sogar mit Medikamenten ruhig gestellt.

Wer übernimmt dafür heute die Verantwortung?

Bericht:

Die katholischen Bischöfe auf dem Weg zum Bußgottesdienst im Dom zu Paderborn. Sie wollen beten um Vergebung. Vergebung für die Sünden der Kirche, begangen an Heimkindern.

Mit ihnen sprechen wollen die Bischöfe aber nicht. Manche von ihnen waren schon als Säuglinge im Heim. Erst Jahre später haben sie von Ärzten erfahren, was die Säuglingsheime aus ihnen gemacht haben:

O-Ton, Jürgen Beverförden:

"Wenn ich ruhig bin, wenn ich entspannt bin, nicht beobachtet bin, war ich immer so, saß ich immer so am Wippen."





O-Ton,Werner Pah:

"Ja, ja und dann haben sie das festgestellt, dieses Wippen und alles. Und dann haben sie gesagt, dass muss man beruhigen. Und dann haben sie mich schon von klein auf zum Psychiater nach Herden und so weiter gebracht und dann bekam ich, was eigentlich für Erwachsene ist,  so Medikamente. Da kann ich mich noch heute erinnern: Dipiperon. Das verschreibt man doch keinem Kind!"

Säuglingsheime. Bis Mitte der 1970er Jahre gab es sie in jeder Stadt, überwiegend katholisch, viele auch evangelisch. Schätzungsweise 260.000 Kinder waren so in Westdeutschland untergebracht, weil die Eltern nicht für sie sorgen konnten, wollten oder durften.

Fast alle waren unehelich geboren und deshalb als „Kinder der Sünde“ gebrandmarkt, als „Bastarde“ beschimpft. Die Stationen waren überbelegt: Auf zehn Babies kam oft nur eine einzige Schwester.

Zeit, sich mit den Kindern zu beschäftigen, blieb kaum. So hat es auch Marianne Döring erlebt. 1968 hat sie in diesem Haus in Berlin gearbeitet, im Säuglingsheim eines katholischen Ordens. Sie erinnert sich nur ungern:

O-Ton, Marianne Döring:

"Die Kinder greinten sehr viel. Sie wimmerten so. Sie weinten nicht mal richtig, sondern es war eigentlich so ein, ja immer so ein stummes Klagen, würde ich es mal nennen. Das war einfach sehr, sehr traurig. Diese Kinder waren geboren und hatten eigentlich nie eine Chance, nie eine wirkliche Chance zum Leben, wenn da nicht was passierte."

Um Zeit zu sparen bekam jedes Kind sein Fläschchen ins Bett gelegt. Wer nicht alleine trinken konnte, oder seine Flasche verlor, musste warten, oft stundenlang.

Diese Aufnahmen machten Wissenschaftler 1960 in Zürich. In Deutschland sahen die Heime genauso aus. Nach diesem Film wurde die Massenpflege in der Schweiz eingestellt. In Deutschland lief sie weiter.

Die meiste Zeit waren die Kinder sich selbst überlassen. Alleine. Tag für Tag. Viele stumpften ab, blieben in ihrer Entwicklung zurück. Sie fingen nicht an zu sprechen. Sie lachten nicht. Verkümmerten seelisch. Wer häufig störte, wurde ruhig gestellt.

O-Ton, Jürgen Beverförden:

"Da wurde ich angebunden ans Bettchen. Ich war mit Mullbinden festgebunden und auf dem Stühlchen haben sie mich festgebunden. Jetzt in der Reha-Klinik sagt der Arzt zu mir – der wusste nicht, wo ich herkam, dass ich im Heim war – der fragte: Herr Beverförden, irgendwas ist mit Ihnen passiert in früher Kindheit. Sie haben ein schiefes Becken. Ein Bein ist länger als das andere. Sie haben eine krumme Wirbelsäule. Sagen Sie mal, waren Sie lange krank? Haben Sie im Krankenhaus gelegen? Da sage ich: Nein, im Kinderheim bin ich groß geworden. Von der Säuglingsstation bis zum Schluss."

Im Berliner Säuglingsheim „Strampelchen“ hielt  es die Kinderpflegerin Marianne Döring nur eine Woche aus.

O-Ton, Marianne Döring:

"Das war so schlimm, da habe ich erlebt, wie diese Kinder zum Beispiel auf die Töpfe gesetzt wurden, festgebunden wurden, und sie saßen da teilweise eine Stunde. Und dann wurde immer in großen Abständen geguckt, ob da was im Topf war. Und wenn nichts drin war, wurden die Kinder richtig beschimpft und die Kolleginnen, die da neben mir arbeiteten, die schlugen den Kindern dann auch mit einem nassen Waschlappen oder mit einer Windel oder mit irgendwas, was da gerade in der Nähe lag, einfach ins Gesicht. Völlig lieblos, schlugen sie diesen Kindern, die nicht wussten, worum es ging und die noch gar nicht verstehen konnten, was sie auf dem Topf sollten, die wurden ja da einfach geschlagen. Ja."

Mit den Zuständen in den Säuglingsheimen hat sich der Sozialpädagoge Professor Manfred Kappeler eingehend beschäftigt. Er war Sachverständiger zum Thema Heimerziehung im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags.

O-Ton, Prof. Manfred Kappeler, Experte für Heimerziehung:

"Bekannt ist, dass Kinder, die unruhig waren, festgebunden wurden, die Hände, die Arme, die Beine wurden an die Gitterstäbe der Betten angebunden, und es wurden auch mit Medikamenten unruhige Kinder, die eben als schwierige Kinder immer schon angesehen wurden, ruhig gestellt.  Also, sedierende  Medikamente, ganz unterschiedliche Medikamente wurden völlig ohne Problembewusstsein den Kindern gegeben, Hauptsache sie waren ruhig.«

Frage: und waren das Einzelfälle?

O-Ton, Prof. Manfred Kappeler, Experte für Heimerziehung:

"Das war die generelle Praxis, jeden Tag in diesen Einrichtungen."

Die Kinder kamen nie nach draußen. Man wusste, dass sich so ihre Blutwerte verschlechterten. Deshalb wurden sie unter Höhensonnen mit UV-Licht bestrahlt.

Heute sagen uns die Kirchen: Sie hätten sich schon mit der Heimerziehung auseinandergesetzt. Ein Interview zu den Säuglingsheimen  geben sie allerdings nicht.

Die Evangelische Kirche Deutschlands schreibt uns, sie sehe keinen Spielraum für eine separate Stellungnahme der EKD zu diesem speziellen Aspekt.

Die katholische Kirche verweist an die Caritas. Doch auch die Caritas lehnt ein Interview ab. Aufgearbeitet haben die Kirchen das Unrecht der Säuglingsheime bislang nicht.

O-Ton, Prof. Manfred Kappeler, Experte für Heimerziehung:

"Wir erwarten ein deutliches Schuldbekenntnis, gerade der Kirchen. Für die sind ja Begriffe wie Schuld und Sühne zentrale theologische Kategorien."

Abmoderation Fritz Frey:

Wie so oft schweigen die, deren Aufgabe es heute wäre, sich den Opfern von damals zuzuwenden. Zu diesem Thema auch ein Gespräch mit unserem Autor unter www.reportmainz.de unter anderem zur Frage, wie es nun weitergehen wird mit den Opfern.