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SENDETERMIN Mo, 28.6.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Reich nur auf dem Papier Die Ängste der Mittelschicht vor dem Abstieg

Sorgen, die auch die so genannte Mittelschicht plagen. „Die Mittelschicht fürchtet den Abstieg“, „Panik in der Mittelschicht“ – alles Schlagzeilen aus den letzten Tagen. Was war passiert? Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung glaubt feststellen zu können, dass ausgerechnet die Mittelschicht, der Stabilitätsanker der Gesellschaft, bröckelt.

Doch Studien sind abstrakt. Wie es sich konkret in der Mittelschicht lebt, der Schicht, die von der Politik so gerne mit großen Versprechen umworben wird, das wollten Eric Beres und Achim Reinhardt wissen.


Bericht:

Mittagessen bei den Weigmanns in Halle, in Sachsen-Anhalt. Einer ganz normalen Familie aus der Mittelschicht. Einkaufsbummel mit Familie Eimers aus Metelen in Nordrhein-Westfalen. Auch sie gehören zur Mittelschicht. Familien wie diese beiden wollen die Politiker schon seit Jahren entlasten. Bei kaum einem anderen Thema sind sie sich so einig.


O-Ton, Gerhard Schröder, SPD:

"Wer nicht für eine Mittelschicht sorgt, die sich auch etwas leisten kann, der handelt nicht nur sozial ungerecht, der handelt auch wirtschaftlich unvernünftig."


O-Ton, Guido Westerwelle, FDP:

"Wer die Mittelschicht weiter ausbeutet, der schadet unserem Land."


O-Ton, Angela Merkel, CDU:

"Dass wir gerade die mittleren Einkommen entlasten, wo immer das möglich ist."


Entlastung für die Mittelschicht. Was ist aus diesem Versprechen geworden?

Die Eimers kamen jahrelang eigentlich ganz gut über die Runden. Manfred Eimers ist Techniker beim Kreisumweltamt. Seine Frau Ingrid arbeitet halbtags beim Veterinäramt. Im Monat haben sie 2.800 Euro netto plus Kindergeld. Klingt nach viel, doch immer häufiger rutscht ihr Konto ins Minus.


O-Ton, Manfred Eimers:

"Die finanzielle Situation wird also immer prekärer, am Ende des Monats bleibt also immer weniger übrig. Von einer Entlastung spüre ich persönlich überhaupt nichts, ich verspüre nur eine tatsächliche Belastung."



Auch bei den Weigmanns ist das Geld knapp. Und das, obwohl beide Eltern berufstätig sind. Grit Weigmann betreibt ein kleines Textilgeschäft, ihr Mann Frieder arbeitet bei der Diakonie. Beide verdienen sich mit Nebenjobs noch etwas dazu. 3.600 Euro netto im Monat plus Kindergeld, darum beneiden sie viele. Trotzdem ist hier Sparen an der Tagesordnung. Statt Saft oder Cola gibt es Leitungswasser. Und nicht nur da müssen sie sich einschränken.


O-Ton, Frieder Weigmann:

"Da kommen Fragen auf wie: Kann der Junge jetzt noch in den Sportverein gehen, kriegen wir das hin? Können wir am Wochenende ins Kino gehen? Da kommt immer öfter auch ein „Nein“. Weil wir feststellen, das geht nicht mehr. Und das hat schon, erzeugt ein komisches Gefühl, Dinge nicht mehr machen zu können, die vor fünf, sechs Jahren noch gar keine Frage waren."


Tausend Euro Miete, Rechnungen für Strom und Gas, Schulden fürs Auto abbezahlen. Das geht ins Geld. Ihre Kleidung kaufen die Weigmanns deshalb am liebsten im Second-Hand-Laden.


O-Ton, Grit Weigmann:

"Wir kaufen hier gerne ein, weil es einfach günstig ist. Und weil man, wenn man dann doch mal ein Stück hat, was einem nach einem halben Jahr nicht gefällt, sich nicht drüber ärgert, weil es halt nur vier, fünf Euro gekostet hat, ja? Wo man sonst vielleicht 20, 30 bezahlt hätte."


Sparen, wo es nur geht. Wurde die Mittelschicht tatsächlich entlastet? Nachfrage bei Experten vom Bund der Steuerzahler. Sie haben untersucht, wie sich die Steuerpolitik der vergangenen Jahre auf die Mittelschicht ausgewirkt hat.

