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SENDETERMIN Mo, 1.2.2010 | 22:00 Uhr | Das Erste

Neue Vorwürfe gegen Wiesenhof Auch andere Pächter berichten von Tierquälerei

Wiesenhof – Deutschlands größter Geflügelproduzent und der Tierschutz. Dieses Thema aus unserer letzten Sendung hat richtig für Schlagzeilen gesorgt.

Viele von Ihnen waren stocksauer auf die Verantwortlichen – etliche haben uns aufgefordert, dran zu bleiben am Thema. Und deshalb jetzt, mit Monika Anthes und Edgar Verheyen, REPORT nachgefragt.

Bericht:

REPORT MAINZ deckt auf: Massive Tierschutzverletzungen in einer Wiesenhoffarm im niedersächsischen Twistringen. Mitarbeiter des Konzerns misshandeln Tiere. Brechen Hühnern das Genick ohne Betäubung. Verladen sie brutal für den Abtransport zum Schlachthof.

Aufgedeckt haben das die ehemaligen Pächter Kerstin Wessels und Steffen Pohl. Zehn Monate haben sie in dieser Farm gearbeitet, und dabei Mitarbeiter des Wiesenhofkonzerns heimlich gefilmt.

Vor drei Wochen. Wir treffen die Konzernspitze und den firmeneigenen Tierschutzbeauftragten. Konfrontieren das Unternehmen mit den Vorwürfen. Daraufhin erklärt Wiesenhof in einer Stellungnahme:

„Die Verstöße gegen Tierschutznormen sind absolut inakzeptabel“ und kündigt „personelle Konsequenzen“ an. Das Unternehmen werde verstärkt „Kontrollen durch den Tierschutzbeauftragen“ veranlassen.

Wiesenhof will von den Vorkommnissen nichts gewusst haben, die Verantwortung liege bei den ehemaligen Pächtern. Sie hätten die Tierschutzverletzungen zugelassen, weder Behörden noch Unternehmen informiert.

Nach unserem Bericht beschweren sich unzählige Kunden. Wiesenhof reagiert mit einem Standardschreiben. Darin heißt es: „Wir schämen uns und sind schockiert“. Die Vorkommnisse seien jedoch ein „Einzelfall“.

War alles also nur ein Einzelfall?

Vor gut einer Woche meldet sich ein weiteres ehemaliges Pächterehepaar bei Stefan Bröckling von der Tierrechtsorganisation Peta. Aus Angst wollen sie nicht erkannt werden. Acht Jahre lang hat das Paar eine Wiesenhof Elterntierfarm betrieben. Sie erheben ebenfalls schwere Vorwürfe:

O-Ton:
»Das ist kein Einzelfall gewesen in Twistringen. Sie sind dort genauso mit den Tieren umgegangen, wie bei uns auf der Farm. Man hat es oft genug miterlebt: Die Tiere wurden stellenweise geschlagen, sie wurden wahllos in die Kisten gestopft. Wiesenhof weiß 200prozentig Bescheid, wie es dort auf den Farmen bei der Verladung der Tiere abgeht.«

Das ist die Elterntierfarm. Sie liegt in Niedersachsen, nur wenige Kilometer entfernt von der Wiesenhoffarm in Twistringen. Rund 50. 000 Hühner legen hier Eier für die Hähnchenproduktion von Wiesenhof.

Rückblick: Bilder aus der Farm in Twistringen, über die wir berichtet hatten. Töten ohne Betäubung. Ein klarer Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.

Laut Wiesenhof ein bedauerlicher Einzelfall. Der firmeneigene Tierschutzbeauftragte Dr. Ulrich Löhren betont im Gespräch gegenüber REPORT MAINZ: Jeder Mitarbeiter werde darin geschult Tiere vor dem Töten zu betäuben.

Beide Pächterehepaare haben das anders erlebt, erzählen sie uns:

O-Ton:
»Uns wurde beigebracht, den Tieren das Genick zu brechen, ohne Betäubung, ohne einen Stock in der Hand zu halten. Genau so hat das der Impftrupp gemacht und genau so hat ein Dr. Löhren die Tiere getötet.«

Schwere Vorwürfe, ausgerechnet gegen den Mann, der für die Einhaltung von Tierschutzbestimmungen sorgen soll.

Ein Interview zu diesen neuen Vorwürfen lehnt das Unternehmen wieder ab. Sowohl Wiesenhof als auch Herr Dr. Löhren bestreiten dies vehement, bezeichnen sich als Opfer einer Verleumdungskampagne und erklären schriftlich:

Zitat:

»Die Ihnen (...) vorliegende Erklärung eines Farmleiters müssen wir inhaltlich als unwahr bezeichnen. Sie stehen auch in Widerspruch zu sämtlichen Protokollen und Dokumenten auch amtlicher Art (...) die wir im Rahmen der Kontrollen unserer Farmen erhalten.«

Das Unternehmen beruft sich unter anderem auf Bestätigungen verschiedener Kreisveterinärämter. Laut Wiesenhof bescheinigten sie dem Konzern, dass 2008 und 2009 keine Verstöße gegen Tierschutzbestimmungen festgestellt werden konnten.

Doch was bedeutet das? Die Leiterin eines zuständigen Veterinäramtes erklärt uns, was diese Bescheinigungen aussagen und wie Kontrollen funktionieren.


O-Ton, Anja Eisenack, Amtsveterinärin Landkreis Diepholz:

»Sie haben immer nur eine Momentaufnahme. Das heißt, man kommt rein, man sieht etwas und das kann man abbilden. Und über die Abläufe, die dort passieren, wenn wir nicht dabei sind, kann und will ich keine Aussage machen. Das kann niemand. Und das können Sie auch mit noch so vielen Kontrollen nicht in den Griff kriegen.«

Zurück zu Kerstin Wessels und Steffen Pohl. Sie hatten die Tierschutzverletzungen aufgedeckt. Wiesenhof hat jetzt Strafanzeige gegen Sie erstattet. Doch Sie bleiben bei Ihren Aussagen.