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SENDETERMIN Mo, 30.8.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Karstadt und die Banken Trickst die Deutschen Bank auf dem Rücken der Beschäftigten?

Zwischenzeitlich sah es so gut aus für Karstadt und seine Mitarbeiter. Der Insolvenzverwalter hatte einen Vertrag mit dem deutsch-amerikanischen Investor Nicholas Berggruen abgeschlossen – gut, einige Details hinsichtlich der Miete waren noch zu klären, aber eigentlich schien der Deal perfekt.

Doch jetzt haben Daniel Hechler und Ulrich Neumann recherchiert, dass hinter den Kulissen ein Machtkampf um Karstadt tobt. Und die Mitarbeiter sorgen sich mal wieder um ihre Jobs.

Bericht:

KARSTADT

Firmenlogo der Karstadt AG

Für Karstadt ist es die Woche der Entscheidung: 25.000 bangen um ihren Job. Krisenstimmung auch bei diesen Karstadt-Mitarbeitern in einer Kneipe in Hannover.

O-Ton, Mitarbeiter Karstadt:

»Es ist Irgendwie, ja, nervenaufreibend, Angstgefühle, man weiß nicht mehr, was man direkt machen soll.«

O-Ton, Mitarbeiter Karstadt:

»Man hat mal was gesagt von Karstadt von menschlicher Würde und die ist untergegangen in der Insolvenz.«

O-Ton, Mitarbeiter Karstadt:

»Ich glaube mittlerweile nicht mehr daran, dass das weitergeht.«

Dabei schien alles schon in trockenen Tüchern. Er soll den insolventen Karstadt-Konzern retten: der Milliardär Nicolas Berggruen. Im Juni unterschreibt er nach langwierigen Verhandlungen den Kaufvertrag. Von Karstadts Zukunft ist er überzeugt:

Nicolas Berggruen

Nicolas Berggruen, Investor

O-Ton, Nicolas Berggruen, Investor:

»Unter dem richtigen Dach, mit einer neuen Vision, neuem Management, glaube ich, kann Karstadt wieder sehr gut funktionieren.«

Sein Konzept macht den Karstadt-Mitarbeitern Hoffnung. Auch Gläubiger, Gewerkschaften und der Insolvenzverwalter stehen hinter Berggruen.

Thomas Schulz

Thomas Schulz, Sprecher Insolvenzverwaltung

O-Ton, Thomas Schulz, Sprecher Insolvenzverwaltung:

»Berggruen hat den Gläubigerausschuss überzeugt dadurch, dass er keine weiteren Zugeständnisse von den Arbeitnehmern fordert, dass er eigenes Geld in die Zukunft der Karstadt Warenhaus GmbH gibt und dass er sehr klar sieht, welche Investitionen auf der Fläche in den Häusern für die Kunden notwendig sind.«

Margret Mönig-Raane

Margret Mönig-Raane, stellv. ver.di-Vorsitzende

O-Ton, Margret Mönig-Raane, stellv. ver.di-Vorsitzende:

»Alles das, was ich mir angeguckt habe, was er bisher an Investments gemacht hatte, die haben keinen Zweifel aufkommen lassen, dass es ein seriöser Anbieter ist.«

Und doch könnte er noch scheitern: Bis Freitag muss er sich mit Highstreet einigen, den Vermietern der Karstadt-Immobilien. Hinter Highstreet steht maßgeblich die Deutsche Bank. Doch nach monatelangen Verhandlungen fehlt noch immer die Unterschrift unter dem Mietvertrag. Die Rolle der Bank: undurchsichtig.

O-Ton, Margret Mönig-Raane, stellv. ver.di-Vorsitzende:

»Man kann sich keinen klaren Reim darauf machen, was das eigentlich soll. Ich vermute, dass die Illusion, man könnte beliebig von einem Anbieter auf den anderen springen, und sich dann aussuchen, zu diesem Zeitpunkt, was in der Fantasie am tollsten ist, dass diese Illusion mit reinspielt.«

Der andere ist er: Maurizio Borletti. Der italienische Kaufhaus-Unternehmer ist mit der Deutschen Bank geschäftlich eng verbunden.

Erst nach Vertragsabschluss mit Berggruen prescht er mit seinem Kaufangebot vor. Er verspricht viel. Erstmals gibt er in Deutschland ein Fernsehinterview.

Mauricio Borletti

Mauricio Borletti, Unternehmer

O-Ton, Mauricio Borletti, Unternehmer:

»Wir bringen mehr Geld ein und haben Erfahrungen und Kontakte mit Modemarken.«

Doch ist er die Rettung? Bei seinen Unternehmen kämpft er mit Problemen. Ein Beispiel: Nach diesem Geschäftsbericht von 2009 macht er mit seinem Kaufhaus Printemps Millionenverluste. Und nicht nur das.

