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SENDETERMIN Mo, 26.10.2009 | 21:45 Uhr | Das Erste

Termine gegen Geld Fachärzte halten sich unliebsame Kassenpatienten vom Hals

Guten Abend zu REPORT MAINZ. Im deutschen Gesundheitssystem tobt ein harter Kampf, ein Kampf um viel Geld. Und allzu oft wird als Kampfplatz der Rücken des Patienten gewählt.

In unserem Fall der Rücken von uns, Kassenpatienten. Wie anders ist es zu verstehen, wenn Ärzte mit Kassenzulassung ihre Sprechzeiten für Kassenpatienten mal eben auf 20 Stunden die Woche runterfahren und so mehr Zeit für die Privatversicherten haben.

Eine Folge für Kassenpatienten, so haben Monika Anthes und Eric Beres herausgefunden, Wartezeiten, die einem Angst machen können.


Bericht:

Fast zwei Monate. So lange hat diese Patientin warten müssen, bis ihr Hautarzt sie behandelt. Denn Dr. Ralph von Kiedrowski hat seit September seine Sprechzeiten für Kassenpatienten massiv gekürzt: nur noch rund 20 Stunden die Woche. Für mehr reiche die Bezahlung einfach nicht aus

O-Ton, Dr. Ralph von Kiedrowski, Hautarzt:

»Ich kann nicht nur mit Kassenpatienten 40 Stunden die Woche arbeiten, weil ich dann automatisch als Basisversorger wirklich in die Insolvenz gehen würde.«




Die Behandlung von Kassenpatienten allein reicht ihm also nicht. Um mehr Geld zu verdienen, setzt Dr. von Kiedrowski deshalb auf die Privatsprechstunde.

Und hier sind jetzt auch Kassenpatienten sehr willkommen – vor allem dann, wenn sie die Behandlung aus der eigenen Tasche bezahlen.

So wie Sascha Baumann. Er hatte einen Hautausschlag mit Juckreiz. Bei Dr. von Kiedrowski sollte er fünf Wochen auf einen Termin warten. Um früher dran zu kommen, geht er schließlich in die Privatsprechstunde, zahlt also selbst, obwohl er Kassenpatient ist.


O-Ton, Sascha Baumann, Kassenpatient:

»Besonders gut finde ich das nicht, weil ich bezahle ja jeden Monat meine Beiträge, und das ist ja nicht Sinn und Zweck der Sache, dass ich dann noch mal zusätzlich bezahlen muss.«



Für die Behandlung, erzählt er uns, verlangt der Arzt 21 Euro. Geld, das die Kasse Sascha Baumann nicht erstattet.


O-Ton, Dr. Ralph von Kiedrowski, Hautarzt:
»Dann sind halt 21 Euro weg. Und wenn sie am Wochenende essen gehen, sind 50 Euro weg.«


Behandlungen selber bezahlen, längere Wartezeiten, wegen drastisch gekürzter Sprechstunden. Für Dr. von Kiedrowski ist das völlig in Ordnung. Er beruft sich auf den so genanten Bundesmantelvertrag für Ärzte. Danach hat der Kassenarzt seinen Auftrag erfüllt, wenn er „mindestens 20 Stunden wöchentlich in Form von Sprechstunden“ zur Verfügung steht.

Beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen ist man verwundert, wie diese Regelung jetzt genutzt wird.


O-Ton, Ann Marini, GKV-Spitzenverband:

»Diese 20 Stunden sind vorgesehen worden, um dem Arzt zu ermöglichen, außerhalb des Kassensitzes eine weitere Praxis zu eröffnen. Wenn Kassenärzte ganz gezielt die Sprechstunden für gesetzlich Versicherte herunterfahren, um die frei geschaufelte Zeit für die Privatpatienten oder für private Sprechstunden zur Verfügung zu haben, ist das nicht akzeptabel.«


Und die zuständige Kassenärztliche Vereinigung? Sie kontrolliert schließlich die niedergelassenen Ärzte. Ist man hier mit der Kürzung von Sprechzeiten für Kassenpatienten einverstanden?


O-Ton, Dr. Günter Gerhardt, Vorsitzender Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz:

»Wenn ein Arzt 20 Wochenstunden für seine Vertragsarztpraxis anbietet, dann befindet er sich im rechtlichen Rahmen. Darüber hinaus kann er Privatsprechstunden anbieten. Er darf allerdings nicht außerhalb dieser 20 Stunden jetzt einen Kassenpatienten in die Privatsprechstunde drängen.«


Doch wie lässt sich das verhindern? Bei immer kürzeren Sprechzeiten für Kassenpatienten – immer mehr Privatsprechstunden für Selbstzahler.


