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SENDETERMIN Mo, 28.6.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Die da oben und die da unten Ein Wochenende zwischen Überfluss und Armut

Zuschauerumfrage:

O-Ton, Ilona Seifert-Brack, Angestellte:

»Ungerecht finde ich im Moment die Sparpläne unserer Regierung, dass die Ärmsten, die Hartz-IV-Empfänger, wieder noch mehr abgeben müssen.«






O-Ton, Hartwig Oertel, Angestellter:

»Ich finde es ungerecht, dass es in dieser Gesellschaft ein Risiko ist, alleinerziehend zu sein, und zwar ein Armutsrisiko. Ich finde, diese Menschen leisten etwas, sie leisten etwas für die Zukunft dieser Gesellschaft, und dann muss auch diese Gesellschaft was für sie leisten.«



O-Ton, Martin Wunderlich, Informatiker:

»Die größte Ungerechtigkeit, finde ich, ist, dass die Politiker in Deutschland die Interessen der armen Menschen nicht wahrnehmen und dementsprechend handeln.«






Arm gegen Reich – leben wir in einem ungerechten Land? Einfache Frage – schwierige Antwort. Guten Abend zu einem REPORT MAINZ Extra.

Während die Politik in Berlin ebenso umstrittene wie milliardenschwere Sparpakete schnürt, haben wir im Internet gefragt, was Sie für die größte Ungerechtigkeit halten – ein paar Stimmen haben wir schon gehört.

Wie groß ist der Graben zwischen Arm und Reich? Um das herauszufinden waren wir viel unterwegs, aber nicht nur in Deutschland. Denn das haben Oliver Heinsch, Thomas Reutter und Gottlob Schober schnell gemerkt: So manch besser betuchter Landsmann hat der Heimat bereits den Rücken gekehrt.

Bericht:

Die Sonnenseite des Lebens. Ein Villenviertel auf Mallorca. Wir treffen Fred Grzelka. Er hat es geschafft, lebt hier seit 14 Jahren sorgenfrei. Bevor es ihn auf die Insel zog, hat er seine Firma verkauft und damit viel Geld gemacht. Dass er schon mit 52 Jahren in Rente gegangen ist, findet er gerecht. Und noch mehr.

Frage: Ist es gerecht, dass sie als Wohlhabender keinen Beitrag zum Sparen jetzt leisten müssen?

O-Ton:

»Ja, es ist gerecht. Denn gerechterweise habe ich in den früheren Lebensjahren in meiner aktiven Arbeitszeit meine Steuern geleistet und das ist eine sehr, sehr große Menge. Ich könnte also noch einmal drei Leben hintendran hängen und hätte immer noch nicht zu wenig bezahlt.«

In diesem schmucken Zwei-Millionen-Euro-Anwesen lebt er mit seiner Freundin. Gerne räsoniert er auch über Hartz-IV-Empfänger, die seiner Meinung nach einfach nicht genügend Antrieb haben.





O-Ton:

»Das ist so, wenn Sie einem Pferd oder einem Gaul einen Klaps auf den Hintern geben, dann ist das auch im Sprung nach vorne und das sollte auch bei den Hartz-IV-Empfängern ein bisschen zumindest das Zwicken sein, dass man sagt: Oh jetzt habe ich aber ein bisschen weniger. Und warum? Weil ich mich nicht bemühe. Also, ran damit!«

Sommerfest bei der Arche in Berlin, einem Verein für arme Kinder. Hier treffen sich die Verlierer. In der Hauptstadt lebt jedes dritte Kind von Hartz IV. Die Eltern stehen jetzt schon gewaltig unter Druck. Der wird durch das Sparpaket noch verstärkt. Viele finden einfach keinen Job mehr.



O-Ton:

»Mir sagt man mit 41, dass ich zu alt bin und das ist eigentlich eine Schande für mich. Ich habe so das Gefühl, dass das irgendwann hier ein ganz schlimmes Ende nimmt, wenn das weiter so geht. Die Großen werden einfach zu wenig bestraft, das ist meine Meinung, diejenigen, die das hier alles verzockt haben hier, das ganze Geld, ich finde das einfach nicht in Ordnung, dass die nicht zur Kasse gebeten werden. Und daher möchte ich nur, dass irgendwann einmal Gerechtigkeit einkehrt in diesem Staat.«

Die Würstchen sind gratis. Allein das ist schon ein Grund für viele hier her zu kommen. Jetzt sollen ausgerechnet die Ärmsten auch noch helfen, den Staatshaushalt zu sanieren. Ist das gerecht?

