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SENDETERMIN Mo, 4.6.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Wie Jugendliche abgespeist werden Ausbeutung statt Ausbildung

Moderation Fritz Frey:

Die gute Nachricht in der letzten Woche: Die Zahl der Arbeitslosen ist deutlich gesunken. Und als besonders positiv hat Behördenchef Weise den Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit bewertet. Das wird auch die Regierung und die Wirtschaft freuen. Hat man doch gemeinsam das Langzeitpraktikum EQJ, die Einstiegsqualifizierung für Jugendliche, aus der Taufe gehoben. Eine tolle Sache. Auf dem Papier.

Jugendliche, die noch nicht ganz ausbildungsreif sind, also bei denen es zum Beispiel mit dem Rechnen hapert, erhöhen mit ihren Teilnahme die Chance auf eine Lehrstelle. Ausdruck für das soziale Engagement der Wirtschaft sei dieses Instrument, erklärt der Sprecher des Handwerks. Staatlich subventionierte Ausbeutung, so die Kritiker. Was stimmt nun? Daniel Hechler wollte das genau wissen.


Bericht:

Kurz vor sieben muss Sabrina jeden Tag los. Bei einem Messeunternehmen in Frankfurt soll die 17 Jährige auf eine Lehrstelle vorbereitet werden. Nach ihrem Realschulabschluss hat sie keine gefunden. Sechs bis zwölf Monate dauert diese Einstiegsqualifikation. Die Arbeitsagentur zahlt ihr dafür monatlich 192 Euro.

O-Ton, Sabrina Möller, Einstiegsqualifikantin:

»Ich hatte eine Riesenmotivation. Ich habe mich natürlich sehr gefreut und habe es als eine sehr große Chance angesehen.«





Beim Ausbildungsgipfel im März waren sich Wirtschaftverbände und Bundesregierung einig. Für Problemjugendliche ohne Ausbildung ist die Einstiegsqualifikation eine tolle Sache. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer hätten danach sogar eine Lehrstelle gefunden. Das Geld kommt vom Bund. Die Unternehmer zahlen nichts.

O-Ton, Hanns-Eberhard Schleyer, Generalsekretär Zentralverband des Deutschen Handwerks:

»Das ist sicher auch ein Stück weit soziales Engagement der Wirtschaft. Denn Jugendliche mit Problemen erfordern einen besonderen Aufwand, einen besonderen Betreuungsaufwand, wenn man so will.«


Doch Sabrina wusste gar nicht, dass sie Probleme oder Lernschwächen hat. Ihren Realschulabschluss hat sie problemlos gemeistert. Und dass sie in der Firma betreut wird, hat sie auch noch nicht bemerkt.

O-Ton, Sabrina Möller, Einstiegsqualifikantin:

»Ich schreibe von 9 bis 17 Uhr Montag bis Freitag E-Mails und suche irgendwelche Informationen und Adressen von Internetseiten raus.«

Frage: Was hat es mit Ausbildung zu tun?

O-Ton, Sabrina Möller, Einstiegsqualifikantin:

»Rein gar nichts.«

Für ihren Chef dagegen ein schöner kostenloser Service, finanziert vom Steuerzahler. Uns möchte er dazu lieber nichts sagen.

Ein Einzelfall? In diesem Internetforum lassen viele Einstiegsqualifikanten Frust ab. Den ganzen Tag alleine im Büro sitzen, putzen, bis zu 54 Stunden pro Woche arbeiten ohne extra Vergütung. Toll für die Unternehmen, doch wo bleibt die Betreuung?

DGB-Vize Ingrid Sehrbrock glaubt, dass bei dem gefeierten Programm einiges schief läuft.

O-Ton, Ingrid Sehrbrock, Stv. Vorsitzende DGB:

»Man kann durchaus sagen, dass in einer Reihe von Fällen auch Lohndumping mit Steuermitteln stattfindet. Und das war nicht die Zielrichtung von Einstiegsqualifikation.«



Ähnlich sieht das auch der Bundesrechnungshof in einer internen Prüfung vom Dezember. Danach habe die Bundesagentur für Arbeit es weitgehend versäumt, Mitnahmeeffekten und dem Missbrauch der Fördermittel vorzubeugen.

