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SENDETERMIN Mo, 24.7.2006 | 21:43 Uhr | Das Erste

Pillen-Krieg Wie die Pharmalobby günstige Preise verhindert

Es geht um die Pharmaindustrie. Es geht um den Verdacht, dass diese Industrie unser Gesundheitssystem mit Medikamenten schröpft, die ihr Geld nicht wert sind. Im Klartext, mit Medikamenten Kasse macht, die zwar teurer, aber nicht besser sind als die Günstigen.


Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein hat das heiße Eisen jetzt angepackt. Der Vorsitzende spricht davon, in den, so wörtlich, Krieg gegen die Pharmaindustrie zu ziehen. Beate Klein berichtet.


Bericht:


Routinekontrolle für Rosemarie Krautwig bei ihrem Hausarzt. Sie leidet seit Jahren unter chronischem Sodbrennen, muss dauerhaft Magen-Darm-Medikamente einnehmen. Ihr Arzt kann unter hunderten Präparaten auswählen, eine schwierige Entscheidung.


O-Ton, Dr. Oliver Funken, Facharzt für Allgemeinmedizin:


»Also wir haben natürlich eine sehr diffuse Informationslage. Wir haben sehr viele Informationen von der Pharmaindustrie, die sicher geschönt sind auf die Produkte hin.«


Deswegen hat Oliver Funken seit Anfang des Jahres eine Empfehlungsliste von seiner Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Darauf stehen Medikamente, die er meiden soll, weil die teurer, aber nicht besser seien. Ein bundesweit einmaliges Projekt.


O-Ton, Dr. Oliver Funken, Facharzt für Allgemeinmedizin:


»Ich persönlich empfinde sie als eine Bereicherung, weil sie mir einfach an dieser Stelle einiges an Denkarbeit abnimmt. Weil dahinter ein fundiertes Wissen ist, dass einfach klar sortiert, dass es sich hierbei um Scheininnovationen handelt.«


Experten nennen diese Mittel auch Analogpräparate. Knapp neunzig davon stehen auf der Liste der KV Nordrhein. Etwa Blutdruck- und Allergiemittel, Cortisonpräparate. Für Krankheiten, die weit verbreitet sind.


Zusammengestellt hat diese Liste Professor Schwabe. Professor für Pharmakologie an der Universität Heidelberg. Der unabhängige Experte analysiert seit Jahrzehnten den deutschen Arzneimittelmarkt und das Verordnungsverhalten der Ärzte. Er hat nach klaren Kriterien ausgewählt, welche Medikamente auf die Liste kommen,


O-Ton, Prof. Ulrich Schwabe, Pharmakologe Universität Heidelberg:


»Sie sind genauso gut von der Wirkung her, da ist überhaupt kein Unterschied. Das einzige Kriterium, dass sie auf der Liste nun erschienen sind, dass sie mehr kosten als genauso gute Präparate die schon vorher auf dem Markt sind.«


Oliver Funken muss sich nach der Liste richten, laut Vertrag zwischen Ärzten und Krankenkassen im Bezirk Nordrhein. Verschreibt er zu viele Mittel von der Liste, droht ihm Regress.


Deswegen bekommt auch Rosemarie Krautwig ein günstigeres Medikament.



O-Ton:

»Haben Sie irgendwelche Einbußen gehabt durch die Umstellung der Medikamente?«



O-Ton:

»Nein gar nicht. Also nach wie vor mit meinem Hustenreiz hat sich also sehr gebessert, also fast überhaupt kein Husten mehr, und die Medikamente sind eigentlich gleich.«


Der Sparkurs wirkt. Laut Kassenärztlicher Vereinigung liegen die Ausgaben bis Mai fünf Millionen Euro unter dem Vorjahresniveau. Bundesweit, so Schätzungen, könnten 1,5 Milliarden Euro eingespart werden. Allein im Bereich der Analogpräparate. Die Krankenkassen haben großes Interesse an diesem Spareffekt, der Ton gegenüber der Pharmaindustrie wird schärfer.


