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SENDETERMIN Mo, 10.5.2010 | 22:00 Uhr | Das Erste

Marode und störanfällig Wie gefährlich die alten deutschen Atommeiler in Wahrheit sind

Atomkraft – ja, bitte! Das ist das Motto der schwarz-gelben Regierung in Berlin. Sie will möglich machen, dass alte Atomkraftwerke wie Biblis nicht abgeschaltet werden müssen, sondern länger laufen können. Und daran will sie trotz der Wahlschlappe in Nordrhein-Westfalen festhalten.

Alte Atomkraftwerke länger am Netz? Vielleicht verspüren auch Sie bei der Vorstellung ein gewisses Unbehagen. Fragen sich, ist das nicht gefährlich? Doch Schwarz-Gelb wiegelt ab. Wenn nachgerüstet werde, seien Atomkraftwerke sicher.

Stimmt das, wollte mein Kollege Thomas Reutter wissen und ist mit einer beunruhigenden Recherche zurück gekommen.

Bericht:

Biblis A. Das älteste deutsche Atomkraftwerk und eines der Störanfälligsten. Seit 1974 in Betrieb. Eigentlich sollte es jetzt vom Netz. Doch seit gestern steht fest, der Betreiber will die Laufzeit noch um Jahre verlängern. Ist das verantwortbar?

Wir fragen nach beim Deutschen Atomforum, dem Lobbyverband der Atomindustrie.

Frage: Wie sicher sind die ältesten Atomkraftwerke in Deutschland?

O-Ton, Ralf Güldner, Präsident Deutsches Atomforum:

»Ich denke, sie haben ein Sicherheitsniveau, von der Anlagentechnik her, das durchaus vergleichbar ist mit den neueren Anlagen.«






Ist das wirklich so? Bei unseren Recherchen stoßen wir auf Dokumente, die da ein ganz anderes Bild ergeben. Diese internen Papiere aus dem Bundesumweltministerium, die uns exklusiv vorliegen, listen schon 2007 die „sicherheitstechnischen Nachteile“ der sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke auf.

Unter anderem bemängeln die Beamten, dass „Werkstoffe zum Teil nicht den modernen Herstellungsstandards entsprechen“ und „das Verhalten der Anlage bei Störfällen deutlich ungünstiger ist.“

Sicherheitsdefizite, die schwerwiegende Folgen haben können. Das jedenfalls sagt einer, der selbst Atomkraftwerke gebaut hat. Lars Olov Höglund war Chef-Konstrukteur bei Vattenfall, ein Insider der Atombranche.

O-Ton, Lars Olov Höglund, Ehem. Reaktor-Konstrukteur:

»Irgendwann kommt bei den Atomkraftwerken, genau wie bei Autos oder anderen technischen Systemen, da fangen die Teile an alt zu werden. Verschlissen, verrostet, verbraucht aus verschiedenen Gründen, und dann fängt diese Fehlerfrequenz an zu steigen.«

Das aber habe man gut im Griff, beschwichtigt die Atomindustrie. Die alten Anlagen würden instandgesetzt. Alleine in Biblis habe man dafür eine Milliarde Euro investiert.

O-Ton, Ralf Güldner, Präsident Deutsches Atomforum:
»In jedem Jahr, bei jeder Revision, werden Systeme ausgetauscht, verbessert und so kann man sagen, dass systemtechnisch auch die älteren Anlagen, die in der Bundesrepublik am Netz sind, auf einem sehr aktuellen technischen Stand sind.«

Hohe Sicherheit dank ständiger Nachrüstung? Stimmt das wirklich? Die internen Dokumente des Bundesumweltministeriums legen das Gegenteil nahe. Darin steht, dass gerade durch die Nachrüstung die „Fehleranfälligkeit gestiegen“ sei.

Wie kann das sein? Fest steht: Jeder neue Dübel, jedes neue Rohr, jede neue Schweißnaht birgt neue Risiken. Jüngstes Beispiel: Veraltete Technik wird jetzt durch Computerprogramme ersetzt. Doch eben dabei kann es zu neuen Problemen kommen, wie Wolfgang Renneberg sagt. Er war von 1998 bis 2009 Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium.

