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SENDETERMIN Mo, 26.5.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Skrupellose Geschäfte Wie Heuschrecken in Deutschland Hausbesitzer abzocken

Das ist der Alptraum vieler Hausbesitzer. Es klemmt bei der Tilgung des Darlehens, die Bank verhökert die Kredite an einen Finanzinvestor, und der fackelt nicht lange. Zwangsversteigerung.

Erstmals hat ein Insider aus der Branche ausgepackt. Eine Branche, die aus Menschen in Not noch Profit schlägt, wie Daniel Hechler berichtet.


Bericht:

Im Ruhestand sollte es ihnen einmal an nichts fehlen. Wolfgang Schiefen hat früher als Geschäftsführer gut verdient, sein Erspartes fürs Alter angelegt. Heute ist sein Vermögen weg. Er und seine Frau Marianne sind Hartz-IV-Empfänger. Sie sitzen auf über 500.000 Euro Schulden.

O-Ton, Wolfgang Schiefen:

»Ich gehöre dann also wirklich zu den Armen, als armer Rentner, so hatte ich mir das also nicht vorgestellt.«



 


O-Ton, Marianne Schiefen:

»Und gar nicht dran denken, was noch auf einem lasten könnte. Man hat ja Angst vor der Zukunft, auch vor dem Alter.«

2000 und 2001 kauft Schiefen zwei Häuser in Ostdeutschland. Sein Pech: Bei einem Objekt gibt es Bauschäden. Er kommt mit den Ratenzahlungen nicht hinterher. Seine Bank verkauft die Kredite an eine Gesellschaft des US-Fonds Lone Star. Die Schiefens denken sich zunächst nichts Böses. Dann der erste Termin bei den neuen Ansprechpartnern. Eine Einigung scheitert. Eindrücke.

O-Ton, Marianne Schiefen:

»Ja, das war einfach skrupellos, aalglatt, einfach alles Menschliche übersehen.«

O-Ton, Wolfgang Schiefen:

»Das Ziel war ganz klar, diese Immobilien sollten dann also mir genommen werden. Mit dem schlimmsten Mittel, letzten Endes mit der Zwangsversteigerung.«

Einige Monate später beantragt das Inkassounternehmen Hudson tatsächlich die Versteigerung der Häuser. Die Hudson-Leute gelten bei Insidern als Ausputztruppe von Lone Star. Der Käufer: wieder eine Gesellschaft aus dem Lone Star-Verbund. Sie zahlt für das eine Haus 650.000 Euro, für das andere 300.000. Schnäppchenpreise. Die Schiefens haben dafür einmal fast das Doppelte hingelegt. Und dann will Hudson auch noch restliche Forderungen von über 500.000 Euro eintreiben. Ihr Ruin.

O-Ton, Wolfgang Schiefen:

»Stellen Sie sich vor, niemand kann ihnen in irgendeiner Weise helfen, wenn dann also noch die finanziellen Mittel, dann also auch noch fehlen, um sich anwaltliche Hilfe nehmen zu können, ja, dann sieht es also ganz finster aus.«

Ein typischer Fall meint ein ehemaliger Mitarbeiter von Hudson. Anonym packt er exklusiv bei REPORT MAINZ aus. Seinen Job habe er aufgegeben, weil ihm das Geschäft zu unseriös gewesen sei, sagt er uns. Für ihn besonders schäbig: Wie der Lone-Star-Verbund die angekauften Immobilien dann noch weiterverwertet habe.

O-Ton, Insider:

»Es gibt Fälle, in denen man die Immobilie eines Kreditnehmers günstig erworben hat, obwohl man weiß, dass man sie Tage oder Wochen später zu wesentlich höheren Preisen weiterverkaufen wird. Und man bietet in dem Fall dem Kreditnehmer nicht an, dass man auf einen Teil der Restschuld verzichtet, sondern versucht wirklich jeden Euro noch einzutreiben.«

Der Insider zeigt uns eine Tabelle mit hochsensiblen Daten von Lone-Star-Schuldnern und deren Immobilien. Die Angaben sind nachvollziehbar. Darin vermerkt: Der Ankaufspreis der Immobilien durch Gesellschaften des Lone-Star-Verbunds und ein definitiver Verkaufspreis. Wie kommt dieser Verkaufspreis zustande? Seine Antwort:

O-Ton, Insider:

»Bevor eine Gesellschaft von Lone Star die Immobilie in der Zwangsversteigerung erwirbt, stehen vertraglich vereinbarte Kaufpreise durch einen Großinvestor bereits fest. Diese Preise sind normalerweise höher als die aus der Zwangsversteigerung, so dass da auch ein Gewinn entstehen kann.«

In der Liste sind auch die Schiefens aufgeführt. Erst durch uns erfährt das Paar von den dort vermerkten Weiterverkaufspreisen ihrer Immobilien. 300.000 Euro aus der Zwangsversteigerung stehen 433.000 aus dem Weiterverkauf gegenüber. Das andere Mal 650.000 gegenüber mehr als einer Million.

