Bitte warten...

SENDETERMIN Mo, 1.2.2010 | 22:00 Uhr | Das Erste

Klamme Krankenkassen - reiche Apotheker Wieso Apotheken von Einsparungen verschont werden

Guten Abend zum Kontrastprogramm, guten Abend zu REPORT MAINZ. Niemand wird es bestreiten: Die sichere Versorgung mit Arzneimitteln ist ein wichtiges Thema. So wichtig, dass es sogar hier im Koalitionsvertrag behandelt wird. Doch wo die Grenze liegt zwischen einer sicheren Versorgung und einem unnütz-teuren Überangebot, das steht hier leider nicht.

Wir wollten es aber trotzdem wissen, vor allem nachdem wir in Hannover eine Straße entdeckt haben, in der es sage und schreibe 15 Apotheken gibt. Tja, und wen fragt man da zuerst? Natürlich Apotheker.

Im schönen Garmisch-Partenkirchen haben Eric Beres und Gottlob Schober einige von ihnen getroffen.

Bericht:

So sieht echter Wettbewerb aus. Die deutschen Apotheker messen sich im Skilaufen. Hier in Garmisch-Partenkirchen können sie in eine ganz andere Welt abtauchen. Denn Wettbewerb, der ist in ihrem Arbeitsalltag eher weniger ausgeprägt. Nicht weit entfernt im Sponsorenzelt: Die Apotheker können nicht klagen.

Frage: Wie geht’s Ihrer Apotheke? Kommen Sie finanziell über die Runden?

O-Ton, Apotheker:
»Ja, ich müsste lügen, wenn das nicht so wäre. Ich habe eine etwas größere Apotheke und ich komme also ganz gut über die Runden, ja.«

O-Ton, Apotheker:
»Ich bin ein altmodischer Apotheker, der die Arbeit direkt am Patienten liebt. Und mein Auskommen reicht mir.«

Ein Beruf also, der sich lohnt. Und deshalb schießen Apotheken an manchen Orten wie Pilze aus dem Boden. Besonders viele finden wir entlang der Hildesheimer Straße in Hannover. Nachfrage:

O-Ton, Enno Freerksen, Apotheker:

»Das geht vorne, am Aegi, also Richtung Stadtmitte los mit der Hölty-Apotheke. Dann kommt die Stern-Apotheke, Gertrauden-Apotheke, Geibel-Apotheke, dann komme ich, dann kommt weiter in Döhren die Fiedler-Apotheke, die Bernward-Apotheke, und hinten dann schon Richtung Wölfel die Kreuz-Apotheke. Und dann weiß ich es leider auch nicht mehr so ganz genau.«

Insgesamt sind es 15. Die Konkurrenz ist groß – könnte man meinen. Doch irgendwie scheint es den Apotheken nichts auszumachen.

Wir fragen Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom an der Universität Bremen. Er beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem
Apothekenmarkt.

O-Ton, Prof. Gerd Glaeske, Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen:

»Wenn man es sehr pauschal ausdrückt und eine gerade Zahl haben will, dann könnte man tatsächlich sagen, jede dritte Apotheke könnte man zumindest zur Disposition stellen.«





Jede dritte Apotheke überflüssig? Warum aber gibt es sie dann trotzdem? In Hannover weiß Apotheker Enno Freerksen, wie das Geschäft mit den verschreibungspflichtigen Medikamenten läuft. Fast alles ist gesetzlich geregelt.

Beispiel Simvastatin, ein Cholesterinsenker. Das Medikament, sagt der Apotheker, verkauft er für 12,40 Euro. Unter dem Strich bleiben ihm davon 5,87 Euro, also fast die Hälfte.

Bei teureren Medikamenten verdienen Apotheker im Verhältnis zwar deutlich weniger. 5,80 Euro aber gibt es immer – für jede einzelne Packung.

O-Ton, Prof. Gerd Glaeske, Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen:
»Wenn man das insgesamt betrachtet und fragt, bei welcher Pauschale hätten die Apotheken nach wie vor ein gutes Auskommen, dann haben wir auch in einem Gutachten festgestellt, dass 4,80 Euro ausreichen würden, das wäre immerhin ein Euro weniger als derzeit. Und wenn man es einmal hochrechnet und gleichzeitig hochrechnet, dass damit auch die Einkaufspauschale, die die Apotheker auch noch bekommen, getroffen wird, dann sind wir schnell bei einer Milliarde Einsparpotential.«

Eine Milliarde Euro weniger! Bei Gesamtkosten von mehr als vier Milliarden für die Apotheken könnten die gesetzlichen Kassen also ein Viertel der Kosten einsparen.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat exakt dasselbe Einsparpotential errechnet.