Ergebnis: Seit 1990 wurden vor allem die unteren und die oberen Schichten entlastet. Die Mittelschicht musste aber insgesamt deutlich mehr Steuern zahlen.


O-Ton, Zenon Bilaniuk, Vizepräsident Bund der Steuerzahler:

"Die Mittelschicht wird seit Jahren von der Politik stiefmütterlich behandelt. Es ist ein enormer Reformbedarf da. Insbesondere in der Steuerpolitik müsste endlich auch die Politik erkennen, dass die Mittelschicht ihrer Fürsorge bedarf, und wir warten alle, dass für die Mittelschicht endlich etwas getan wird."


Darauf hoffen auch die Weigmanns seit Jahren. Doch stattdessen erleben sie immer wieder böse Überraschungen.


O-Ton, Frieder Weigmann:

"Also wir haben mit der letzten Steuererklärung, mit der Berechnung gesehen, dass wir statt der erwarteten 3.500 Erstattung aus dem Vorjahr jetzt nur 1.000 Euro Erstattung kriegen, das hat uns schon ein bisschen geschockt, da haben wir uns schon ein bisschen veralbert gefühlt. Der Grund tatsächlich, wie wir dann gesehen haben, ist: Das Arbeitszimmer, was ich brauche, was ich nutze, ist nicht mehr abzugsfähig. Also hier hat sich über die Änderung im Steuergesetz auch für uns wieder ein Nachteil ergeben."


Um Geld zu sparen, kauft Frieder Weigmann nur noch gebrauchte Möbel und arbeitet sie auf. Denn, so sagt er, wenn es mal wieder eine Entlastung gibt, etwa die Erhöhung des Kindergeldes, wird sie an anderer Stelle gleich wieder aufgefressen.

Auch die Eimers haben das Gefühl, dass die Politik ihnen immer mehr Kosten aufbürdet. Wie die steigenden Abgaben für Kranken- und Rentenversicherung. Seit ihre älteste Tochter studiert, müssen sie ihr neben der Unterkunft auch die Studiengebühren bezahlen.


O-Ton, Manfred Eimers:

"Für das Studium unserer Tochter arbeitet so gesehen meine Frau. Wenn ich sehe, was sie monatlich erhält, dann geht ihr gesamtes monatliches Einkommen, geht also fürs Studium drauf."


Ausgaben wie diese sind für den Wirtschaftswissenschaftler Professor Stefan Sell versteckte zusätzliche Belastungen der Mittelschicht durch die Politik.


O-Ton, Prof. Stefan Sell, FH Koblenz-Remagen:

"Also was eine typische Mittelschichtsfamilie in den letzten zehn Jahren erlebt hat, lässt sich mit einem Begriff zusammenfassen: Eine umfassende Privatisierung vieler bisheriger öffentlicher, staatlicher Leistungen, wo das ihnen vor die Tür gestellt wird, und wo gesagt wird, sieh zu, wie du das selber finanzierst. Von den Kitas, über die Schule, Nachhilfe, Studium der eigenen Kinder, bis hin zur eigenen privaten Altersvorsorge."


Fazit. Familien wie die Weigmanns und die Eimers hat die Politik kaum entlastet. Im Gegenteil: Sie müssen immer mehr zahlen – trotz aller Versprechen der Politiker.


O-Ton, Manfred Eimers:

"Wenn ich dann immer so Tiraden höre, wie vor der Bundestagswahl: Mehr netto vom brutto, und Arbeit muss sich wieder lohnen, das kann ich dann also tatsächlich kann ich das also nicht mehr hören."


Abmoderation Fritz Frey:

Herr Weigmann hat uns noch erzählt, dass er für sich und seine Familie mit großen Sorgen in die Zukunft blickt. Fest steht, dass in der Mitte der Gesellschaft das Vertrauen in die Lösungskompetenz der Politik dramatisch schwindet.

aus der Sendung vom

Mo, 28.6.2010 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Eric Beres
Achim Reinhardt
Kamera:
Guntram Fink
Olaf Teichert
Daniel Theobald
Schnitt:
Christin Klenner
Sprecher:
Achim Reinhardt