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SENDETERMIN Mo, 4.6.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Attac und die Frage der Gewalt G8- Proteste

Moderation Fritz Frey:

War das erst der Auftakt? Beinahe eintausend Verletzte, darunter mehr als vierhundert Polizisten. Fieberhaft wird jetzt daran gearbeitet, dass sich die Ausschreitungen während des Gipfels in Heiligendamm nicht wiederholen. Die Polizei wird mit guten Ratschlägen nur so überhäuft. Das Gesindel müsse die ganze Härte des Gesetzes spüren, tönt Rhetorikrabauke Westerwelle aus dem fernen Berlin. Ob es vor Ort hilft?

Wir haben zwei Reporter nach Rostock geschickt, auf die Seite der G-8-Gegner. Dorthin, wo sich friedliche Aktivisten mit gewaltbereiten Autonomen vermischen. Begegnet ist unseren Reportern viel guter Wille, aber auch eine Riesenportion Naivität. Thomas Reutter und Klaus Weidmann berichten.

Bericht:

Samstagnachmittag in Rostock, wir beobachten, wie zwei Männer sich hinter dem Rücken friedlicher Demonstranten vermummen. Die Frau in der Friedensfahne schaut zu, weiß nichts zu sagen. Andere bekommen es gar nicht erst mit. Dann schmeißen die Gewalttäter Steine und Flaschen. Sie hatten den Veranstaltern versprochen friedlich zu bleiben, die hatten es geglaubt.

Mit Gewalttätern kann man nicht verhandeln, das merkt auch die Polizei. Das merken auch wir.

Erasmus Müller ist Mitglied bei den Globalisierungskritikern von Attac. Monatelang hat er sich auf eine friedliche Demonstration vorbereitet.

Er ist fassungslos, frustriert und wütend.

O-Ton:

»Es ist schade, traurig, wir müssen versuchen irgendwie noch mehr Leute zu werden, die friedlich demonstrieren.«

Am Tag danach. Gestern Morgen im Camp Rostock. Hier sind viele der friedlichen Demonstranten untergebracht, aber auch viele, die dem Schwarzen Block angehören. Pressevertreter sind nicht erwünscht. Filmaufnahmen können nur unter Aufsicht gedreht werden oder heimlich unter Gefahr für Leib und Leben.

Dennoch gelingt es uns mit den friedlichen Mitgliedern von Attac zu sprechen. Unsere Kamera läuft, während sie über die Gewaltfrage debattieren.

Erasmus Müller hat schlecht geschlafen. Der Diplommathematiker kam wie viele, um sich mit der Globalisierung auseinander zu setzen. Doch jetzt müssen sie über Steine und brennende Autos reden.

O-Ton:
»Ich verstehe nicht, wie man Steine werfen kann! Auf Menschen und auf Feuerwehrautos! Das wollte ich noch sagen.«

O-Ton:
»Richtig, genau in diese Breche wollte ich jetzt auch schlagen. Wenn man auf Feuerwehrwagen Steine schmeißt, dann geht irgendwo der Sinn verloren. Also Steine schmeißen nur um des Steineschmeißens Willen, da sieht man halt auch, dass Gewalt sich auch sehr schnell verselbstständigen kann. Und wenn auch Flaschen in Richtung unbeteiligter Demonstranten geworfen werden, dann geht das auf jeden Fall definitiv zu weit.«

Während die einen verharmlosen, steht für die anderen die Täter-Opfer-Frage außer Zweifel.

O-Ton:
»Das Problem war weniger die Polizei, von der man einschätzen konnte, dass sie so agiert. Das Problem waren die anwesenden Gewalttäter, die ganz einfach... Wer hat die Steine geschmissen? Die Polizisten waren es nicht. Oder sie haben sich vorher schwarz angezogen.«

O-Ton:
»Das ist ja eigentlich dann so, habe ich gestern beobachtet, dass der Schwarze Block sich dann immer flüchtet in die friedlichen Demonstranten. Und gestern ist es irgendwann dazu gekommen, dass aufgerufen worden ist eine Kette zu bilden, um, zumindest um die Bühne, um die friedlichen Demonstranten herum. Ich denke, das ist ganz wichtig.«

O-Ton:
»Das muss man uns selbst sagen: Meines Erachtens hat unsere Strategie nicht gegriffen, eindeutig im Bereich des Bündnisses die entsprechenden Leute mit einzuschließen, da muss drüber nachgedacht werden.«

Im so genannten Weißen Haus haben sich viele Gruppen vom Camp eingerichtet, auch der Schwarze Block. Attac lässt uns auch hier drehen, Erasmus malt Transparente für eine friedliche Aktion zum Thema Klimalügen. Noch sind Attac und die Steinewerfer unter einem Dach, in einem Camp, gehen gemeinsam auf Demos.
Doch inzwischen fragt sich Erasmus, ob das bis zum G-8-Gipfel so bleiben kann. Späte Einsicht.

O-Ton, Erasmus Müller, Attac-Mitglied:

»Also ich, aus meiner Sicht, ich würde, ich würde, glaub ich, sagen, so wie es bei den Blockaden der Fall ist, wir machen hier eine Blockade oder irgendeine Demo, da machen wir unsere gewaltfreien Aktionen. Und das ist unser Ding. Wenn ihr meint, ihr müsst irgendwie Gewalt machen, dann macht das bitte woanders und macht das nicht bei uns. Also ich würde sagen: Also auf unserer Demo nicht.«

Sie verkleiden sich für eine Protestaufführung. Wie aber Krawalle vermeiden? Und: lassen sich die Gewalttäter überhaupt ausschließen? Noch hat Attac keinen Plan.

O-Ton:
»Wir müssen bei einer solchen Veranstaltung methodisch ein Konzept haben, wie gehen wir in der Situation X um. Was passiert dann? Welche Leute machen was? Welche Signale gibt es, um...«

Frage: Wie so ein Blockadetraining, das man vorher übt?

O-Ton:
»Ja, ja. So wie andere Sachen geübt werden, so müsste das auch geübt werden.«

Heute Mittag in Rostock. Während der Schwarze Block wieder Krawall macht, retten die Aktivisten die Erde aus den Fängen von Merkel, Bush und Co. Globalisierungskritik mit friedlichen Mitteln. Hier keine Chance für Steinewerfer.

O-Ton:
»Wir grenzen uns von diesen Menschen ab, indem wir friedlich sind, indem wir solche Aktionen machen, in denen wir bunt sind, in denen wir auch mit unseren Gesichtern in die Öffentlichkeit gehen und sagen: Hey, wir stehen für das, was wir wollen, nämlich eine andere Welt.«

Rostock lehrt heute schon: der bunte Protest braucht Zivilcourage. Nicht nur gegen Politiker und Polizei, sondern auch gegen militante Steinewerfer.

aus der Sendung vom

Mo, 4.6.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:Thomas Reutter,
Klaus Weidmann
Kamera:Mirko Schweigert,
Mathias Sauter
Christian Saal
Schnitt:Begona Gonzalez