O-Ton, Wolfgang Renneberg, ehem. Leiter Reaktorsicherheit Bundesumweltministerium:

»Es ist keine Software, kein Programm hundert Prozent fehlerfrei. Das Gleiche gilt für elektronische Baugruppen. Auch die sind nicht fehlerfrei. Und es gibt auch keine hundertprozentige Methode, die alle möglichen Situationen vorweg nimmt, so dass ich diese Baugruppen und diese Elektronik und auch die Software so testen kann, dass ich absolut sicher bin, ein Fehler tritt nicht auf.



O-Ton, Lars Olov Höglund, Reaktor-Konstrukteur:
»Man baut natürlich gleichzeitig auch ein unendliches Potenzial für unentdeckte Fehler in die Anlage ein. Es ist im Prinzip unmöglich, alle Funktionen und Fehlfunktionen in so einem computergesteuerten System zu testen.«

Je älter die Anlagen sind, desto mehr Nachrüstung ist nötig. Heißt das auch mehr Fehler?

O-Ton, Ralf Güldner, Präsident Deutsches Atomforum:
»Ich würde nicht sagen, dass die Anzahl von Austausch- oder von Fehlern, die dort passieren altersabhängig sind.«

Tatsächlich nicht? Die Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl hat aus dem Bundesumweltministerium erst kürzlich ganz andere Informationen bekommen. In der bislang unveröffentlichten Statistik listet das Ministerium die Zahl der technischen Defekte alter Kraftwerke im Vergleich zu den neueren auf. Das Ergebnis ist frappierend: Alte Anlagen sind deutlich störanfälliger als neuere – trotz Nachrüstung.

O-Ton, Sylvia Kotting-Uhl, B‘90/Grüne, Atompolitische Sprecherin:

»Es kann nicht sein, dass nach einem solchen Wissen, wie wir es jetzt haben, diese Anfälligkeit alter Reaktoren, die ja noch von Jahr zu Jahr zunehmen wird, tatsächlich ernsthaft erwogen wird, die Laufzeiten gerade dieser alten Reaktoren zu verlängern. Das ist unverantwortlich.«


O-Ton, Lars Olov Höglund, Reaktor-Konstrukteur:
»Alleine die Frequenz ist natürlich beunruhigend. Also je mehr Störfälle, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Störfall sich in einen Unfall oder in einen Super-Gau entwickelt, natürlich.«

Dennoch will Bundesumweltminister Norbert Röttgen alte Atomkraftwerke länger laufen lassen, wenn die Industrie nachrüstet. Ein Interview lehnt er ab. Ebenso das ihm unterstellte Bundesamt für Strahlenschutz. Immerhin erklärt das Amt schriftlich, die neuen Zahlen seien „Anlass für vertiefende Untersuchungen“ bei einer Reihe von Atomkraftwerken.

Frage: Immer mehr Bauteile- und Komponentenfehler bei den älteren Anlagen – wie kann das sein?

O-Ton, Ralf Güldner, Präsident Deutsches Atomforum:
»Wenn Sie ein älteres Auto haben, müssen Sie auch hin und wieder was austauschen.«

O-Ton, Wolfgang Renneberg, Ehem. Leiter Reaktorsicherheit Bundesumweltministerium:
»Die Frage ist nur: Handelt es sich um ein Auto oder handelt es sich um ein Kernkraftwerk? Und wenn ich davon ausgehe, dass von diesen alten Autos möglicherweise ein gewisser Prozentsatz dann vor dem Baum landet oder in einen Unfall verwickelt wird, weil bestimmte Dinge dann doch nicht so funktionieren, dann kann ich mir das bei einem Kernkraftwerk nicht leisten.«

aus der Sendung vom

Mo, 10.5.2010 | 22:00 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Thomas Reutter
Kamera:
Andreas Deinert
Michael Nanz
Thomas Schäfer
Schnitt:
Melanie Fliessbach
Sprecher:
Thomas Reutter