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Das Geschäft mit seltenen Krankheiten Wie die Pharma-Industrie mit sogenannten Orphan Drugs Kasse macht

Moderation Fritz Frey:

Patienten mit seltenen Krankheiten, sie gelten als die Waisenkinder des deutschen Gesundheitssystems. Nur wenige Ärzte können helfen und für die Pharmaindustrie lohnt sich die Entwicklung von Medikamenten meist nicht. Und weil das so ist, wurden Sonderregelungen erlassen für Arzneien, die bei seltenen Krankheiten helfen können. Das war gut gemeint, aber wohl nicht gut gemacht. Denn von diesen Regelungen profitieren weniger die Patienten, es ist vor allem die Pharmaindustrie, die sich eine goldene Nase verdient. Wie das funktioniert? Monika Anthes und Tilo Knops können es erklären.

Bericht:

Henry und Emil Müller leiden unter einer seltenen Krankheit. Langsam verkümmern ihre Muskeln. Noch sieht man dem 8-Jährigen und seinem 5-jährigen Bruder kaum etwas an, doch das Siechtum ist unaufhaltbar.

O-Ton, Christine Müller:

»Ja, meine beiden Kinder Henry und Emil die haben Muskeldystrophie Duchenne, das ist eine sehr seltene Erkrankung, die leider einen sehr schlimmen Verlauf nimmt, das heißt, die Muskeln werden immer schwächer und sie werden im Jugendalter wahrscheinlich im Rollstuhl sitzen und dann immer mehr auf Pflege angewiesen sein. Die Lebenserwartung ist leider sehr gering.«

Und die Eltern können nichts für ihre Kinder tun!

O-Ton, Hartmut Müller:

»Ja, Medikamente gibt es derzeit einfach nicht, es besteht eben auch keine Aussicht zurzeit auf Heilung.«

Bei so wenigen Patienten lohnt sich für die Industrie die Forschung nicht. Um auch bei seltenen Krankheiten, wie der von Henry und Emil, Medikamente zu finden, wurde vor zehn Jahren auf EU-Ebene eine Regelung eingeführt. Sie gibt Anreize, damit auch für die sogenannten Waisenkinder der Medizin Arzneimittel gefunden werden. Die Entwicklung dieser „Orphan Drugs“ wird gezielt gefördert durch den Erlass der Zulassungsgebühren, eine vereinfachte Zulassung und vor allem zehn Jahre Marktexklusivität.

So wird die Pharmaindustrie für die Forschung zu seltenen Krankheiten belohnt. Auch Freya Matthiessen leidet an einer seltenen Krankheit: Dem Lambert-Eaton-Syndrom. Seit zehn Jahren weiß sie, dass ihre Muskeln und Nerven immer schwächer werden, und kämpft dagegen an:

O-Ton, Freya Matthiessen:

»Sie können sich nicht vorstellen, wie die Muskelschwäche sich auswirkt, wenn Sie nicht schlucken können, wenn Sie Erkältung haben, wenn sie nicht abhusten können, weil die Kraft nicht reicht, Sie ersticken.«

Zum Glück für Frau Matthiessen gibt es seit Jahren ein Mittel, das ihre Krankheitssymptome lindert. Den Wirkstoff 3,4-DAP hat sie früher vom Apotheker auf Rezept anmischen lassen.

O-Ton, Freya Matthiessen:

»Es ist ja nicht gegen die Krankheit, gegen die Symptome und das ist so was von wunderbar.«

Doch dann wurde derselbe Wirkstoff als Orphan Drug unter dem Namen Firdapse zugelassen und wird nun von der Pharmafirma Biomarin vertrieben. Die Folge: statt 200 Euro für 3,4-DAP kostet das neue Medikament, jetzt als Orphan Drug zugelassen, 2.900 Euro. Unterschiede zwischen dem alten und dem neuen Medikament hat Freya Matthiessen nicht festgestellt.

