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SENDETERMIN Mo, 19.11.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Kies um jeden Preis Wieso Baggerschiffe im Nordsee - Naturschutzgebiet die Umwelt zerstören dürfen

Man lernt ja nie aus. Hätten Sie gedacht, dass mit Kies und Sand vom Meeresgrund eine Menge Geld zu verdienen ist? Weil es aber so ist gibt es jetzt einen Konflikt: Eine belgisch-deutsche Baustofffirma will mit einem speziellen Unterwasserbagger in der Nordsee den Meeresgrund auf mehr als 1.000 Quadratkilometer abtragen.

Das wäre eine Fläche so groß wie Berlin und München zusammen. Umweltschützer schlagen Alarm. Seltene Tiere wie Kegelrobben oder Schweinswale seien bedroht. Thomas Reutter mit den Details.


Bericht:

Die Nordsee, einzigartiger Lebensraum für bedrohte Tiere, zum Beispiel für den Schweinswal. Er steht auf der roten Liste besonders schützenswerter Arten. Doch jetzt bedrohen Saugbagger seinen Lebensraum.

Millionen Vögel ziehen von hier aus nach Süden. Doch gigantische Maschinen dringen in ihre Schutzgebiete ein. Kegelrobben, nur noch hundert von ihnen leben in der Deutschen Bucht. Und seltene Seehunde. Doch die Tiere werden aus ihren letzten Rückzugsräumen vertrieben – durch riesige Baggerschiffe.

Sie gewinnen Sand und Kies und rauben dabei den Meeressäugern die Fische. Die Laichgebiete werden zerstört. Die Nahrungsgrundlage von Schweinswalen, Robben und Seehunden abgeräumt. Die Schiffe saugen den Meeresboden ab, mit allem was darauf lebt. Gegen die Genehmigung laufen Umweltschützer Sturm.

O-Ton, Uwe Johannsen, WWF Deutschland:

»Das Gebiet ist seit drei Jahren als Naturschutzgebiet gemeldet. Und es ist seitdem nicht eine einzige wirksame Schutzmaßnahme dort erfolgt. Im Gegenteil, es darf weiter zerstört werden. Das ist aus unserer Sicht nicht länger akzeptabel.«

Die großen Umweltverbände WWF, BUND und NABU haben eine Beschwerde eingelegt, bei der EU-Kommission in Brüssel. Die Genehmigung für den Kiesabbau sehen sie als „besonders drastisches Beispiel für eine schwerwiegende und andauernde Missachtung des europäischen Naturschutzrechts“.

Und trotzdem: die belgisch-deutsche Firma OAM-DEME hat im letzten Jahr 80.000 Tonnen Sand und Kies aus der deutschen Nordsee gefördert. Der Umsatz liegt nach eigenen Angaben schon jetzt im zweistelligen Millionenbereich. Bald soll mehr als das zwölffache an Sand und Kies aus der Deutschen Bucht geholt werden. Ein Bodenschatz gegen den die Tierwelt offenbar keine Chance hat.

O-Ton, Klaus Bäätjer, Geschäftsführer OAM-DEME Mineralien:

»Wir haben auch nie gesagt, dass ein Entnehmen aus dem Meer, also nun vollkommen ohne irgendwelche Einwirkungen sein kann, dass ist genau als wenn man Kies oder Sand aus einer Grube oder aus einem Waldgebiet entnommen wird, das wird immer irgendwelche Naturschutzeinflüsse haben. Dafür bezahlen wir einen Naturschutzausgleich.«

Nach unseren Berechnungen nicht einmal ein Prozent der Einnahmen als Ausgleich für die zerstörte Natur. Augenwischerei sagen sogar staatliche Umweltschutzexperten. Die Meeresbiologen vom Bundesamt für Naturschutz meinen: Der Verlust sei mit Geld nicht zu begleichen. Zu groß der Schaden, den die Bagger anrichten. Seit Jahren dokumentieren sie die Tierwelt auf dem Meeresboden, der abgesaugt werden soll.

