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SENDETERMIN Mo, 14.8.2006 | 21:45 Uhr | Das Erste

Terroralarm in London Experimentieren auch deutsche Islamisten mit Flüssigsprengstoff?

Der Schock von London sitzt tief. Auch deshalb, weil mit flüssigem Sprengstoff gemordet werden sollte, der ganz einfach mit dem Handgepäck ins Flugzeug gekommen wäre. Wir wissen, dass sich auch in Deutschland gewaltbereite Islamisten aufhalten. Experten schätzen: circa 300. Etliche von ihnen ausgebildet in Terrorcamps in Afghanistan oder Pakistan.

Wie stehen sie zu den geplanten Anschlägen von London? Und gibt es Indizien dafür, dass auch sie TATP, so heißt der Sprengstoff, in ihren Waffenarsenalen haben?

Ulrich Neumann und Fritz Schmaldienst mit einer Spurensuche.

Bericht:

London vor einem Jahr: Attentate auf U-Bahnen und einen Bus. Über 50 Tote und 700 Verletzte. Das brutale Werk von vier Terroristen, die Bomben zündeten, hergestellt aus Baumarkt-Chemikalien.

Vor wenigen Tagen wieder Panik in London: Bomben aus gleichen Grundstoffen sollten jetzt Passagierflugzeuge zum Absturz bringen. Der Sprengstoff TATP, diesmal aber flüssig, damit er nicht entdeckt wird, ist eine Weiterentwicklung. Ein Massenmord, so Scotland Yard, wurde verhindert - in letzter Minute. Verfügen auch Islamisten in Deutschland über Kenntnisse, um solche Bomben herzustellen?

Bert Weingarten ist Inhaber einer Hamburger Computerfirma. Er und seine Spezialisten sind im Auftrag von Firmen und Behörden im weltweiten Computernetz ständig auf der Suche nach Dateien von Terroristen. Vor Monaten machte er eine brisante Entdeckung.

Auf einem Server in Deutschland fand er diese Werbebilder für den sogenannten „Heiligen Krieg“.

Und nicht nur das.

O-Ton, Bert Weingarten, Pan Amp Hamburg:

»Wir haben von einem Server in Erfurt die kompletten Schaltpläne für die jetzt in London verwendeten Bomben inklusive schon der Kennung für flüssiges TATP entnehmen können.«

Englische Sicherheitskreise haben das der deutschen Firma bestätigt. Der geplante Anschlag von London mit Flüssigsprengstoff – droht von Islamisten in Deutschland eine ähnliche Gefahr?

Wir treffen Reda Seyam, gelernter Kameramann. Wo er auftaucht, sind die westlichen Geheimdienste alarmiert: Er soll bin Laden persönlich kennen, ist mutmaßlicher Finanzier der Anschläge von Bali und war Teilnehmer am so genannten Heiligen Krieg in Bosnien. Trotzdem: Zu einer Anklage hat es bislang nicht gereicht. Den geplanten Londoner Anschlag rechtfertigt der Islamist:

O-Ton:

»Wenn das überhaupt stimmt, dann ist es eine normale Folge für das, was die Engländer in islamischen Ländern tun.«

Sympathie für den Terror oder sogar noch mehr?

Wir treffen seine Ex-Frau - Doris Glück. Ihr Name – ein Pseudonym, weil sie Angst hat. 14 Jahre war sie verheiratet mit dem Gotteskrieger. Darüber hat sie ein Buch geschrieben. Vor unserer Kamera erzählt sie mehr über ihren Ex-Mann. In ihrer gemeinsamen Wohnung habe sie gefährliche Flüssigkeiten entdeckt.

O-Ton, „Doris Glück“, Ex-Ehefrau eines Gotteskriegers:

»Das war in Bosnien, in Bocina, wo mein Ex-Mann ein Studio hatte, wo er Aufnahmen machte. Und wenn mein Mann in die Moschee ging zum Beten, habe ich oben aufgeräumt. Und an diesem besagten Tag, wo ein Gast aus Deutschland da war, tauchten plötzlich diese Pulver und Flaschen auf mit Flüssigkeiten. Und mein Mann hat mich darauf hingewiesen, dass ich achtsam sein sollte, dass ich nicht mit den Flachen in die Luft fliege. Und diese Flaschen haben auch sehr ätzend gerochen wie Nagellackentferner.«

Frage: Dieser Nagellackgeruch sagt Ihnen das etwas?

O-Ton, Bert Weingarten, Pan Amp Hamburg:

»Das sagt uns sehr viel. Das sind diese klassischen Entfärbungsmittel, die eben eine höhere Sprengwirkung bei klassischen festen Stoffen dann bewirken können und sie dabei natürlich auch verflüssigen.«

Auch hochrangige Sicherheitsbeamte halten die Angaben der Ex-Frau für glaubwürdig. Trotzdem bestreitet Reda Seyam hartnäckig:

O-Ton:

»Nein, ich habe kein Labor in Bosnien gehabt und ich habe überhaupt keine Sprengstoffe gehabt, ob flüssig oder trocken.«

Stimmt das? Sicher ist: Reda Seyam hatte einen guten Freund, der sich mit gefährlichen Chemikalien auskennt - Yehia Yousif, der inzwischen untergetauchte Glaubensbruder, hat mit ihm jahrelang vertrauensvoll zusammengearbeitet.

Hier im mittlerweile geschlossenen Multikulturhaus in Neu-Ulm hat Yousif Hass gepredigt, junge Menschen für den Dschihad in Tschetschenien geworben. Außerdem war diese Moschee Anlaufstelle für den Ex-Finanzchef von bin Laden.

Der Arzt und Bio-Chemiker Yehia Yousif habe sich mit Reda Seyam auch in Bosnien getroffen, sagt seine Ex-Ehefrau.

O-Ton, „Doris Glück“, Ex-Ehefrau eines Gotteskriegers:

»Ich meine, da braucht man gar nicht lange darüber zu reden. Wir wissen, Yousif Yehia war in der Wissenschaft, also in der Forschung. Und in den Tagen, als diese Flüssigkeit bei uns im Haus war, war Yousif Yehia auch in Bocina.«

Das ehemalige Wohnhaus von Yehia Yousif. Der Sohn hatte hier, ergab eine Razzia, Chemikalien und Anleitungen zum Bau von Bomben aufbewahrt. Die Kenntnisse dafür hat der mittlerweile abgeschobene Sohn Omar 2001 in einem islamistischen Ausbildungslager in Pakistan erworben.

Mehrere Hundert Rückkehrer aus solchen Schulen und aus dem Dschihad, so schätzen Experten, leben in Deutschland.

O-Ton, Berndt Georg Thamm, Terrorismusexperte:

»Diese Gruppe ist hochgefährlich. Es sind Kriegsveteranen. Sie sind erfahren im Umgang mit Waffen, mit Sprengstoffen, haben gelernt kleine Kriege, also Guerillakriege zu führen und sind durchaus willens und auch bereit letztendlich, sich selber im Extremfall zu opfern.«

Halten wir fest: Auf deutschen Servern finden sich Rezepte für Flüssigsprengstoff, und Islamisten in Deutschland können damit umgehen. Doch darüber schweigen unsere Behörden.

aus der Sendung vom

Mo, 14.8.2006 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:Ulrich Neumann
Fritz Schmaldienst
Anton Maegerl
Kamera:Jürgen Ludwig
Oliver Lück
Schnitt:Jörg Hommer