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SENDETERMIN Mo, 10.12.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Aufstand der Selbstständigen Wie ein Bäckerei-Riese seine Franchise-Partner in den Ruin treibt

Guten Abend zu REPORT MAINZ. Unser erster Beitrag erzählt die Geschichte eines geplatzten Traumes. Ein Traum von einem Berufsleben in der Selbständigkeit.

Keinen Chef mehr haben, selbst bestimmen. Geträumt haben ihn viele, die sich mit der Großbäckerei Kamps zusammengetan haben. In jeder Fußgängerzone begegnen uns Kamps-Geschäfte. Eines davon ist das von Gabriele Hildebrandt. Mit einem fairen Partner an ihrer Seite, das hätte klappen können.

Was schief gelaufen ist? Daniel Hechler weiß es.

Bericht:

Morgens um 3:50 beginnt ihr Arbeitstag. Gabriele Hildebrandt und ihr Mitarbeiter haben nicht viel Zeit. Umziehen, sauber machen, um kurz nach vier – die erste Warenlieferung.

O-Ton:

»Zwei Mehrkorn, einmal Kürbis.«

Warencheck, Rohlinge aufbacken, Brote einsortieren. Für die 56-jährige Routine. Täglich elf bis zwölf Stunden, sieben Tage die Woche, seit sechs Jahren.

Am Monatsende blieben ihr um die 1.000 Euro, sagt sie.

O-Ton, Gabriele Hildebrandt, Kamps-Franchisenehmerin:

»Mein Stundenlohn liegt ungefähr, ich habe es mir mal ausgerechnet, bei brutto 6,85 Euro. Also brutto.«






Frage: Kommen Sie denn damit über die Runden?

O-Ton, Gabriele Hildebrandt, Kamps-Franchisenehmerin:

»Schlecht, sehr schlecht.«

Gabriele Hildebrandt ist selbstständige Franchisenehmerin, zahlt für ihren Laden an Kamps Pacht und Gebühren. Fast ein Viertel vom Umsatz monatlich. Pech für sie, wenn in der Nachbarschaft zwei andere Bäckereien aufgemacht haben, und ihre Umsätze jetzt wegbrechen.

Die Mindestpacht von 7.500 Euro hat Kamps sicher. Dafür wächst ihr Schuldenberg auf mittlerweile 20.000 Euro.

Frage: Wie stehen Sie denn heute da?

O-Ton, Gabriele Hildebrandt, Kamps-Franchisenehmerin:

»Eigentlich mit nix. Mit Schulden stehe ich da.«

Frage: Was würde das bedeuten, wenn Sie heute aufgeben müssten?

O-Ton, Gabriele Hildebrandt, Kamps-Franchisenehmerin:

»Ich wäre ein Harz-IV-Empfänger.«

Früher argumentierte Direktor Jochen Pollotzek in solchen Fällen immer gleich. Mittlerweile schweigt er lieber.

O-Ton, Jochen Pollotzek, Direktor Franchising Kamps, 03.04.07:

»Natürlich ist auch das Geschick jedes einzelnen dafür verantwortlich, wie viel er am Ende erwirtschaftet.«






Nur, wie soll das gehen? Ihren Mitarbeitern zahlt Hildebrandt schon Hungerlöhne. Und fast alles muss sie teuer bei Kamps kaufen. Backwaren, Wurst, Kaffee, selbst Kalklöser und Putzmittel, sonst drohen Strafen.

Frage: Wie viel unternehmerische Freiheit haben Sie denn?

O-Ton, Gabriele Hildebrandt, Kamps-Franchisenehmerin:

»Gar keine, also ich wüsste jetzt keine.«

So hat es auch Volker Schröder erlebt. Knapp zwei Jahre war er Franchisenehmer, zuletzt in Bad Wildungen. 25.000 Euro Schulden hat er angehäuft. Irgendwann konnte er die Gebühren nicht mehr zahlen. Doch da versteht Kamps keinen Spaß.

O-Ton, Volker Schröder, ehem. Kamps-Franchisenehmer:

»Ja, ich hab dann halt meinen Laden mit neuen Schlössern vorgefunden. Und ich kam nicht mehr rein. Keine Chance. Demnach musste ich eigentlich schon annehmen, dass ich ab heute kein Kamps-Pächter mehr bin.«



Kamps erklärt dazu lapidar: „Der Austausch der Schlösser ist zur Sicherheit eines neuen Franchisepartners durchaus üblich.“ Nach seiner fristlosen Kündigung ist Volker Schröder jetzt arbeitslos. Der Vater von zwei Kindern weiß nicht mehr weiter.

