Bitte warten...

SENDETERMIN Mo, 22.3.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Sexueller Missbrauch Wie glaubwürdig ist Erzbischof Zollitsch als Aufklärer?

Guten Abend zu REPORT MAINZ. Es hat etwas von einer Tragödie: Mit ansehen zu müssen, wie eine Institution, deren Fundament aus Vertrauen bestehen sollte, genau dieses Stück für Stück verspielt.

Dabei sind die Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche nur der eine Teil dieses beklemmenden Skandals. Der andere Teil: Das ist das Zögern und Zaudern, wenn es um Aufklärung und Mitgefühl für die Opfer gehen sollte. Kein Wort des Papstes in seinem Hirtenbrief zu den deutschen Missbrauchsfällen. Das beklagen viele. Und auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, er tat sich schwer, als meine Kollegen Eric Beres, Ulrich Neumann und Gottlob Schober ihn mit Recherchen konfrontierten, die in seinen früheren Verantwortungsbereich führen.

Bericht:

Deutschlands oberster katholischer Würdenträger – Erzbischof Zollitsch aus Freiburg, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Seit Wochen mit fast nur einem Thema beschäftigt – dem sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester. Für sich beansprucht er die Rolle eines vorbehaltlosen Aufklärers:

O-Ton, Robert Zollitsch, Erzbischof Freiburg, 12.03.2010:

»Wir wollen die Wahrheit aufdecken und eine ehrliche Aufklärung, frei von falscher Rücksichtsnahme. Die Opfer haben ein Recht darauf. «







Hat sich Erzbischof Zollitsch selbst immer an diese Maxime gehalten? Fast 20 Jahre, bis 2003, war er Chef der Personalabteilung der Erzdiözese Freiburg, also damit verantwortlich für den seelsorgerlichen Einsatz der Priester in den Gemeinden.

Auf diesem Friedhof begraben – Pfarrer Franz B. Er hat sich am 4. August 1995 erhängt. Warum? Ihm war die Staatsanwaltschaft auf den Fersen. Der Vorwurf: schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, vor allem Messdienern. Nach Recherchen von REPORT MAINZ gibt es mindestens 17 Opfer.

Eines von ihnen ist Raphael Hildebrandt. Er, nicht die Kirche, hat den Pfarrer 1995 angezeigt. Sein Martyrium mit Pfarrer Franz B. begann, sagt er, mit elf und dauerte sechs lange Jahre.

O-Ton, Raphael Hildebrandt, Opfer:

»Die erste Situation, wo es einem dann so richtig, ja wo es einen den Boden unter den Füßen wegzieht, das war also, als er angefangen hat, rumzufummeln. Man sollte sich dann mal freimachen. Und das aller erste war dann, die Größe zu messen – von seinem Genitalglied.«



Hier im baden-württembergischen Oberharmersbach haben sich die mutmaßlichen Verbrechen ereignet. Hier war Franz B. Seelsorger von 1968 bis 1991 in der Pfarrei St. Gallus. Nach uns vorliegenden Informationen besteht der Verdacht: Der Missbrauch im Pfarrhaus dauerte über 20 Jahre. Und für die Opfer wurden die Übergriffe immer schlimmer.

O-Ton, Raphael Hildebrandt, Opfer:
»Wenn man dann längere Zeit dabei war, dann musste man natürlich auch, wie gesagt, probieren von hinten und so, wie es unter Männern ja eigentlich normal ist. Und das war dann schon ziemlich krass.«

Ein weiteres Opfer von Pfarrer Franz B. Der Mann will anonym bleiben, weil er berufliche Nachteile befürchtet. Seine Angaben hat er eidesstattlich versichert.

O-Ton, Opfer (nachgesprochen):

»Und er hat auch uns dazu benutzt, andere Kinder wieder zu ihm zu zitieren, praktisch andere anzuwerben.«







Frage: Was heißt das?

O-Ton, Opfer (nachgesprochen):
»Ja, dass wir andere aus der Schule oder aus der Klasse mitgebracht haben, bei denen er das dann auch versucht hat anzufangen.«

Frage: Warum konnte Pfarrer B. dieses Geheimnis so lange geheim halten?