Frage: Was heißt das?

O-Ton, Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitspolitiker:

»Ja, dass die Zusatzbeiträge, die wir jetzt sehen, durch konsequentes Sparen allein im Apothekenbereich schon abwendbar gewesen wären, und das ist natürlich von Schwarz-Gelb zu verlangen.«





Die Apotheker könnten also womöglich helfen, erst einmal Zusatzbeiträge zu verhindern. Doch davon wollen sie nichts wissen.
Schließlich habe Beratung in der Apotheke ihren Wert und sei zum Wohl des Patienten. Anders als beim Versandhandel.

O-Ton:
»Versandhandel ist für mich einfach unverantwortliches Umgehen mit dem Patienten.«

Medikamente sicher an den Patienten bringen. Das, sagen Apotheker, können nur wenige. Eigentlich nur sie selbst.

Längst aber gibt es den Versandhandel. Ein besonderes Ärgernis für die Apotheker: so genannte Pick-Up-Stellen in Drogeriemärkten. Patienten können hier günstig Medikamente bestellen und abholen. Das setzt die Apotheken unter Druck.

O-Ton, Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitspolitiker:
»Der Wettbewerb über Pick-Up-Stellen, über den Versandhandel auch über Drogeriemärkte ist etwas, was dem Konsumenten helfen würde. Die Preise würden sinken. Es gibt keine relevanten Sicherheitsprobleme. Und es wäre auch für viele Bürger schlicht bequemer.«

Aussagen, die die Apotheker richtig ärgern. Schon 2008 forderten sie in einem Papier der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, kurz ABDA: „...die Auswüchse des Versandhandels mit Arzneimitteln (zu) bekämpfen.“

Und mit dem Koalitionsvertrag von Union und FDP geschieht das Wunder: Hier findet sich die Lobby-Forderung nahezu wortgleich wieder.

Nachfrage bei der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

O-Ton, Martin Schulz, Geschäftsführer Arzneimittel, Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände:

»Also, ich sage mal, wer jetzt von wem abgeschrieben hat, möchte ich gar nicht hier diskutieren. Die Frage ist, wie kann man Auswüchse des Versandhandels eindämmen. Das war und ist übereinstimmende Auffassung zwischen der Bundesregierung und der Apothekerschaft und weiteren Beteiligten.«

O-Ton, Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitspolitiker:
»Der Bürger spielt überhaupt keine Rolle, auch wenn es teurer kommt, also es wird so gemacht, wie der Lobbyist es will.«

FDP-Gesundheitsminister Phillipp Rösler will sich dazu nicht äußern. Wir wundern uns: Eigentlich singt die FDP doch gern das hohe Lied vom Wettbewerb.

Doch bei den Apotheken soll alles so bleiben wie es ist. So ist es auch beim so genannten Mehr- und Fremdbesitzverbot. Das schützt die Apotheker vor Konkurrenz durch Apotheken-Ketten und größere Unternehmen.

Im Koalitionsvertrag von Schwarz-Gelb steht, wen wundert’ s: „Eine Änderung des bestehenden Mehr- und Fremdbesitzverbots lehnen wir ab.“

O-Ton, Prof. Gerd Glaeske, Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen:
»Die jetzige Politik schützt die Apotheker noch einmal besonders. Es wird der Standort und die Situation der Apotheken weiter auch gestärkt und gefördert. Insofern laufen, glaube ich, die meisten Apotheker heute mit einem gewissen strahlenden Lächeln durch die Gegend, weil politisch sie das Ganze für sich entschieden haben.«

Feste Preise, kaum Wettbewerb – alles bleibt, wie es ist. Die Apotheker können sich also ganz entspannt zurücklehnen.

Abmoderation Fritz Frey:

Apotheker also ganz entspannt. Zu diesem Thema im Internet unter www.reportmainz.de übrigens weitere Rechercheergebnisse.

aus der Sendung vom

Mo, 1.2.2010 | 22:00 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Eric Beres, Sebastian Bösel, Oliver Heinsch, Achim Reinhardt, Gottlob Schober
Kamera:
Andreas Deinert, Kolja Niber, Mathias Sauter, Peter Wald
Schnitt:
Christian Schreiber
Sprecher:
Eric Beres