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Exklusiv-Interview Herta Müller: „Ich galt als Parasit“

Die Literaturnobelpreisträgerin im Gespräch mit REPORT MAINZ

Die Erlebnisse unter der sozialistischen Schreckensherrschaft lassen sie nicht mehr los. Im Interview mit REPORT MAINZ schildert Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller eindringlich den Terror, dem sie durch den rumänischen Geheimdienst Securitate ausgesetzt war. „Ich war es gewöhnt, in Angst zu leben“, betont die Schriftstellerin. Schikanen und Demütigungen seien an der Tagesordnung gewesen. Die Literaturnobelpreisträgerin berichtet auch von Todesdrohungen. Immer wieder sei sie auf offener Straße aufgegriffen und zu Verhören gezwungen worden.

„Zu spät für Entschuldigungen“

Die Securitate habe dafür gesorgt, dass sie ihre Arbeitsstelle als Übersetzerin in einer Fabrik verlor. Als Arbeitslose habe sie in der sozialistischen Diktatur als „Parasit“ gegolten, denn es habe eine Pflicht zur Arbeit gegeben. Ihre Wohnung sei vom Geheimdienst verwanzt gewesen, in ihrer Akte habe sie jetzt viele Abhörprotokolle gefunden. Damals habe es keinen Raum für Privates mehr gegeben. „Die Wände und die Türen waren nur noch symbolisch“, so Müller.

Herta Müller betont, sie warte nicht auf Schuldbekenntnisse früherer Spitzel: „Mir geht es nicht um Entschuldigungen. Diese Leute hatten 20 Jahre Zeit gehabt, die hätten von sich aus 20 Jahre kommen können.“ Wenn sich frühere Securitate-Spitzel wie der Lyriker Werner Söllner nun entschuldigten, geschehe dies unter Druck, weil die früheren Opfer des Geheimdienstes ihre Securitate-Akten seit kurzer Zeit einsehen könnten. Entschuldigungen wie diese seien nur eine „Finte“, weil sie nicht freiwillig zustande gekommen seien.

Massive Kritik an deutscher Justiz

Die Literaturnobelpreisträgerin fordert nun im Interview mit REPORT MAINZ, dass gegen in Deutschland lebende Spitzel des früheren rumänischen Geheimdienstes Securitate ermittelt wird. Es gebe nicht nur ein Defizit bei der Strafverfolgung, es sei bisher gar nichts geschehen. „Deutschland ist ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel“, kritisiert die Schriftstellerin, die während ihrer Zeit in Rumänien vom Geheimdienst verfolgt wurde.

Herta Müller setzt sich für eine Aufarbeitung der Securitate-Vergangenheit von den in Deutschland lebenden Spitzeln nach dem Vorbild des Umgangs mit den Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Die Securitate sei auch ein deutsches Problem: „Sowohl Opfer wie auch Täter sind jetzt hier und deutsche Staatsbürger.“ Nach Schätzungen von Wissenschaftlern leben zwischen 500 und 2.000 frühere Spitzel des rumänischen Geheimdienstes in Deutschland.

„Die Rituale und die Ästhetik haben mich berührt“

Die Verleihung des Literaturnobelpreises sei sehr bewegend gewesen, erzählt Herta Müller im Gespräch mit REPORT MAINZ. Es sei außergewöhnlich, dass ein Land eine ganze Woche lang die Literatur und die Wissenschaften feiere. „Auch die ganzen Rituale und die Ästhetik dieser Feste – das hat mich berührt“, sagt Müller. Jetzt hofft sie auf eine Rückkehr zur Normalität: Der Literaturnobelpreis sei eine Belohnung für ihre Literatur und keine Statusbeschreibung für einen Menschen: „Es ist jetzt vorbei und es ist alles gefeiert worden“, erklärt Müller. „Ich hoffe, dass alles wieder so normal wird wie es vorher war.“