O-Ton, Opfer (nachgesprochen):
»Weil er, ich sag mal, psychologisch so bewandert war und uns ja in gewissem Maße unter Druck gesetzt hat, nix zu erzählen. Und hat mit Konsequenzen gedroht, dass wenn wir was erzählen, dass er sich umbringen würde.«

Frage: Hat das gewirkt?

O-Ton, Opfer (nachgesprochen):
»Ja, natürlich.«

1991 – Pfarrer Franz B. muss die Gemeinde auf Weisung des Erzbistums urplötzlich verlassen. Warum erfährt niemand. Ein Zeuge erinnert sich:

O-Ton, Karl-August Lehmann, Oberharmersbach:

»Pfarrer B., so habe ich es mitbekommen, war innerhalb von drei Tagen aus der Gemeinde wegversetzt, mit Umzug, allem drum und dran. Und es ging sogar so schnell, dass nicht einmal sofort eine Verabschiedung stattfinden konnte. Drei Wochen später kam dann Pfarrer B. noch mal in die Gemeinde zurück und hat in diesem Zusammenhang auch die Ehrenbürgerwürde der Gemeinde Oberharmersbach erhalten.«

Der Lehrer Karl-August Lehmann kennt viele Opfer, bemüht sich seit fast 20 Jahren um Aufklärung. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen das Erzbistum Freiburg

O-Ton, Karl-August Lehmann, Oberharmersbach:
»Ich vermute, dass man einfach die Sache totschweigen oder vertuschen wollte.«

Fest steht: Der heutige Erzbischof Robert Zollitsch war 1991 persönlich mit dem Fall Pfarrer Franz B. befasst. Deshalb wollen wir ihn interviewen. Das wird abgelehnt – aus Zeitgründen. Doch kurz nach Bekanntwerden der Recherchen von REPORT MAINZ vor drei Tagen gibt er eine Erklärung ab. Den Vorwurf der Vertuschung weißt er zurück:

O-Ton, Robert Zollitsch, Erzbischof Freiburg:
»Ich nehme für die Bistumsleitung und mich in Anspruch, immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben.«

Tatsächlich? 1991, so behauptet das Erzbistum heute, habe man zwar vom Missbrauch erfahren. Es gab aber angeblich nur vage Hinweise und Gerüchte. Nach Aussagen eines Opfers haben sich jedoch drei von ihnen umfänglich einem Seelsorger der Nachbargemeinde offenbart.

Frage: Was ist dann passiert?

O-Ton, Opfer (nachgesprochen):
»Überhaupt nichts. Es ist überhaupt gar nichts mehr passiert. Wir wurden nicht mehr darauf angesprochen. Es ist alles im Sande verlaufen und daraufhin haben wir aufgegeben.«

Keine Staatsanwaltschaft wird eingeschaltet, die Gemeinde nicht informiert. Pfarrer Franz B. wird in den Ruhestand versetzt, kommt in ein Altenheim. Angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Merkwürdig nur: Kontakt mit Messdienern ist ihm jetzt allerdings strikt untersagt. Doch daran hält er sich nicht, die kommen weiter zu ihm, wird uns berichtet.

O-Ton, Raphael Hildebrandt, Opfer:
»Na gut, die sind zum Teil, wie ich jetzt mitbekommen habe, von den Eltern auch hingefahren worden.«

Frage: Das verstehe ich nicht.

O-Ton, Raphael Hildebrandt, Opfer:
»Ja, gut, das ist ja ganz klar: Die Eltern haben nie etwas mitbekommen. Die Eltern waren im guten Glauben, sie tun was Gutes, wenn man den Sohn da hinschickt.«

O-Ton, Opfer (nachgesprochen):
»Der hatte die Kinder so im Griff. Die konnten gar nicht anders. Die haben ihn praktisch noch geliebt.«

Frage: Sind Sie danach auch noch einmal zu ihm gegangen?

O-Ton, Opfer (nachgesprochen):
»Nein.«

Frage: Kennen Sie Leute, die noch zu ihm gegangen sind, danach, nachdem er schon versetzt war?