O-Ton, Wolfgang Schiefen:

»Das sind ja schon mal Unterschiedesbeträge. Mein Gott!«

Ein schönes Geschäft für den Lone-Star-Verbund. Rund 500.000 Euro, von dem die Schiefens nie etwas hatten. Die Reaktion:

O-Ton, Marianne Schiefen:

»Das ist Betrug, das ist reiner Betrug. Normalerweise wird so was benutzt, um eben zu tilgen, um zusammen zu arbeiten. Aber das ist ja nicht. Es ist ja nicht. Die bereichern sich an unserer Armut.«

Doch eben so funktioniert das Geschäftsmodell. Lone Star-Gesellschaften kaufen von deutschen Banken milliardenschwere Problemkredite, oft zu Bruchteilen der ursprünglichen Kreditsumme. Anschließend soll der Kredit aber möglichst vollständig eingetrieben werden, notfalls auch über Zwangsmaßnahmen beim Schuldner. Laut Brancheninsidern ergeben sich daraus enorme Gewinnmargen, die steueroptimiert im Ausland anfallen.

Die Daten des Insiders legen nahe, dass der Lone-Star-Verbund beim Weiterverkauf der erworbenen Immobilien dann oft noch einmal unglaubliche Gewinne macht. Nur der Schuldner habe davon nichts, erzählt uns der Insider.

O-Ton, Insider:

»Es geht bei der Verwertung der Immobilienkredite nicht darum, fair oder sozial ethisch zu handeln, sondern es geht einfach nur um die Maximierung des Gewinnes.«

Frage: Wie viele sind denn schätzungsweise auf diese Weise geschädigt worden?

O-Ton, Insider:

»Hunderte.«

Wir zeigen unsere Recherchen ausgewiesenen Juristen, dem Bankenexperten Professor Hans-Peter Schwintowski, dem Anwalt und früheren Innenminister Gerhart Baum und der FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Sie sehen schwere Rechtsverletzungen.

O-Ton, Prof. Hans-Peter Schwintowski, Humboldt-Universität:

»Nach meiner Meinung liegt hier ein Betrug auf der Hand, möglicherweise auch eine Untreue, weil hier ja Geld von Schuldnern, das denen gehört, nicht ausgezahlt wird, also veruntreut wird.«





O-Ton, Gerhart Baum, Rechtsanwalt und Bundesinnenminister a.D.:

»Der Schuldner wird an der ganzen Verwertungsprozedur später nicht mehr beteiligt, bleibt aber auf der Restschuld sitzen. Das ist im Grunde ein ungeheuerlicher Vorgang.«



O-Ton, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP, Bundesjustizministerin a.D.:

»Meine Forderung ist, und die halte ich für die wichtigste, dass der Darlehensnehmer vor einem Verkauf einer Forderung ausdrücklich zustimmen muss. Denn dann kann er verhindern, dass es dazu kommt, auch dass er nur noch ein hilfloses Werkzeug in einer Verwertungskette wird.«

Wir übermitteln Lone Star einen Katalog mit sechs konkreten Fragen zu unseren Recherchen. Die Gesellschaft lehnt eine Stellungnahme dazu ab. Die Fragen seien zu pauschal. Die Schiefens wollen Lone Star jetzt verklagen. Wohl ihre letzte Chance. Der Frust sitzt tief.


O-Ton, Wolfgang Schiefen:

»Man liegt schon am Boden und dann kommt noch jemand und tritt einem dann auch noch wirklich ins Gesicht hinein.«

Bei diesem Thema können sich die Politiker, die sich den Verbraucherschutz auf die Fahne geschrieben haben, große Verdienste erwerben.

aus der Sendung vom

Mo, 26.5.2008 | 21:45 Uhr

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