O-Ton:

»Ich finde das unmöglich, die sollen mal bei den Reichen im Prinzip dieses Sparpaket anlegen, damit wir im Prinzip auch mal leben können. Ich lade gerne Frau Merkel mal bei mir zu Hause ein, und dann kann sie gerne mal sehen, wie ich wohne und mit wie viel Geld ich auskommen muss.«

Ein Nobelclub auf Sylt. Geladene Gäste. Lifestyle-Publikum, das für einen netten Abend auch mal ein paar Tausend Euro liegen lässt.

Auch hier gibt es Würstchen, als amüsanten Party-Gag für die Besserbetuchten. Mit Sparen hat das nichts zu tun.



O-Ton:

»Wenn man überall erschlagen wird mit Lachshäppchen, und so weiter und so fort, dann finde ich das sehr erfrischend, wenn man sagt: Bleiben wir mal auf dem Boden. Ich find‘s toll.«

Denn bei 1400 Euro für die teuerste Flasche geht die Bodenhaftung vielleicht schon mal verloren. Dass jetzt an Hartz-IV-Empfängern gespart wird und die Reichen verschont werden, damit hat hier fast niemand ein Problem. Es werde zu viel über Gerechtigkeit und zu wenig über Leistung geredet.

O-Ton:

»Leute, die nicht unbedingt den Sinn darin sehen, arbeiten zu wollen, denen kann ich nicht alles geben. Sorry. Tut mir leid.«

O-Ton:

»Wer nichts tun will und nur Protz auf lau ist, der soll eben ganz viel gestrichen bekommen.«

O-Ton:

»Ich denke, jeder hat in diesem Land seine Chancen und seine Möglichkeiten, und die müssen einfach genutzt werden. Und soziale Hängematte ist sicherlich nicht angesagt.«

Wir sind in im pfälzischen Lauterecken. 2000 Einwohner leben hier. Aus den umliegenden Dörfern kommen an zwei Tagen pro Woche 60 Menschen zur Tafel. Hier auf dem Land fühlen sich die ärmeren Menschen besonders ausgegrenzt. Viele schämen sich, weil sie Kinder haben, aber kein Geld:


O-Ton:

»Das ist halt auch der Nachteil, was wir auf den Dörfern mitgemacht haben, dass die Kinder sich nachher nicht mehr getrauen, rauszugehen, weil sie halt Angst haben, dass sie wieder diskriminiert werden: Ihr Assis und ihr Pack und was weiß ich, was ich mir schon alles anhören musste. Es ist schlimm.«

Zur Tafel, zum Jobcenter, zum Arzt – auf dem Land sind alle Wege weiter und damit teurer als in der Stadt. Arbeit finden sie hier nicht. Mit Motivation oder ohne, Jobs gibt es, wenn überhaupt, in der Stadt. Doch dort seien die Mieten zu hoch und Pendeln rentiere sich einfach nicht.

O-Ton:

»Wenn ich in die Stadt fahren muss für einen Gelegenheitshob, nur für einen 400-Euro-Job, dann darf ich von 400 Euro, 160 Euro ist der Selbstbehalt, davon brauche ich aber, wenn ich in die Stadt fahre, dreimal in der Woche, brauche ich 100 Euro Fahrgeld. Dann ist, ich spreche jetzt nicht vom Zeitaufwand, aber das ist etwas, das macht niemand. Man muss einfach ehrlich bleiben. Das macht einfach niemand.«

Zurück zu Fred Grzelka nach Mallorca. Wir treffen den Rentner bei der Pool-Pflege. Manchmal stöhnt er über die viele Arbeit, die so ein großes Anwesen macht. Dabei kommen ihm aber auch Ideen, was Hartz-IV-Empfänger in Zukunft so alles tun könnten.



O-Ton:

»Zum Beispiel meinen Pool putzen. Ich bin gerne bereit jemandem diese Stange in die Hand zu drücken. Er braucht nur zwei Hände dafür und er kann es gerne tun.«


aus der Sendung vom

Mo, 28.6.2010 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Oliver Heinsch
Thomas Reutter
Gottlob Schober
Kamera:
Andreas Deinert
Thomas Reutter
Christian Saal
Thomas Schäfer
Schnitt:
Steffen Steup
Sprecher:
Oliver Heinsch
Thomas Reutter