O-Ton, Freya Matthiessen:

»Es ist ja nichts anderes. Es ist nichts anderes. Es ist Amifampridin, chemisch gesprochen 3,4 Diaminopyridin.«

Kann das sein? Derselbe Wirkstoff und eine solche Preisexplosion? Im Klinikum Berlin-Buch treffen wir den Chef der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Professor Ludwig hat in letzter Zeit ständig mit Medikamenten zu tun, die schon lange bekannt sind und nun neu als Orphan Drug zugelassen werden, wie Firdapse.

O-Ton, Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Arzneimittelkommission der Dt. Ärzteschaft:

»Durch die Verfügbarkeit des Fertigarzneimittels hat sich der Preis um den Faktor 40-70, also in der Größenordnung von etwa 1.000 Euro Jahrestherapiekosten auf 50.000 Euro Jahrestherapiekosten verteuert, dies ist sicherlich skandalös.«

Nutzt die Firma die gut gemeinten Orphan-Drug-Gesetze aus um Kasse zu machen? Auf unsere Nachfrage weist Biomarin jede Kritik als „unbegründet“ zurück und erklärt, dass das Medikament „Qualitätskontrollen“ unterliegt. Den Preis rechtfertigt sie mit „Forschungs-, Entwicklungs- oder Akquisitionskosten“. Der Chef der Arzneimittelkommission hält diese Antwort für eine Mogelpackung.

O-Ton, Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Arzneimittelkommission der Dt. Ärzteschaft:

»Ich denke zunächst, für Forschung und Entwicklung kann der Hersteller nicht soviel Geld ausgegeben haben, weil die Untersuchungen nicht mit diesem Fertigarzneimittel durchgeführt wurden, sondern mit dem Rezepturarzneimittel, das heißt eigene, größere Studien gar nicht durchgeführt wurden.«

Universität Bremen. Hier treffen wir den Gesundheitsökonomen Gerd Glaeske. Für Ihn steht fest: Firdapse ist nur die Spitze des Eisbergs. Immer mehr Pharmafirmen wollen mit dieser Masche abkassieren.

O-Ton, Prof. Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom:

»Es ist eine gewisse Goldgräberstimmung, die sich in der Pharmaindustrie breitgemacht hat, gerade was diese Orphan Drugs betrifft, gerade was die Arzneimittel bei seltenen Krankheiten betrifft, weil die gefördert werden.«

Der Grund dafür ist das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz. Eigentlich sollte es die Medikamentenkosten senken. Für jedes neue Medikament muss jetzt bewiesen werden, dass es besser wirkt als die bereits Vorhandenen. Einzige Ausnahme - die Orphan Drugs. Ihr Zusatznutzen gilt bereits durch die Zulassung als belegt. Ein Schlupfloch, das die Pharmaindustrie gerne nutzt.

O-Ton, Prof. Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom:

»Sie haben einen Zusatznutzen, das ist das beste Prädikat, was heute einem Arzneimittel passieren kann, dann hat man nämlich die große Chance, den Preis selber festzulegen, ohne dass ihm jemand reinredet, und das ist etwas, was die Pharmaindustrie an dieser Stelle nutzt. Nämlich gut bekannte Wirkstoffe in bekannten Indikationen zu Arzneimitteln weiterentwickeln und damit natürlich den Rahm abschöpfen, zu Preisen die ich selber asozial nenne.«

Für Emil und Henry Müller ist von Goldgräberstimmung in der Pharmabranche nichts zu spüren. Denn für die allermeisten seltenen Krankheiten, von denen es fünf bis achttausend gibt, sind keine Medikamente in Sicht. Die einzige Hoffnung von Christine und Hartmut Müller ist ihre Stiftung, um mit Spenden endlich unabhängige Forschung anzustoßen.

O-Ton, Prof. Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom:

»Man wird sich um die seltenen Krankheiten kümmern, die einen guten Profit versprechen und gleichzeitig die Vorteile, auch die Profitmaximierungsvorteile, dann in Anspruch nehmen. Man wird sich weniger um die kümmern, wo man tatsächlich es mit Krankheiten zu tun hat, an denen wenige hundert Menschen leiden, die werden wahrscheinlich im Moment aus Profitmaximierungsaspekten bei der Pharmaindustrie durch den Rost fallen.«

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