O-Ton, Dr. Ralph von Kiedrowski, Hautarzt:
»Es ist ganz wichtig, dass wir überhaupt keinen Patienten bewusst in diese Sprechstunde drängen. Das ist illegal, das machen wir nicht. Das wäre auch nicht im Sinne meines Vertragsarztvertrages.«

Merkwürdig, an der Anmeldung hört sich das etwas anders an: Hier spricht man offen darüber, ob Kassenpatienten das Selberzahlen aktiv angeboten wird.


O-Ton:
»Ja, so direkt anbieten nicht. Also aber wir sagen halt, wir haben die Privatsprechstunde.«


Frage: Was bedeutet das dann?


O-Ton:
»Dass sie halt kommen können und selbst das zahlen können, die Behandlung. Und dann kommen sie halt schneller dran.«


So läuft das also. Selber zahlen oder warten.


O-Ton, Sascha Baumann, Kassenpatient:
»Ich kann keine fünf Wochen warten, wenn ich akut irgend etwas habe. Das ist, sagen wir, mal das Problem. Und wie soll das weitergehen? Sollen wir demnächst ein halbes Jahr warten, wenn wir irgendwas haben?«


Viele Patienten fühlen sich durch die längeren Wartezeiten unter Druck gesetzt. Eine ganz besondere Erfahrung hat Karola Walter aus Berlin gemacht. Die Hobbyfotografin leidet unter einem Taubheitsgefühl in den Fingern. Ihr Hausarzt schickt sie zum Neurologen. Dort fragt sie nach einem Termin.


O-Ton, Karola Walter, Kassenpatientin:

»Ich wurde im Prinzip wirklich vor die Wahl gestellt: Entweder Sie bezahlen jetzt, Sie bezahlen und dann haben Sie früher einen Termin. Oder wenn Sie nicht bezahlen können, dann müssen Sie eben bis Januar warten.«


Frage: Wie haben Sie sich dabei gefühlt?


O-Ton, Karola Walter, Kassenpatientin:
»Nicht gut. Ich war stinkesauer.«


Drei Monate warten: Drängt ihr Neurologe so die Kassenpatienten systematisch in seine Privatsprechstunde? Wir prüfen das nach, rufen mehrfach in der Berliner Praxis an. Immer wieder die klare Aussage:


O-Ton:
»Im Januar.«


Termin erst im Januar. Also entweder drei Monate warten oder die Untersuchung aus der eigenen Tasche bezahlen.

Gerne hätten wir mit dem Arzt gesprochen, doch ein Interview bekommen wir nicht. Übrigens: Auch dieser Arzt hat für seine Kassenpatienten pro Woche offiziell nur 23 Stunden Zeit.

Sprechzeitenverkürzung auf Kosten der Kassenpatienten – eine gezielte Strategie der Ärzte?

Wir sind in Seeheim-Jugenheim. Sondertreffen des Deutschen Facharztverbandes. REPORT MAINZ liegt ein internes Papier des Verbandes vor.

Darin finden wir unter der Rubrik „Dienst nach Vorschrift“ den Hinweis, dass die Sprechzeiten für Kassenpatienten auf „mindestens 20 Stunden“ pro Woche reduziert werden können.


O-Ton, Dr. Thomas Scharmann, Bundesvorsitzender Deutscher Facharztverband:

»In großen Teilen Deutschlands, erwarten wir schon, werden wir dieses Modell wahrscheinlich sehen. Davon müssen wir ausgehen.«


Frage: Weniger Stunden für Kassenpatienten?


O-Ton, Dr. Thomas Scharmann, Bundesvorsitzender Deutscher Facharztverband:
»Ja. Davon gehen wir aus.«


Frage: Mehr Selbstzahlen auch von GKV-Versicherten?


O-Ton, Dr. Thomas Scharmann, Bundesvorsitzender Deutscher Facharztverband:
»Ja, es wird sicherlich die Anforderung an die Patienten kommen, dass sie eben dann doch Teile ihrer Behandlung selber bezahlen müssen.«


Termine gegen Bares. Nur wer Geld hat, wird schnell behandelt.
Schlechte Zeiten für Kassenpatienten wie Karola Walter.


O-Ton, Karola Walter, Kassenpatientin:
»Am Ende steht man da, weiß nicht, was ist jetzt wichtiger, meine Gesundheit, dafür zu bezahlen oder andere Rechnungen zu bezahlen. Und man fragt sich: Wo führt es hin, was kommt da?«


Abmoderation Fritz Frey:

Ja, was kommt da? Auf jeden Fall viel Arbeit auch für ihn, den neuen Gesundheitsminister Philipp Rösler. Als promovierter Mediziner ist er ja zumindest vom Fach.

Zu diesem Thema exklusiv unter www.reportmainz.de ein Gespräch mit unseren Autoren. Zum Beispiel zur Frage, was man als Patient tun sollte, wenn der Arzt Leistung gegen Bares anbietet.

aus der Sendung vom

Mo, 26.10.2009 | 21:45 Uhr

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