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Text des Beitrags Ärztepfusch vertuscht

Wie Mediziner Dokumente fälschen, um ihre Kunstfehler zu verheimlichen

Erst pfuschen, dann vertuschen? Und was bleibt, ist eine verzweifelte Mutter mit einem Kind, das sein restliches Leben an einem schweren Behandlungsfehler leiden wird?

Arzt "korrigiert" Akte

Arzt "korrigiert" Akte (nachgestellte Szene)

Ach, ginge es in der Wirklichkeit doch so patientenorientiert zu wie in der eben gesehenen Sachsen-Klinik – das deutsche Gesundheitssystem hätte einige Probleme weniger. Genau in dieser Woche befasst sich der Deutsche Bundestag mit dem sogenannten Patientenrechtegesetz.

REPORT MAINZ wollte schlicht wissen, was kommt da auf uns zu? Hält das Gesetz, was der Name verspricht, nämlich den Patienten zu ihrem Recht zu verhelfen? Bei seinen Recherchen zu diesem Thema ist Achim Reinhardt auch auf den Fall der schon gesehenen verzweifelten Mutter gestoßen. Wie beides zusammenhängt, das sehen Sie jetzt.

Bericht:

Babybrei für den kleinen Linus. Vor acht Monaten ist er zur Welt gekommen. Eigentlich ein gesundes Kind. Doch in der Wuppertaler St. Anna-Klinik ist ein schlimmer Fehler passiert. Linus bekommt Augentropfen, die viel zu hoch dosiert sind. Mit einem Auge wird er wohl nie wieder sehen können.

Mirjam Ordowski

Mirjam Ordowski

O-Ton, Mirjam Ordowski:

»Da bricht erst mal eine Welt für einen zusammen. Man erfährt, dass dem Kind die Augen verätzt worden sind, es gehen einem Millionen Fragen durch den Kopf: Das arme Kind, was muss das für Schmerzen gehabt haben?«

Die Geburtsklinik hat sich bei Linus‘ Eltern jetzt entschuldigt und zugegeben, dass bei der Behandlung ein Fehler unterlaufen ist. Nicht nur bei Linus, auch bei zwei weiteren Babys.

Schuld daran soll ein Oberarzt sein. Er hat von der Augenärztin das Rezept für die Augentropfen bekommen, sollte sie bei der Klinikapotheke bestellen. Doch als er das Rezept abtippt, gibt er wohl bei einer Zutat statt Milligramm aus Versehen Gramm ein. Ein kleiner Schreibfehler mit großer Wirkung. Die Dosis ist tausendfach zu hoch, den Babys werden die Augen verätzt.

O-Ton, Mirjam Ordowski:

»Das ist so unnötig, sag ich mir. Also wegen einer Schlamperei, dass so was passiert. Das ist so unnötig. Ich weiß ja gar nicht, was auf das Kind noch zukommen wird, das ist eigentlich ein zerstörtes Leben.«

Die Polizei untersucht die Klinikakten. Und macht dabei einen merkwürdigen Fund: Zwei verschiedene Versionen des Rezepts für die Augentropfen. Das Originalrezept der Augenärztin – mit der korrekten Angabe in Milligramm, und das Rezept, das der Oberarzt angeblich bekommen haben will. Hier fehlt das „m“ für Milligramm.

Eine Fälschung, glauben die Ermittler. Sie sind überzeugt: Der Oberarzt hat im Nachhinein die Patientenunterlagen gefälscht, um seinen Fehler zu vertuschen. Der Arzt will sich dazu lieber nicht äußern.

Oberstaatsanwalt Wolf-Tilman Baumert sieht hier eine hohe kriminelle Energie des Oberarztes.

Wolf-Tilman Baumert

Wolf-Tilman Baumert, Oberstaatsanwalt Wuppertal

O-Ton, Wolf-Tilman Baumert, Oberstaatsanwalt Wuppertal:

»Nach unserer Auffassung hat er hier die Aktenlage manipuliert, ganz offenbar, um von seinem Fehlverhalten abzulenken. Das Motiv dürfte in der Angst vor Bestrafung liegen.«

Erst pfuschen, dann vertuschen. Kommt das häufiger vor in deutschen Krankenhäusern und Arztpraxen? Frisieren Ärzte, Pfleger und Klinikpersonal gezielt Patientenakten, um Behandlungsfehler zu verschleiern?

Rechtsanwalt Marcel Vachek vertritt viele Patienten, die Opfer von Arztfehlern sind. Immer öfter stößt er in den Akten auf Ungereimtheiten.

