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SENDETERMIN Mo, 5.10.2009 | 22:00 Uhr | Das Erste

Pflege-TÜV absurd Warum die ersten Bewertungen von Pflegeheimen völlig nutzlos sind

Eigentlich hatte die Idee Charme. Ein sogenannter Pflege-TÜV benotet Pflegeheime. Endlich bekommt man so eine wichtige Entscheidungshilfe in die Hand, schließlich gibt es mehr als 10.000 Pflegeheime in Deutschland.

Die Idee also gut. Aber wie steht es mit der Ausführung? Demnächst werden die ersten Prüfberichte veröffentlicht, doch unser Pflegeexperte Gottlob Schober schlägt Alarm.

Aber der Reihe nach: Beginnen wir mit der Suche einer Tochter nach einem Pflegeheim für ihre Mutter.


Bericht:

Christa Kessler sucht einen neuen Pflegeheimplatz für ihre demenzkranke Mutter. Trotz größtmöglicher Sorgfalt bei der Auswahl: In der Vergangenheit gab sie ihre Mutter schon zweimal in Einrichtungen, wo sie mit der Pflegequalität völlig unzufrieden war.


O-Ton, Christa Kessler:

"Ja, in dem ersten Pflegeheim ist meine Mutter mit Psychopharmaka behandelt worden, ohne mein Wissen. Darauf habe ich sie in ein anderes Pflegeheim gegeben, aber dort wurde sie auch stark vernachlässigt."



Inzwischen misstraut Claudia Kessler den vielen Hochglanzprospekten und der Selbstdarstellung der Einrichtungen. Sie will jetzt unbedingt wissen, was ist ein gutes Heim, was ist ein schlechtes. Für das Wohl ihrer Mutter hofft sie auf den Pflege-TÜV.

In den nächsten Wochen steht die Veröffentlichung der ersten Schulnoten für Pflegeheime an. Eins ist „sehr gut“, fünf ist „mangelhaft“.

Basis dieser Schulnoten sind Prüfergebnisse des Medizinischen Dienstes. Vergangene Woche durften wir Kontrolleurin Claudia Köhler vom MDK Rheinland Pfalz ausnahmsweise bei einer unangemeldeten Heimprüfung begleiten.

Diese Patientin ist 103 Jahre alt. Sie ist dement, muss viel liegen. Bei schlechter Pflege besteht die Gefahr, dass sich die Bewohnerin wund liegt. Deshalb schaut Claudia Köhler ganz genau hin.


O-Ton:

"Anheben. Bewegen. Bisschen eingesteift."


Auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung zu sein. Weitere Untersuchungen im Intimbereich will Claudia Köhler ohne die Kamera später durchführen.

In anderen Pflegeheimen aber stellte der MDK Rheinland Pfalz große Mängel fest. Trotzdem mussten die Prüfer genau diesen Einrichtungen gute Noten attestieren. Über diesen krassen Widerspruch wurde vergangen Freitag der MDK-Verwaltungsrat informiert.

Beispiel 1: Diese Einrichtung kommt auf ein Gesamtergebnis von 2,8. Also befriedigend. Was Heimplatzsuchenden vorenthalten wird:

Der MDK hält die Versorgung der Bewohner für nicht sichergestellt. Zwei von 13 untersuchten Versicherten hatten einen Dekubitus, also ein Druckgeschwür, ohne dass ausreichende Maßnahmen zur Vermeidung ergriffen worden wären.

Eine extrem unterernährte und damit abgemagerte Versicherte hatte die verordnete hochkalorische, also sehr reichhaltige Nahrung, nur teilweise erhalten.

Andreas Peifer ist Mitglied des MDK-Verwaltungsrats. Er ist schockiert.


O-Ton, Andreas Peifer, MDK Rheinland-Pfalz Verwaltungsrat:

"Es kann keinem zu Pflegenden zugemutet werden, dass er in einer solchen Pflegeeinrichtung gepflegt wird. Die Pflege ist in wesentlichen Bereichen mangelhaft. Und das muss dazu führen, dass eine solche Pflegeeinrichtung mit mangelhaft/ungenügend bewertet wird."