O-Ton, Margret Mönig-Raane, stellv. ver.di-Vorsitzende :

»Abgesehen davon, dass er einfach zu spät kommt, finde ich seinen größten Schwachpunkt, dass er kein eigenes Geld in die Hand nehmen kann, sondern alles leihen muss. Und dann natürlich sind Zinsen fällig, wie man hört, in zweistelliger Prozentgröße.«

Das wären zig Millionen Euro zusätzlicher Last für Karstadt. Und Borlettis Finanzier Gordon Brothers ist als Spezialist für Firmenabwicklungen bekannt.

Doch Vermieter Highstreet mit der Deutschen Bank im Hintergrund einigt sich mit Borletti in kürzester Zeit auf einen Mietvertrag. Eine Ohrfeige für Berggruen. Borletti ist überzeugt, dass sein Gegenspieler noch scheitert.

O-Ton, Mauricio Borletti, Unternehmer:

»Unter den Vermietern gibt es große Unruhe, die sogar zunimmt. Nur einer muss nein sagen. Und da gibt es einige, die guten Grund haben, nein zu sagen. Das ganze Highstreet-Konsortium hat gezeigt, dass es uns unterstützt, dass es uns bevorzugt.«

Hinter den Kulissen tobt ein Machtkampf. Berggruen soll weg. Die Deutsche Bank wirbt in einem Gespräch beim Insolvenzverwalter massiv für Borletti. In einem Brief, der uns exklusiv vorliegt, schreibt der Verwalter an die Bank, dass ihn das an „Vertragsbruch“ erinnere und sie damit „das Ganze riskiert“.

O-Ton, Thomas Schulz, Sprecher Insolvenzverwaltung:

»Wenn alle Beteiligten signalisieren, wir sind grundsätzlich durch, dann ist es unverantwortlich und hat tatsächlich etwas von Monopoly, wenn dann weiter auf den Nerven der Mitarbeiter und auch der Lieferanten rumgetrampelt wird.«

Warum aber spielt die Deutsche Bank Monopoly? Die Spur führt zum Kaufhof-Eigner Metro. Die Deutsche Bank hat für die Metro schon Milliardendeals gestemmt, sitzt sogar im Aufsichtsrat.

Borletti hat seit Jahren beste Verbindungen ins dortige Top-Management. Und sie alle treibt die Idee einer Deutschen Warenhaus AG um, einer Mega-Fusion aus Kaufhof und Karstadt mit erheblich weniger Häusern und höheren Renditen.

O-Ton, Margret Mönig-Raane, stellv. ver.di-Vorsitzende :

»Wir rechnen, dass bei Realisierung der Idee Deutsche Warenhaus AG, sowohl beim Kaufhof wie auch bei Karstadt zehn bis fünfzehntausend Arbeitsplätze vernichtet würden.«

Angesprochen auf die Warenhaus AG, reagiert Borletti ausweichend. Doch er räumt ein:

O-Ton, Mauricio Borletti, Unternehmer:

»Die beiden Ketten Kaufhof und Karstadt sind zu ähnlich. Die Wahrheit ist: Wenn Sie als Kunde in einen Kaufhof oder Karstadt gehen, wissen Sie nicht, ob Sie in dem einen oder anderen sind, weil das Design, die Werbung und die Marken dieselben sind.«

Die Deutsche Bank will uns zu ihrer Rolle kein Interview geben. Am Freitag erklärt sie auf unsere Anfrage schriftlich: Man wolle Berggruen weiterhin „konstruktiv unterstützen“, aber möglicherweise sei „Borlettis Angebot besser“. Und außerdem: „Die Deutsche Warenhaus AG ist als Denkmodell prinzipiell auf dem Tisch.“

Nicht gerade ein klares Bekenntnis für Berggruen nach monatelangem, zähem Ringen.

O-Ton, Nicolas Berggruen, Investor:

»Es ist unmöglich für die Mitarbeiter, unmöglich für die Lieferanten, unmöglich für alle, wenn das weiter ohne Klarheit geht.«

Es bleibt also für Karstadt eine Zitterpartie mit ungewissem Ausgang. Für die Beschäftigten wäre das Szenario Warenhaus AG jedenfalls ein Horrorszenario.

O-Ton, Mitarbeiter Karstadt:

»Das wird die radikalste Marktbereinigung in der Einzelhandelslandschaft, die es bisher überhaupt gegeben hat.«

O-Ton, Mitarbeiter Karstadt:

»War ein toller Job, hat immer Spaß gemacht. Man fühlt sich einfach verarscht!«

Abmoderation Fritz Frey:

Über Mastvieh und Minister haben wir in der letzten Sendung berichtet. Konkret über qualvoll gehaltene Puten und die niedersächsische Landwirtschaftministerin Grotelüschen. Wie sich diese Geschichte weiterentwickelt hat und wie die Ministerin versucht sich aus der Verantwortung zu stehlen – das können Sie in Report nachgefragt sehen unter www.reportmainz.de.

aus der Sendung vom

Mo, 30.8.2010 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Daniel Hechler
Ulrich Neumann

Kamera:
Andreas Deinert
Ralf Erdmann
Fabian Köchert

Schnitt:
Marcus Kaul

Sprecher:
Daniel Hechler