Marcel Vachek

Marcel Vachek, Fachanwalt für Medizinrecht

O-Ton, Marcel Vachek, Fachanwalt für Medizinrecht:

»Es ist ein Problem, was häufig auftritt, wir sind oft damit konfrontiert in einer Vielzahl von Fällen. Leider gelingt uns oft nicht der Nachweis, weil es einfach ist, Patientenakten zu fälschen, aber den Nachweis zu erbringen, das ist schwer.«

Rosemarie Kessler kämpft mit Hilfe ihres Bruders schon seit zwei Jahren um eine Entschädigung. Ihr linker Arm musste amputiert werden, und sie wird wohl nie wieder laufen können. Alles wegen eines Sturzes mit schweren Knochenbrüchen, sagt sie, die im Krankenhaus zu lange nicht behandelt wurden.

Rosemarie Kessler

Rosemarie Kessler

O-Ton, Rosemarie Kessler:

»Mein ganzes Leben ist anders, weil ich den Arm nicht mehr habe und jetzt also komplett hundertprozentig auf Hilfe angewiesen bin, auf Pflegepersonal.«

In der Klinik in Oberstdorf sei sie beim Gang zur Toilette schwer gestürzt, sagt sie. Und das, obwohl zwei Schwestern dabei gewesen seien, die sie hätten halten müssen. Die Pflegerinnen hätten den Sturz nicht gemeldet. Deswegen seien die Frakturen tagelang unentdeckt geblieben – mit schlimmen Folgen. Doch das zu beweisen ist schwer.

Denn Klinik und Versicherung weisen die Vorwürfe zurück. Im Pflegebericht steht: „Patientin ausgerutscht aus dem Bett.“ Merkwürdig nur, dass dieser Eintrag so aussieht, als sei er nachträglich erst in eine Lücke reingequetscht worden.

Frage: "Patientin ausgerutscht aus dem Bett". War das so?

O-Ton, Rosemarie Kessler:

»Nein, das war nicht so. Auf dem Weg zur Toilette haben mich zwei Schwestern fallen lassen.«

Gerhard Kessler

Gerhard Kessler, Bruder

O-Ton, Gerhard Kessler, Bruder:

»Ja, es ist eigentlich eine ganz klare Lüge, wenn die behaupten, dass sie im Bett ausgerutscht ist.«

Die Versicherung erklärt jetzt auf Anfrage, sie bedaure den tragischen Krankheitsverlauf und bietet eine außergerichtliche Geldzahlung an.

Kreative Buchführung bei den Krankenakten – für Opfer von Ärztepfusch ein massives Problem. Denn die Patienten müssen für eine Entschädigung Ihrem Arzt den Fehler erst mal nachweisen können. Die Versuchung zu betrügen ist für Ärzte und Klinikpersonal groß, stellt der Bundesverband der Verbraucherzentralen fest.

Susanne Mauersberg

Susanne Mauersberg, Bundesverband Verbraucherzentrale

O-Ton, Susanne Mauersberg, Bundesverband Verbraucherzentrale:

»Die Beweislast liegt in der Regel zu hundert Prozent beim Patienten, während die Beweismittel, die Dokumentation die ärztliche, zu hundert Prozent auf Seiten des Arztes sind. Und wenn natürlich ein Behandlungsfehler vorgekommen ist, dann kann man jetzt natürlich sagen, also den Tatort überlässt man erst mal dem Täter, dass der all seine Spuren beseitigen kann, und dann kommt danach die Spurensicherung.«

Opfern von Behandlungsfehlern will die Bundesregierung jetzt helfen – mit diesem neuen Gesetz. Es soll die Patientenrechte stärken und 2013 in Kraft treten.

Zu den Patientenakten heißt es hier: Berichtigungen und Änderungen von Eintragungen (…) sind nur zulässig, wenn der ursprüngliche Inhalt erkennbar bleibt.

Doch wer hält sich dran? Was hilft das gegen die Fälschung von Krankenakten? Das hätten wir gerne die zuständigen FDP-Minister Bahr und Leutheusser-Schnarrenberger gefragt. Doch die geben dazu kein Interview.

Der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach, hält das Gesetz für ein politisches Placebo.

Karl Lauterbach

Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitspolitischer Sprecher Bundestagsfraktion

O-Ton, Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitspolitischer Sprecher Bundestagsfraktion:

»Auf jeden Fall werden die Patientenakten weiter gefälscht werden. Weil dort gibt es weder höhere Strafen, noch gibt es also höhere Dokumentationspflichten, noch gibt es Alternativen für den Patienten, zu seinem Recht zu kommen, wenn die Unterlagen unvollständig sind oder manipuliert, also eigentlich ist an diesen Problemen gar nichts geändert worden.«

Schlecht für Opfer von Arztfehlern wie Linus. Denn sie haben nicht nur unter dem Pfusch zu leiden, sondern auch schlechte Chancen, zu ihrem Recht zu kommen.