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SENDETERMIN Mo, 19.11.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Bin Ladens deutscher General Welche Rolle spielte der Konvertit Christian G. beim Attentat von Djerba?

An diesen jungen Mann werden Sie sich wahrscheinlich nicht erinnern: Das ist der Deutsche Christian Ganczarski. Früher katholisch, vor mehr als 20 Jahren ist er zum Islam konvertiert.

In der Öffentlichkeit tauchte sein Name erstmals auf im Zusammenhang mit dem sogenannten Djerba-Attentat. Fünf Jahre ist das schon her. 21 Menschen starben, darunter 14 Deutsche. Wenige Minuten vor der Tat hatte der Attentäter telefoniert. Mit ihm - Christian Ganczarski. Soweit ist die Geschichte bekannt, auch dass Ganczarski mittlerweile in Frankreich im Gefängnis sitzt.

Ulrich Neumann und Fritz Schmaldienst sind bislang die einzigen deutschen Journalisten, denen die französischen Anklageschrift vorliegt. Was sie über das Attentat auf Djerba, vor allem aber über die enge Verbindung zwischen dem Deutschen und Osama bin Laden zu Tage fördert, das wird auch deutsche Ermittler interessieren. Aber der Reihe nach.

Bericht:

Die Sonne vor Djerba. Beliebtes Ferienziel für deutsche Touristen. Es ist der 11. April 2002. Der kleine Adrian macht hier zusammen mit seinen Eltern Urlaub. Für ihn ein Paradies. Doch als die Familie die älteste Synagoge Afrikas auf der Insel besucht, erlebt sie ein Inferno.

Adrian steht am Eingang, als eine Tausend Grad heiße Feuerwalze in die Synagoge rast. Ein Selbstmordattentäter hat einen Lastwagen mit Flüssiggas zur Explosion gebracht. Wenige Tage danach bekennt sich Al Qaida zu dem Anschlag, der sich erstmals gezielt gegen Deutsche richtet.

Ein Fleck am Boden der Synagoge: Hier ist ein Mensch verbrannt. 21 Menschen sterben, die meisten sind Deutsche und einige Franzosen. Die, die überleben, sind ein Leben lang gezeichnet - wie der kleine Adrian: So, wie auf diesem Foto, ist er heute nicht mehr zu erkennen.

O-Ton, Michael Esper, Vater von Adrian:

»Er hat halt sehr starke Verbrennungen. Und Sie wissen, wenn Sie eben nicht dem normalen Aussehen eines Menschen in der Gesellschaft entsprechen, sind Sie halt immer ein Objekt des Anguckens, des Anstarrens.«

Frage: Wie viele Operationen hat Adrian von damals bis heute insgesamt?

O-Ton Michael Esper, Vater von Adrian:

»Also, wir haben eigentlich so ab der 30. aufgehört zu zählen.«

Noch während die Ärzte um das Leben vieler Verletzten kämpfen, gibt es eine erste Spur von Tunesien nach Deutschland:

Der tunesische Attentäter Nizar Nawar hat kurz vor dem Anschlag in Duisburg angerufen - seinen Glaubensbruder und deutschen Konvertiten Christian Ganczarski. Der hat dem Attentäter den Segen erteilt. Aber mehr konnte man ihm damals nicht nachweisen.

Gegenüber dem ARD-Politikmagazin „Panorama“ bestritt Ganczarski 2002 etwas mit Djerba und Terror zu tun zu haben.

O-Ton, Christian Ganczarski - 2002:

»Ich will mit diesen Sachen momentan überhaupt nicht in Verbindung gebracht werden oder wie auch immer. Diese Sache ist jetzt am Laufen. Warten Sie ab, was die Staatsanwaltschaft herausbringt, und dann ist die Sache erledigt.«

Ungehindert verließ Ganczarski dann Deutschland, ging nach Saudi-Arabien. Bei seiner Rückkehr im Juni 2003 wurde er bei einem Zwischenstopp in Paris verhaftet. Seitdem wartet er in einem französischen Hochsicherheitsgefängnis auf seinen Prozess. Der steht kurz bevor:

REPORT MAINZ liegt jetzt die über 100-seitige Anklageschrift exklusiv vor. Demnach ist der deutsche Konvertit ein wichtiger Drahtzieher beim Attentat von Djerba gewesen.

Die Anklage beinhaltet weitere überraschende Neuigkeiten. Die Ermittler wollen unter anderem anhand eines Videos beweisen, dass der deutsche Konvertit aus Duisburg sehr früh zur Führungsspitze der Al Qaida gehörte.

REPORT MAINZ ist es gelungen, dieses Video mit bislang unbekannten Aufnahmen von Ganczarski zu beschaffen. Die Bilder, von Al Qaida selbst gedreht, zeigen bin Laden unter seinen Gotteskriegern und engsten Vertrauten. Mitten unter ihnen der Deutsche Christian Ganczarski. Laut Anklage war er sogar berechtigt, in der Nähe von bin Laden Waffen zu tragen.

Die Anklageschrift hat REPORT MAINZ dem Berliner Terrorismusexperten und langjährigen Al-Qaida-Beobachter Berndt Georg Thamm zur Einschätzung vorgelegt.

O-Ton, Berndt Georg Thamm, Terrorismusexperte:

»Das Überraschendste und das Beeindruckendste für mich war, dass mit der Person des Angeklagten Christian Ganczarski ein europäischer Konvertit in Kader der Al Qaida eine derart herausragende Rolle innegehabt hat, die so über Jahre überhaupt nicht bekannt war.«

Hier sind die gefährlichsten Topkader von Al Qaida versammelt - 20 Monate vor den Anschlägen von New York und Washington. Unter ihnen zum Beispiel:
-Mohammed Atta, damals mit Bart, der Todespilot vom 11. September,
-Ziad Jarrah, ein weiterer Todespilot vom 11. September,
-Ramsi Binalshibh, der Chefstratege vom 11. September.

Im Januar 2000, als sich Ganczarski zur gleichen Zeit und im gleichen Lager aufhielt, verlesen die Todespiloten Atta und Jarrah ihre Testamente. Wusste also ein Deutscher schon lange vorher über die Jahrhundertanschläge Bescheid? Davon sind die Ankläger überzeugt.

Außerdem: War der Deutsche bereits an der Planung des Djerba- Anschlages beteiligt? Sicher ist, dass Ganczarski und der Attentäter Nawar fünf Mal zeitgleich in Al-Qaida-Lager waren. Schließlich rief der Attentäter kurz vor der Explosion in Djerba Ganczarski an. Für die Ankläger hat das Gespräch „operativen Charakter“ und gilt damit als Einsatzsignal für den Anschlag. Sogar ein Gutachten der Verteidigung kommt zum gleichen Schluss. Jetzt sind der Konvertit Christian Ganczarski und zwei weitere mutmaßliche Terroristen angeklagt wegen Mittäterschaft in mehreren Mordfällen und Mordversuchen und wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

O-Ton, Berndt Georg Thamm, Terrorismusexperte:

»Nach meinem Verständnis und nach meiner Kenntnis ist das zusammengetragene Material eigentlich es mehr als wert, die Situation noch einmal neu zu bewerten. Denn es macht sehr deutlich, dass die Rolle von europäischen Konvertiten schon sehr, sehr viel früher, Jahre früher, wir diskutieren sie ja erst seit kurzem, aber das liegt ja ein halbes Jahrzehnt davor eigentlich, dass sie sehr viel gravierender war seinerzeit.«