O-Ton, Opfer (nachgesprochen):
»Ja.«

Frage: Wie viele?

O-Ton, Opfer (nachgesprochen):
»Zwei.«

Vier lange Jahre geht der Missbrauch mutmaßlich weiter. Hätte das das Erzbistum nicht verhindern können, zum Beispiel mit einem frühzeitigen Gang zur Staatsanwaltschaft?

Interview mit dem zweithöchsten Mann der Erzdiözese Freiburg heute morgen – Generalvikar Dr. Fridolin Keck. Ein Interview unter strengen Auflagen, zum Beispiel dürfen nur vorher schriftlich eingereichte Fragen gestellt werden.

Frage: Hat das Erzbistum sein Verbot, dass sich Pfarrer Franz B. von Kindern und Jugendlichen fern hält kontrolliert, als er 1991 in den Ruhestand versetzt wurde?

O-Ton, Dr. Fridolin Keck, Generalvikar Erzbistum Freiburg:

»Das hat... zunächst einmal ist klar: Er war im Ruhestand und hatte keinen pastoralen Auftrag. Und deswegen hatte er auch keine Möglichkeit mehr gehabt, in einem pastoralen Auftrag mit Kindern in Kontakt zu kommen. Es gab in dem Altenheim, wo er wohnte, immer wieder Besuche aus seiner alten Pfarrei. Davon hat das Ordinariat damals erfahren und hat dann ausdrücklich auch diese Besuche untersagt.«

O-Ton, Karl-August Lehmann, Oberharmersbach:
»Die Kirche hat sicher einen hohen moralischen Anspruch zu verteidigen, aber in diesem Punkt hat sie jämmerlich versagt, weil sie nicht nur nichts dazu beigetragen hat, die Vorwürfe aufzuklären, sondern weil man auch die Opfer einfach hängen ließ.«

1995: Erst jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den ehemaligen Oberharmersbacher Pfarrer. Ein Opfer hat ihn angezeigt. Auch das Erzbistum erwägt nun endlich, die Strafverfolger einzuschalten. Daraufhin begeht der Pfarrer Franz B. Selbstmord.

Erst jetzt reagiert die Kirche, informiert die Gemeinde und bezahlt für einzelne Opfer Kosten für Therapien.

Von Vertuschung will er immer noch nichts wissen, aber dann folgt doch noch – ein halbes Eingeständnis:

O-Ton, Robert Zollitsch, Erzbischof Freiburg:
»Nach heutiger Erkenntnis und mit Blick auf meine Verantwortung als Erzbischof würde ich angesichts der Leitlinien, die die Deutsche Bischofskonferenz im Jahr 2002 verabschiedet hat, konsequenter und mit größerem Nachdruck nach Zeugen und Opfern suchen und auch nach ihnen suchen lassen.«

Erzbischof Zollitsch – heute in der Rolle des Aufklärers. Glauben die Opfer ihm?

O-Ton, Opfer (nachgesprochen):
»Herr Zollitsch, der damalige Personalreferent, hat aus meiner Sicht überhaupt nichts gemacht. Der hat nur versucht, die Sache unter den Tisch zu kehren.«

O-Ton, Raphael Hildebrandt, Opfer:
»Ich habe es am eigenen Leibe erfahren, wie man von der Kirche hängen gelassen wird. Man wird fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.«

Abmoderation Fritz Frey:

Eine offene Gesellschaft braucht eine Kirche, die auch eine moralische Wächterfunktion wahrnimmt. Die aber eben ist nicht gottgegeben, sondern muss durch ein Höchstmaß an Integrität erst erworben werden. Absurde Medienschelte, wie sie der Regensburger Bischof Müller betreibt, wenn er von einer Kampagne gegen die Kirche spricht, das hilft da sicher nicht weiter.

aus der Sendung vom

Mo, 22.3.2010 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Eric Beres
Ulrich Neumann
Gottlob Schober
Kamera:
Enrico Mock
Thomas Schäfer
Schnitt:
Zsuzsa Döme
Sprecher:
Gottlob Schober