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Reaktoren im Stress Wie der Energiemix Kernkraftwerke in Deutschland belastet

Moderation Fritz Frey:

Hätten Sie es für möglich gehalten, dass ausgerechnet die Union sich unter der Führung der Physikerin Angela Merkel an die Spitze der Anti-Atomkraft-Bewegung setzt? Okay, mancher hält das für eine vorübergehende Erscheinung, deren Halbwertszeit sich vor allem an den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz orientiert. Mag sein. Wir haben uns entschlossen, die Kanzlerin beim Wort zu nehmen. Wir wollen unseren Beitrag leisten zur versprochenen Risiko-Analyse der deutschen Atomkraftwerke. Also jetzt Konzentration im Kanzleramt. Und Sie zu Hause sollen natürlich auch zusehen, was Monika Anthes und Thomas Reutter herausgefunden haben.

Bericht:

Strom aus Sonne und Wind. Für Angela Merkel die Zukunft unserer Energieversorgung:

O-Ton:

»Wir wollen so schnell wie möglich das Zeitalter der erneuerbaren Energien erreichen. Das ist unser Ziel.«

Vorfahrt für erneuerbare Energien, das gilt schon heute für die Einspeisung ins deutsche Stromnetz. Fließt bei günstigem Wetter sehr viel Strom aus Wind- und Solaranlagen, müssen Kohle- und Atomkraftwerke gedrosselt werden. So will es das Gesetz. Deshalb hat der rasche Ausbau von erneuerbaren Energien auch enorme Auswirkungen auf den Betrieb von Atomkraftwerken,
meint Peter Ahmels von der Deutschen Umwelthilfe:

O-Ton, Peter Ahmels, Deutsche Umwelthilfe:

»Wir werden in einem System, wo wir erheblich mehr erneuerbare Energie haben, auch unter anderem Photovoltaik, die Mittags einspeist, wenn die Sonne scheint, werden wir 100, 150 Tage im Jahr haben, wo eigentlich kein Kraftwerk mehr am Netz sein muss, es kann komplett aus erneuerbaren Energien kommen.«

Dann müssten ganze Kernkraftwerke für Stunden vom Netz gehen. Für die Betreiber ist das angeblich kein Problem. In einer groß angelegten Anzeigenkampagne erklärt die Atomlobby: Wind- und Kernenergie seien ideale Partner. Durch ihre hohe Flexibilität könne die Kernkraft optimal auf Schwankungen der Erneuerbaren reagieren. Doch sind Atomkraftwerke tatsächlich für häufiges Hoch- und Wiederrunterfahren, den sogenannten Lastfolgebetrieb geeignet? Oder bedeutet das ein höheres Sicherheitsrisiko? Dazu liegt REPORT MAINZ exklusiv diese Studie zu den Sicherheitsrisiken des Lastfolgebetriebs vor. Sie wurde bereits im Sommer 2010 von Greenpeace in Auftrag gegeben.

Danach bedeutet regelmäßiges Drosseln und Wiederhochfahren für die Kraftwerke absoluten Dauerstress. Druck und Temperatur in der Anlage ändern sich häufig. Das führt zu Spannungen im Rohrleitungssystem. Die Folge: Das Material altert schneller, der Verschleiß steigt. Auch das wichtige Kühlsystem wird stärker beansprucht. Die chemische Zusammensetzung im Reaktor verändert sich, das erhöht die Gefahr der Korrosion. Im Reaktorkern kann es Schäden an den Brennstabhüllen kommen. Fazit: Durch die stärkere Belastung aller Komponenten wird das Risiko des Betriebes weiter erhöht, so dass es auch zu gravierenden Störfällen kommen kann.

Autor der Studie ist Wolfgang Renneberg, ein anerkannter Atomkraftexperte und ehemaliger Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium. Er hat für die Untersuchung alle verfügbaren Informationen und Daten zu den Auswirkungen des Lastfolgebetriebes ausgewertet.

O-Ton, Wolfgang Renneberg, Experte für Reaktorsicherheit:

»Die Studie macht deutlich, dass die Sicherheitsreserven, die bei den alten Anlagen sowieso schon geringer sind als bei den neueren Anlagen, nochmals geringer werden durch den Lastwechselbetrieb. Dadurch besteht die Gefahr, dass es häufiger zu Störfällen kommt, dass Ereignisse, die sonst möglicherweise harmlos sind, gefährlicher werden können, insgesamt das Risiko beim Betrieb der alten Anlagen nochmals steigt.«

Für Greenpeace ein alarmierendes Ergebnis:

O-Ton, Tobias Münchmeyer, Greenpeace:

»Wir sehen ein erhöhtes Sicherheitsrisiko durch diesen Dauerstress. Diese Materialien stehen unter einem ganz hohen Druck, unter ganz hohen Temperaturen. Und diese zusätzlichen Wechsel, die niemals vorgesehen wurden, als die Reaktoren gebaut wurden, die führen natürlich zu erhöhten Sicherheitsproblemen.«

Der schwedische Ingenieur Lars Olov Höglund hat viele Jahre Kernkraftwerke für Vattenfall und Siemens gebaut. Aus seiner langjährigen Berufserfahrung weiß er, dass es vor allem beim Hoch- und Runterfahren der Reaktoren zu Problemen kommen kann.

O-Ton, Lars Olov Höglund, ehem. Chefkonstrukteur Vattenfall:

»Man kann die Kraftwerke hoch und runter fahren, aber sie sind nicht dafür gedacht, sondern sie sollen in Volllast laufen oder abgestellt sein. Das ist das, wofür sie ausgelegt sind. Das mit dem Hoch- und Runterfahren, das ist nur eine Möglichkeit, aber das ist nicht zu empfehlen.«

Der flexible Betrieb von Atomkraftwerken ist also ein Sicherheitsrisiko. Ein Problem das die Politik bisher ignoriert hat und auch in den aktuellen Plänen von Bundesumweltminister Röttgen zur Überprüfung der Kernkraftwerke ist vom Lastfolgebetrieb nicht die Rede. Gerne hätten wir dieses Thema mit dem Minister diskutiert. Doch Zeit für ein Interview hat er nicht. Und auch schriftlich erhalten wir keine Antwort auf unsere Fragen.

O-Ton, Wolfgang Renneberg, Experte für Reaktorsicherheit:

»Das Bundesumweltministerium muss dieses Thema endlich begreifen. Es muss es begreifen als ein Thema, was sicherheitstechnisch relevant ist und was das Risiko des Betriebs der Reaktoren, insbesondere der alten Reaktoren, vergrößern kann.«

Abmoderation Fritz Frey:

Unter reportmainz.de übrigens das gesamte Interview mit Herrn Renneberg, dem Verfasser der Studie. Und ein Gespräch mit den REPORT-Autoren gibt es auch noch.