Bitte warten...

SENDETERMIN Mo, 25.6.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Doping Schwere Vorwürfe gegen Bund deutscher Radfahrer

Sollte Ihnen nach unserem nächsten Bericht der schöne Satz vom Bock einfallen, der zum Gärtner gemacht wurde, dann wäre das kein Zufall. Wir sind beim Thema Doping. Die Tränen der reuigen Radfahrer sind getrocknet. Der Gesetzgeber hat ein Gesetz vorgelegt, dass nach Expertenmeinungen nicht wirklich was taugt. Und deshalb blicken wir jetzt voller Erwartung auf die Sportverbände. Die sollen ihn garantieren, den sauberen, den dopingfreien Sport.

Und deshalb haben wir uns mal beim Bund Deutscher Radfahrer umgesehen, haben mal die Ärzte unter die Lupe genommen, die dort jetzt scharf kontrollieren sollen.

Na und da kommt er einem in den Sinn, der Spruch vom Bock, der zum Gärtner gemacht wurde. Hajo Seppelt, Fred Kowasch und Thomas Purschke berichten.

Bericht:

Rudolf Scharping, der Präsident des Deutschen Bundes der Deutschen Radfahrer. Jahre lang präsentierte er sich als Freund der deutschen Radsporthelden. Seit den Dopingskandalen tritt er als Kämpfer für einen sauberen Sport auf. Ob bei der Deutschland-Tour, die der Verband alljährlich mitorganisiert oder bei runden Tischen mit ARD und ZDF. Null Toleranz bei Doping verspricht der BDR-Präsident.

O-Ton, Rudolf Scharping, 01.08.2006, Präsident Bund Deutscher Radfahrer:

»Der Radsport stellt sich diesem ernsten Problem mit aller Konsequenz und mit aller Härte. Und er ist entschlossen, alle loszuwerden, die seine Glaubwürdigkeit und seine Sauberkeit auch nur berühren.«

Vor wenigen Tagen die Erzgebirgsrundfahrt. Ein Rennen der Radbundesliga des Bundes Deutscher Radfahrer. Im Mitarbeiterstab sportmedizinische Helfer, die der Ausrichter gezielt ausgewählt hat.

O-Ton, Walter Röseler, Bund Deutscher Radfahrer:

»Wir sind natürlich daran interessiert und besprechen das mit dem Veranstalter, dass da schon Ärzte sind, die sich im Sport möglichst ein bisschen auskennen. Deshalb haben wir hier, glaube ich, eine sehr gute Lösung mit den Sportärzten.«

Eine sehr gute Lösung ist demnach Dr. Heinz Löbl. Er soll als offizieller Rennarzt im Auftrag des Bundes Deutscher Radfahrer die Gesundheit der Sportler schützen. Löbl war lange Jahre der zuständige Arzt der DDR-Bahnradfahrer. Er betreute auch den Fahrer Uwe Trömer aus Erfurt, viele Jahre Mitglied der DDR-Bahnnationalmannschaft. Nach seiner Erinnerung spielte es sich damals so ab:

O-Ton, Uwe Trömer, früherer Bahnradfahrer:

»Die Spritzen haben wir alle bekommen. Also systematisches, flächendeckendes Doping.«

Die DDR-Sportmediziner dopten die Bahnradfahrer wie Trömer regelmäßig mit sogenannten unterstützenden Mitteln, UM genannt. Anabolika. Die Berichte der DDR-Staatssicherheit zum Doping im Radsport liegen REPORT MAINZ vor. Löbl und andere Ärzte wussten prinzipiell werden alle für die Weltmeisterschaften vorgesehenen Sportler in das UM-Programm einbezogen. Also auch Vize-Weltmeister Uwe Trömer.

O-Ton, Uwe Trömer, früherer Bahnradfahrer:

»Mir wurde durch Dr. Heinz Löbl Dopingspritzen verabreicht in einem Zyklus von zwei Spritzen pro Woche. Und nach etwa drei Wochen war es dann halt bei mir so, dass ich bei einer normalen Trainingseinheit über 120 Kilometer nach 5 Kilometern vom Rad gefallen bin und dort definitiv nicht mehr weiter fahren konnte.«

Nach den Injektionen kam es bei ihm zu beidseitigem akutem Nierenversagen und einer massiven Lungenschädigung. Trömer ist Jahrzehnte nach den Spritzen von Löbl staatlich anerkanntes Doping-Opfer.