O-Ton, Wilfried Jacobs, Vorsitzender des Vorstandes AOK Rheinland/Hamburg:


»Wenn es richtige Innovationen gibt, zahlt die Krankenkasse die. Aber dann müssen es auch richtige Innovationen sein. Keine Scheininnovationen, wo nichts besser ist für die Patienten. Wo nur als einzige Innovation der Preis hoch ist, und das ist keine Innovation, das ist eine Unverschämtheit.«


Mit massivem Druck brachten die Kassen die Ärzte in Nordrhein dazu, dieses Modell zu unterstützen und in den Clinch mit der Pharmaindustrie zu gehen. Das hat es vorher so noch nicht gegeben.


O-Ton, Dr. Leonhard Hansen, Vorsitzender Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein:


»In der Tat hat es auch bis dato keiner gewagt, das zu tun. Weil er wusste, dass er zu diesem Zeitpunkt, salopp gesagt, in den Krieg mit der Pharmaindustrie zieht. Und wir haben jetzt einfach gesagt, so kann es nicht weitergehen. An der Stelle kann vernünftigerweise gespart werden, und dann wollen wir das auch.«


Und tatsächlich, die Herstellerfirmen laufen Sturm gegen die Arzneimittelliste der KV Nordrhein. Ärzte wie Dr. Mülleneisen werden täglich mit Briefen bombardiert: Man solle doch gemeinsam gegen die Liste kämpfen. Wir fragen beim Bundesverband der Pharmahersteller nach, wie sie die Ablehnung der Liste begründen.


O-Ton, Henning Fahrenkamp, Hauptgeschäftsführer Bundesverband Pharmazeutische Industrie e. V.:


»Wir bewerten diese Vereinbarung als relativ problematisch, weil sie zwei Aspekte hat. Zum einen ist es der Eingriff in die Therapiehoheit des Arztes, zum anderen in den Wettbewerb der Arzneimittelhersteller untereinander.«


Inzwischen klagen 14 Unternehmen dagegen, dass ihre Medikamente auf der Liste stehen. Wir wollten von Ihnen wissen, wie sie den Gang vor Gericht begründen. Die Argumente ähneln sich: Ihr Präparat stehe zu Unrecht auf der Liste, heißt es da. Wir lesen auch, das Präparat sei eine wichtige Innovation. Die Auswahlkriterien: nicht nachvollziehbar.


Für den Wissenschaftler ist das nicht stichhaltig.


O-Ton, Prof. Ulrich Schwabe, Pharmakologe Universität Heidelberg:


»Für diese Liste haben wir alle Präparate, die da drauf sind, haben wir nicht nur die Preise nachgeguckt, sondern wir haben natürlich auch die aktuelle Datenlage nachgeguckt.«


Professor Schwabe verweist darauf, er habe alle Erkenntnisse aus verfügbaren Studien in seine Bewertung der Medikamente einbezogen. Und wohl auch deswegen versuchen die Firmen bei den Ärzten Stimmung zu machen gegen die Liste. Es gehe doch schließlich um ihre Therapiefreiheit.


O-Ton, Dr. Norbert K. Mülleneisen, Lungenfacharzt:


»Das ist Unsinn. Die Therapiefreiheit habe ich, und die war auch nie gefährdet. Sondern worum es geht, ist die Information zu kriegen über austauschfähige, preiswertere Produkte. Und wenn die Pharmafirma mit großen Krokodilstränen um die Therapiefreiheit weint, aber ihre eigene Produkthoheit meint, und ihren eigenen Gewinn meint. Denen geht es nur um ihren Gewinn.«


Und der sinkt im Bereich der KV Nordrhein. Die Versicherten können sich freuen, so bleibt ihr Beitrag zumindest stabil, ohne Nachteile.


O-Ton: »So ist eigentlich dann jedem mit gedient, wenn man es vertragen kann.«


Und wie reagieren die Gerichte? Das Landessozialgericht Nordrhein-Westfahlen hat in zwei Fällen gegen die Pharmahersteller entschieden. Aber der Streit um die austauschfähigen Medikamente wird wohl noch Jahre weitergehen. Immerhin, der Anfang ist gemacht.

aus der Sendung vom

Mo, 24.7.2006 | 21:43 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:Beate Klein
Kamera:Werner Bachor,
Oliver Lück,
Uwe Mülle
Schnitt:Annette Bohr