Auch die Bundesagentur spricht in ihrer streng vertraulichen, bislang unveröffentlichten Antwort von erheblichen Mitnahme- und Verdrängungseffekten. Doch eine systematische Erfolgskontrolle des Programms durch die BA sei nun einmal nicht vorgesehen. Ein Interview dazu lehnt die Behörde ab.

Wohin das führt, zeigt ihr Beispiel. Zehra Dogan macht seit Oktober in diesem Kamps-Shop in Esslingen eine Einstiegsqualifikation. Nach acht Wochen Einarbeitung hilft die 17-Jährige jetzt 40 Stunden die Woche mit. Ein Jahr lang. Für umgerechnet acht Euro pro Tag.

Frage: Arbeiten Sie dann wie eine Festangestellte?

O-Ton, Zehra Dogan, Einstiegsqualifikantin:

»Kann man sagen. Ja. Also ich mache dasselbe, was die eigentlich auch machen.«






Kamps-Pächter Nickolai sagt, er könne ihr nichts zahlen, weil Kamps ihm selbst nicht genug Geld zum Leben lasse. Der Konzern allerdings weist dies uns gegenüber als falsch zurück.

Frage: Warum beschäftigen Sie eigentlich Einstiegsqualifikanten?

O-Ton, Andree Nickolai, Franchisepartner Kamps:

»Um meine Kosten zu drücken. Meine Personalkosten. Weil heutzutage muss man gucken, wo man bleibt und die Möglichkeiten ausnutzen, die einem gegeben werden.«



Frage: Wie viel sparen Sie denn dadurch?

O-Ton, Andree Nickolai, Franchisepartner Kamps:

»Circa 1.000 bis 1.500 Euro im Monat.«

Frage: Geht das auf Kosten von Festangestellten?

O-Ton, Andree Nickolai, Franchisepartner Kamps:

»Klar hat man dadurch die Festangestellten reduzieren müssen und auch die Stunden, von denen, die noch da sind.«

Liliana Kornherr bekommt jetzt monatlich rund 200 Euro weniger, muss deshalb abends noch putzen gehen. Gegen die staatlich subventionierten Praktikanten zum Nulltarif hat sie keine Chance. Dass die Anforderungen der Unternehmen dennoch alles andere als bescheiden sind, zeigen diese Stellenanzeigen.

Gesucht werden Einstiegsqualifikanten, die Content-Management-Systeme anpassen sollen. Mit analytischen und konzeptionellen Fähigkeiten. Möglichst fünfsprachig, versteht sich.

O-Ton, Hanns-Eberhard Schleyer, Generalsekretär Zentralverband des Deutschen Handwerks:

»Immer dann, wenn Sie so etwas machen, werden Sie solche Missbrauchstatbestände haben. Das können Sie nicht zu 100 Prozent ausschließen.«

Doch dahinter scheint System zu stecken. Laut Bundesagentur haben die Hälfte der Einstiegsqualifikanten mittlere und hohe Schulabschlüsse. Einige studieren auch. Die Bundesagentur stellt so auch fest, dass die Arbeitgeber ähnlich hohe Anforderungen wie an Auszubildende stellten.

O-Ton, Ingrid Sehrbrock, Stv. Vorsitzende DGB:

»Ich denke, es müssen noch mal klare Kriterien für dieses Programm formuliert werden. Die Zielgruppen müssen genauer beschrieben werden. Und es muss auch sichergestellt werden, dass die BA, wenn sie denn Anträge erhält auf Förderung, auch nach diesen Kriterien verfährt.«

Bundesregierung und Wirtschaft aber wollen davon nichts wissen. Sie haben im März erst beschlossen, die Zahl der Einstiegsqualifikanten aufzustocken. Auf jährlich 40.000. Kostenpunkt: 270 Millionen Euro Steuergeld, Nur dumm, dass die Zahl der Lehrstellen derweil weiter zurückgeht.

Das bekommt auch sie zu spüren. Sabrina hat jetzt erfahren, dass sie nach der Einstiegsqualifikation bei ihrem Unternehmen keine Lehrstelle bekommt. Sie kann dann wieder bei Null anfangen.

O-Ton, Sabrina Möller, Einstiegsqualifikantin:

»Ich sehe das mehr als Verarschung an. Billige Arbeitskraft, mehr ist es nicht.

aus der Sendung vom

Mo, 4.6.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:Daniel Hechler
Kamera:Andreas Deinert,
Thomas Schäfer
Schnitt:Sylke Nattermann