Frage: Wo stehen Sie?

O-Ton, Volker Schröder, ehem. Kamps-Franchisenehmer:

»Ganz unten. Ganz unten, und da war ich noch nie. Aber ich weiß jetzt, wie es ist. Kein tolles Gefühl.«

Hinter Kamps steht der italienische Nudelkonzern Barilla, der sich gerne mit Werbeikone Steffi Graf schmückt. 2002 kaufte Barilla die Bäckereikette, laut Insidern, völlig überteuert. Die Konsequenz: ein rigides Sparprogramm.

O-Ton, Steffi Graf:

»Barilla, die italienische Entscheidung.«

Der Jurist und Wirtschaftsprüfer Professor Gustav Real hat die Konzernzahlen unter die Lupe genommen.

O-Ton, Prof. Gustav Real, Jurist und Wirtschaftsprüfer:

»Also ich habe schon den Eindruck, dass Kamps unter einem erheblichen Zwang steht, sehr, sehr schnell sehr, sehr viel Geld zu verdienen.«






Müssen die Franchisenehmer also die Suppe auslöffeln? Etwa 35 haben sich zusammengeschlossen und Kamps wegen sittenwidriger Verträge verklagt. Im Januar ist der Prozess. Eine Verzweiflungstat. Franchiseexperte Real hält die Verträge durchaus für angreifbar.

O-Ton, Prof. Gustav Real, Jurist und Wirtschaftsprüfer:

»Schlicht und ergreifend deshalb, weil das Gesamtergebnis, die Gesamtleistung die Kamps einnimmt, in keinem vertretbaren Verhältnis steht zu der Leistung, die sie liefern.«

Laut Kamps dagegen seien die meisten zufrieden. Der Konzern empfiehlt uns bei einem dieser 43 angeblich zufällig ausgewählten Franchisenehmern nachzufragen. Am besten bei ihm, Ralf Kofer.

Dass der ein Vertrauter von Franchisedirektor Pollotzek ist, verschweigt Kamps. In dieser internen Mail an Kofer spricht Pollotzek dann auch von einer Liste „uns eher wohlgesonnener Franchisepartner“ und bittet ihn uns auch noch auf andere Namen hinzuweisen. Sonst sehe das ganze doch „sehr abgesprochen“ aus.

Ein abgekartetes Spiel aus Sicht dieser Franchisenehmer. Alle hoch verschuldet. Die Lastenverteilung sei das Problem. Kamps mache Kasse, ihnen blieben die Risiken. Aus Angst wollen sie anonym bleiben.

O-Ton:

»Es gibt Leute, die gekauft sind. Das heißt, die haben bessere Verträge als andere. Und die werden dann in den Vordergrund gestellt.«

Frage: Was schätzen Sie denn, wie viele unzufrieden sind?

O-Ton:

»Also ich würde sagen, mehr wie zwei Drittel auf jeden Fall. Wahrscheinlich noch viel mehr.«

O-Ton:

»Die Wirklichkeit ist so, dass viele von der Hand in den Mund leben. Das ist der größte Teil.«

Doch selbst dafür reicht es bei Gabriele Hildebrandt jetzt nicht mehr. Seit letzter Woche kann sie an Kamps nichts mehr zahlen. Am Donnerstag soll es ein letztes Krisengespräch geben, dann droht das Aus.

O-Ton, Gabriele Hildebrandt, Kamps-Franchisenehmerin:

»Gesundheitlich kaputt, finanziell am Ende. Das ist der Schlussstrich.«


Abmoderation Fritz Frey:

Ja, wir haben es gerade gehört, am Donnerstag wollen sich Frau Hildebrandt und Kamps noch einmal zusammensetzen. Wir hoffen, dass es endlich zu einer guten Lösung kommt. Wir jedenfalls bleiben dran am Thema.

aus der Sendung vom

Mo, 10.12.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Daniel Hechler
Kamera:
Rainer Kitz
Klaus Woller
Schnitt:
Susanne Bernhardt
Sprecher: Daniel Hechle