O-Ton, Uwe Trömer, früherer Bahnradfahrer:

»Er hat einfach in Kauf genommen, dass ich daran sterbe. Und bei beidseitigem Nierenversagen weiß man einfach: Wenn man nicht behandelt wird, stirbt man. Und das hat Dr. Löbl einfach definitiv in Kauf genommen.«

Dr. Heinz Löbl. Der Bund Deutscher Radfahrer hält ihn offenbar für geeignet, bei heutigen Radrennen die Verantwortung für den Gesundheitsschutz junger Radsportler zu tragen.

O-Ton, Uwe Trömer, früherer Bahnradfahrer:

»Ich bin halt über die ganzen Jahre auch mit dem Bund der Deutschen Radfahrer, mit dem Büro Scharping in Verbindung gewesen. Ich habe per Mail dort mehrfach Informationen gegeben. Ich habe dort angerufen, ich habe dort Namen genannt. Und immer wieder darauf hingewiesen, dass dieser Mensch auch weiterhin arbeiten darf.«

Frage: Was ist passiert?

O-Ton, Uwe Trömer, früherer Bahnradfahrer:

»Nichts. Es ist nichts passiert. Gar nichts. Und deshalb sind solche Offensiven, wie sie Rudolf Scharping über den Bund Deutscher Radfahrer jetzt gemacht hat, halt einfach, also die grenzen für mich wirklich also an Lächerlichkeit, weil es ist einfach nicht ehrlich.«

REPORT MAINZ hat Heinz Löbl zu den Vorwürfen befragen wollen. Er bestreitet die Doping-Verwicklungen, ein Interview lehnte er aber ab. Wie hatte doch BDR-Präsident Rudolf Scharping zum Radsport gesagt:

O-Ton, Rudolf Scharping, Präsident Bund Deutscher Radfahrer:

»Er ist entschlossen, alle loszuwerden, die seine Glaubwürdigkeit und seine Sauberkeit auch nur berühren.«

Dr. Roland Müller. Er soll den sauberen Radsport im Jahr 2007 garantieren. Als Dopingkontrolleur im Auftrag des Bundes Deutscher Radfahrer. Dopingkontrolleure, besonders im Radsport, müssen über jeden Zweifel erhaben sein. REPORT MAINZ liegen Dokumente der DDR-Staatssicherheit von 1983 vor. Roland Müller, der Verbandsarzt Radsport, wurde geführt als IMS, inoffizieller Mitarbeit Sicherheit, mit dem Decknamen Egon Miethe.

Der Doping-Kontrolleur – ein früherer Stasispitzel. Kein Problem für den Bund Deutscher Radfahrer? Aber damit nicht genug. Als Verbands- und Olympiaarzt lenkte Müller die Dopingvergabepraxis im gesamten DDR-Radsport, wie aus einer protokollierten Aussage Müllers über die UM-Anwendung, also die Anwendung unterstützender Mittel, hervorgeht.

Es wird vorgeschlagen, welche Medikamente zu welchem Zeitraum in welcher Dosierung gegeben werden sollen. Und weiter: Es werden die Maßnahmen durch den Disziplinararzt Bahn und den Verbandsarzt selbst durchgeführt. Die Konsequenz daraus: Verbandsarzt Müller muss die Radsportler eigenhändig gedopt haben. Roland Müller, ein Staatsdoper als Dopingkontrolleur im Auftrag des Bundes Deutscher Radfahrer auch im Jahr 2007. Er wollte sich gegenüber der ARD nicht äußern.

Ein anderer aber will reden. Aus Angst will er nicht offen vor die Kamera treten. Was er über Doping im Radsport schildert, ist höchst brisant. Er berichtet REPORT MAINZ, wie systematisch das Doping in einem deutschen Profiradrennstall über Jahre praktiziert worden sein soll.

O-Ton, Ehemaliger Betreuer „Team Nürnberger“:

»Es war oft so, dass wir vor dem Start einer Etappe mit dem Pfleger zusammen nach Belgien gefahren sind. Auf dem Marktplatz angehalten haben, ausgestiegen, in die Apotheke gegangen sind. Dort waren entsprechende Medikamente schon bestellt. Sie haben in den Boxen die Medikamente entgegengenommen, teilweise dann direkt kühl gelagert. Und sind dann sozusagen direkt wieder zum Radrennen gefahren.«

Frage: Was waren das für Stoffe?

O-Ton, Ehemaliger Betreuer „Team Nürnberger“:

»Es waren meistens Sachen zum Spritzen, Amphetamine, Aufputschmittel et cetera.«

Es ist ein ehemaliger Betreuer des Teams Nürnberger, das bis 2003 existierte. Hinter dem Team Deutsche Telekom über mehrere Jahre war es der zweitbeste deutsche Radrennstall.