Beispiel zwei: Dieses Pflegeheim kommt sogar auf die Note 1,5. Also fast sehr gut. Was der Öffentlichkeit vorenthalten wird: Aufgrund von Pflegefehlern entstand unter anderem bei einem von zehn untersuchten Versicherten ein Dekubitus, der zu einem längeren Krankenhausaufenthalt führte. Ein anderer Bewohner verlor in kurzer Zeit deutlich an Gewicht, ohne dass die Einrichtung darauf reagierte.


O-Ton, Andreas Peifer, MDK Rheinland-Pfalz Verwaltungsrat:

"Die tatsächliche Pflegequalität wird durch die Transparenzkriterien eindeutig verschleiert. Aus unserer Sicht stellt dieses eine große Volksverdummung dar."


Wie kann es dazu kommen? Schon im Februar hatte REPORT MAINZ die Auswahl der Kriterien für den Pflege-TÜV kritisiert. So kann zum Beispiel ein nicht sachgerechter Umgang mit Medikamenten durch regelmäßige Mitarbeiterschulungen ausgeglichen werden.

Noch-Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hatte bei der Reform der Pflegeversicherung im vergangenen Jahr unter anderem die Pflegekassen, die Kommunen, die Heimbetreiber selbst und den Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen, kurz MDS, mit der Erstellung der Kriterien beauftragt.

Und ausgerechnet MDS-Geschäftsführer Peter Pick verteidigt die Transparenzkriterien bis heute. Er ignoriert damit die massive Kritik von MDKs auf Landesebene.


O-Ton, Peter Pick, Geschäftsführer MDS:

"Wir gehen davon aus, dass die Ergebnisse, die Qualitätssituation in der Einrichtung sehr sauber abbilden."





Wir konfrontieren Peter Pick mit unseren Rechercheergebnissen aus Rheinland-Pfalz. Er zeigt sich überrascht, obwohl er in diesem Verfahren die fachliche Verantwortung seitens aller Medizinischen Dienste trägt.

Frage: Wie beurteilen Sie das?


O-Ton, Peter Pick, Geschäftsführer MDS:

"Also noch mal. Wir betreiben eine Evaluierung dieses Verfahrens. Wir haben um entsprechende Beispiele gebeten. Sie liegen uns nicht vor. Es werden alle Bewertungen transparent gemacht. Es werden alle Bewertungen dargestellt werden, und von daher gilt es wirklich jetzt diese Beispiele wirklich uns konkret vorzulegen, damit man sie überprüfen kann."


Nach uns vorliegenden Informationen wurden dem MDS die Beispielfälle aus Rheinland-Pfalz schon längst vorgelegt. Diese Recherche bestätigt auch der Geschäftsführer des MDK im Saarland, Jochen Messer.


O-Ton, Jochen Messer, MDK Saarland:

"Herr Dr. Pick muss die Situation kennen. Die Ergebnisse sind geliefert worden von allen MDKen. Mitte September waren sie zu liefern, die liegen vor. Und insofern ist für mich unverständlich, dass man jetzt noch diese Auffassung hat."


Die schlechteste seit Juli im Saarland geprüfte Einrichtung schloss mit der Gesamtnote 3,1 ab.


O-Ton, Jochen Messer, MDK Saarland:

"Und das ist eine Einrichtung, bei der die Pflegekassen und die Heimaufsicht die Schließung betreiben, weil eine Gefährdung der Bewohner nachgewiesen wurde. Das ist für mich eine dramatische Situation, ein krasser Widerspruch zwischen dem, was unsere Fachkräfte vorfinden, und dem, was die Noten widerspiegeln. Und hier ist ganz ganz dringender Handlungsbedarf für die Menschen, die sich darauf verlassen wollen und es auch sollen."


Abmoderation Fritz Frey:

Idee gut, Ausführung mangelhaft. Wer immer nach Ulla Schmidt das Gesundheitsministerium leiten wird, hier wartet Arbeit.

aus der Sendung vom

Mo, 5.10.2009 | 22:00 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Gottlob Schober
Kamera:
Jan Kreutz
Thomas Schäfer
Schnitt:
Zsuzsa Döme
Sprecher:
Gottlob Schober