O-Ton, Jochen Krause, Bundesamt für Natutschutz:

»Man sieht hier überall kleine Nischen und Zwischenräume, und in diesen Zwischenräumen leben dann kleinere Arten, die sehr selten geworden sind und die bedroht sind. Und das macht diesen Lebensraum besonders einmalig und er ist eben dann auch geschützt nach europäischen Vorgaben.«

Das Bundesamt für Naturschutz legte die Schutzgebiete fest. Die Bundesregierung meldete sie der EU-Kommission als besonders schutzwürdig. Merkwürdig, genau in die Schutzgebiete bewilligte eine andere deutsche Behörde den Abbau des Meeresbodens. Und das ist die Genehmigungsstelle.

Nicht etwa ein Naturschutzamt, sondern das Niedersächsische Landesamt für Bergbau in Clausthal-Zellerfeld. Vom Pressesprecher wollen wir erfahren, wie kann es sein, dass seine Behörde den Abbau in den Schutzgebieten bewilligt. Er verweist darauf, sein Amt habe die Umweltverträglichkeit lange geprüft.

O-Ton, Jens von den Eichen, Bergbauamt Niedersachsen:

»Es gab keine erheblichen Beeinträchtigungen. Ansonsten könnten wir das Ergebnis dieser Verträglichkeitsprüfung, dann könnten wir keine Genehmigung später erteilen.«

Frage: Aber dieser Saugbagger saugt ja alles, auch die Lebewesen, die da sind, mit rauf und tötet sie.

O-Ton, Jens von den Eichen, Bergbauamt Niedersachsen:

»Ich, da kann ich nichts zu sagen.«

Das können die Meeresbiologen vom Bundesamt. Sie haben auch gefilmt, was der Saugbagger zurücklässt. Was sie vorfanden, hat sie alarmiert. Deshalb haben die Beamten die Genehmigungsbehörde dringend vor dem Eingriff gewarnt.

O-Ton, Jochen Krause, Bundesamt für Naturschutz:

»Alles Leben wurde hier vom Meeresboden erst einmal mitgenommen, ausgelöscht. Und ist jetzt hier nicht mehr vorhanden.«

O-Ton, Jens von den Eichen, Bergbauamt Niedersachsen:

»Im übrigen gehe ich davon aus, dass sich die meisten Lebewesen, die ja Fische oder so, dass die sich sowieso rechtzeitig, auf gut Deutsch gesagt, in Sicherheit bringen können.«

O-Ton, Jochen Krause, Bundesamt für Naturschutz:

»Das ist ein einmaliger Eingriff, dass in dieser Totalität Meeresboden mit dem gesamten Leben weggenommen wird. Das gibt es nicht noch mal.«

O-Ton, Jens von den Eichen, Bergbauamt Niedersachsen:

»Das ist kein Bild der Verwüstung. Mal abgesehen davon, wir haben da ein Genehmigungsverfahren durchgeführt dazu. Und, ich sage mal, es geht, dann stellt sich später bei der Gewinnung nicht mehr die Frage, ob das eine Spur der Verwüstung ist.«

Dabei hatte das Bundesamt alle Taucheraufnahmen der Genehmigungsbehörde zur Verfügung gestellt. Mit einer klaren Warnung: Betroffen seien 41 Tierarten, die auf der roten Liste stehen. Gefährdete Arten, vom Aussterben bedroht. Das Schiff wirft den feinen Sand zurück ins Meer. Eine tödliche Trübungswolke treibt Hunderte Meter hinter dem Schiff. Der Sandschleier sinkt herab, verklebt Kiemen und Poren der Tiere.


O-Ton, Jochen Krause, Bundesamt für Natutschutz:

»Wenn jetzt so massiv Sediment auf diese Nahrungsorgane fällt, verstopfen diese und dann müssen die Tiere verhungern.«

Absurd, wieder stirbt ein Stück Nordsee. Amtlich genehmigt, mitten im Schutzgebiet.

Abmoderation Fritz Frey:

Natürlich darf die Kegelrobbe nicht aussterben. Aber was können wir Verbraucher tun? Darauf bestehen, dass für unseren Hausbau kein Kies und kein Sand aus der Nordsee verwendet wird? Bei seltenen Tropenhölzern sind wir ja schon sensibel.

aus der Sendung vom

Mo, 19.11.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Thomas Reutter
Kamera:
Christian Saal
Felix Weymann
Schnitt:
Boris Retkowski