In einer schriftlichen Erklärung sagte eine zweite Person aus dem Team Nürnberger gegenüber REPORT MAINZ, dass das sogenannte Präparieren, das Doping der Fahrer, mit dem Wissen der Teamleitung geschah. Manager und sportlicher Leiter des Teams war dieser Mann, Udo Sprenger. Dopingmittel für seine Fahrer seien über sogenannte schwarze Kassen finanziert worden, berichtet der Betreuer.

O-Ton, Ehemaliger Betreuer „Team Nürnberger“:

»Der Manager kann an dieser Stelle sich nicht komplett rausziehen, weil definitiv er die Mittel, die finanziellen Mittel dafür bereitgestellt hat, die Abrechnungen dafür übernommen hat. Diese Kasse diente ja auch in erster Linie auch dazu, dann entsprechend, ich sage mal, durch die normalen Finanztransaktionen, sich die Beschaffung dann auch zu finanzieren.«

Frage: Der Manager von damals vom Team Nürnberger ist heute Vizepräsident im Bund Deutscher Radfahrer?

O-Ton, Ehemaliger Betreuer „Team Nürnberger“:

»Ja. Also dass er die schwarzen Kassen oder überhaupt die ganzen Finanzmittel unter sich hatte. Das war sozusagen eines seiner Hauptthemen.«

Frage: Und das ist Udo Sprenger?

O-Ton, Ehemaliger Betreuer „Team Nürnberger“:

»Ja, heute zuständig für den Profibereich. Und somit beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz.«

Frage: Nun muss man ja auch wissen, dass Udo Sprenger damals auch noch eine andere Tätigkeit hatte?

O-Ton, Ehemaliger Betreuer „Team Nürnberger“:

»Also meines Wissens war er noch als Polizeibeamter im Dienst tätig und dort insbesondere im Bereich der Drogenfahndung, des Drogendezernats. Also von daher sicher noch tiefer im Thema drin, was illegale Aktivitäten angeht wie jeder andere in der Mannschaft.«

REPORT MAINZ liegt zu diesen Aussagen eine eidesstattliche Versicherung des früheren Team-Nürnberger-Betreuers vor. Die Dopingvorwürfe im deutschen Radsport reichen jetzt bis in höchste Funktionärskreise. REPORT MAINZ hat Udo Sprenger heute mit den Anschuldigungen konfrontiert.

Frage: Stimmt das?

O-Ton, Udo Sprenger, Vizepräsident Bund Deutscher Radfahrer:

»Diese ARD-Informationen sind mit Sicherheit falsch.«

Frage: Sie sind mit Sicherheit falsch?

 



O-Ton, Udo Sprenger, Vizepräsident Bund Deutscher Radfahrer:

»Ja.«

Frage: Und wenn es Zeugen gibt, die das sagen, was sagen Sie denen?

O-Ton, Udo Sprenger, Vizepräsident Bund Deutscher Radfahrer:

»Dann sage ich, die lügen.«

Frage: Die lügen?

O-Ton, Udo Sprenger, Vizepräsident Bund Deutscher Radfahrer:

»Ja.«

Frage: Und der Geldfluss ist auch immer sauber gelaufen, ist alles in Ordnung gewesen da, mit den Büchern?

O-Ton, Udo Sprenger, Vizepräsident Bund Deutscher Radfahrer:

»Ja, ja. Ja. Es ist also nicht alles von mir gemacht worden, aber ich habe doch überall ziemlichen Einblick gehabt, ja.«

Doch die Vorwürfe wiegen schwer. Udo Sprenger soll am kommenden Wochenende in Wiesbaden als Cheforganisator die Deutschen Meisterschaften im Straßenrennen durchführen. Wie hatte doch BDR-Präsident Rudolf Scharping zum Radsport gesagt:

O-Ton, Rudolf Scharping, Präsident Bund Deutscher Radfahrer:

»Er ist entschlossen, alle loszuwerden, die seine Glaubwürdigkeit und seine Sauberkeit auch nur berühren.«

Abmoderation Fritz Frey:

Der Bund Deutscher Radfahrer erhält übrigens auch Gelder aus dem Steuertopf. Im Jahr 2007 sollen annähernd 2,5 Millionen Euro an ihn transferiert werden. Steuergeld, Ihres und meins. Wenn das kein Grund zum Aufräumen ist, Herr Scharping

aus der Sendung vom

Mo, 25.6.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:Fred Kowasch,
Thomas Purschke,
Hajo Seppelt
(Unterstützt durch die WDR Dopingredaktion)
Kamera:Oliver Lück,
Jürgen Igramha
Schnitt:Melanie Fliessbach