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SENDETERMIN Mo, 16.3.2009 | 21:45 Uhr | Das Erste

Jammern auf hohem Niveau Wie die Kassenärztlichen Vereinigungen die Situation der Ärzte schlecht rechnen

In unserer letzten Sendung haben wir gezeigt, wie manche Ärzte Vorkasse von ihren Patienten gefordert haben. Gesundheit gegen Bares. Und das war nur einer von vielen Auswüchsen einer Reform, die das Gute wollte, doch die ins Chaos führte. Die Reform der Arzthonorare.

Wir sind dran geblieben am Thema. Eric Beres berichtet.

Bericht:

Stuttgart, vergangenen Mittwoch. Ärzte kommen zu einer Protestveranstaltung vorgefahren.

Frage: Ganz kurze Frage, Sie gehen wahrscheinlich auch zur Veranstaltung?

O-Ton:

»Ja, mit den Ärzten.«

Frage: Warum sind Sie hier?

O-Ton:

»Weil die Situation im Gesundheitswesen so ist, dass sie unerträglich ist.«

Frage: Wie ist sie für Sie persönlich?

O-Ton:

»Sehr unerträglich.«

Es gehe ihnen immer schlechter, klagen die Ärzte schon seit Wochen.

Frage: So langsam geht es ans Eingemachte, oder?

O-Ton:

»Ja klar. So ist es.«

Frage: Was können Sie sich jetzt nicht mehr leisten?

O-Ton:

»Ach, also, Urlaub oder so, das machen wir schon noch. Ja, aber...«

Frage: Wo geht’s da hin?

O-Ton:

»Ich komme gerade aus Brasilien.«

Von der Copacabana in die Schleyerhalle. Zu Tausenden haben sich Ärzte aus Baden-Württemberg versammelt.

Auf dem Podium neben den Funktionären: Norbert Metke, Orthopäde aus Stuttgart. Er ist Sprecher der Fachärzte.

O-Ton, Norbert Metke, Orthopäde:

»Das Opfer ist primär der Arzt, da er gezwungen wird, weniger an den Patienten weiterzugeben, in der Hoffnung der Politik, dass er es halt dann sonst wie seit dreißig Jahren auch noch mal umsonst tut. Bloß jetzt kann er es nicht mehr.«

Der Arzt – das Opfer? Wir erinnern uns: Im Februar zeigt REPORT MAINZ, wie Ärzte in Baden-Württemberg Kassenpatienten unter Druck setzen, zeitweise sogar Vorkasse von ihnen verlangen.

O-Ton:

»Sie sind nicht kostendeckend, manche.«

REPORT berichtet auch von den Honorarsteigerungen für die Ärzte. Bundesweit von 2007 auf 2009: 3 Milliarden Euro mehr.

Doch die Botschaft in Stuttgart ist ein andere.

O-Ton:

»Das Opfer ist primär der Arzt.«

Passend dazu präsentiert Metke eine Horrorzahl: 25 Prozent weniger Honorar im Vergleich zu 2008. Merkwürdig: Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat gerechnet. Für Baden-Württemberg kommt sie nur auf ein Minus von 3,4 Prozent.

Hat sich Metke verrechnet? Seine Zahlen, sagt er, würden stimmen. Doch er bezieht sich nur auf bestimmte Facharztgruppen und auch nur auf einen Teil der Honorare. Auf das so genannte Regelleistungsvolumen, die Pauschalen pro Quartal. So kommt er auf die minus 25 Prozent.

Für Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitspolitiker, eine eigenwillige Rechnung.

O-Ton, Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitspolitiker:

»Die Absenkung der Regelleistungsvolumina um 25 Prozent, die Metke hier also beklagt, das ist ein Taschenspielertrick. Weil Metke weiß ganz genau, dass das Einkommen der Ärzte nicht nur aus dem Regelleistungsvolumina besteht, und andere Honoraranteile sind gestiegen.«

Tatsächlich können Ärzte neben den Pauschalen oft noch kräftig hinzuverdienen, etwa mit Vorsorgeuntersuchungen. Aber das passt nicht zu seiner Botschaft. Die wird noch erstaunlicher, wenn man die Honorare nicht wie Metke mit dem Jahr 2008, sondern mit 2007 vergleicht.

So wie es auch für die Ärztevertreter Verhandlungsgrundlage war. Und da wird für Baden-Württemberg aus einem Minus plötzlich ein Plus von 2,5 Prozent! Grund: Deutliche Honorarsteigerungen für die Ärzte im Jahr 2007.

Wir fragen Norbert Metke, warum er nicht mit den Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung rechnet.

O-Ton, Norbert Metke, Orthopäde:

»Ich habe gesagt, diese Zahlen haben keine Realität zur Versorgung in Stuttgart-Mitte in einem Wartezimmer von 2000 Patienten. Das habe ich gesagt. Und mehr sage ich nicht.«

Kein Wunder: Ein Plus von 2,5 Prozent passt eben nicht zur Botschaft dieses Tages.

O-Ton:

»Das Opfer ist primär der Arzt.«

Ortswechsel: Mainz, Kassenärztliche Vereinigung. Sie verteilt das Geld an die Ärzte in Rheinland-Pfalz. Die bekamen schon vor einem Jahr deutlich mehr Honorar. Allein 1,5 Prozent mehr, weil ihnen die Kassenärztliche Vereinigung 20 Millionen Euro an Sonderzahlungen gegönnt hat. Aus Rücklagen.

O-Ton, Günter Gerhardt, Vorsitzender Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz:

»Das war Honorar, nicht ausgezahltes Honorar, was wir nicht brauchten, zum Beispiel für ein Mehr an Praxen, weil es die nicht gab. Und in dem Moment müssen wir dieses Honorar eins zu eins auszahlen. Und das haben wir gemacht. Und sonst nix.«

Der Regionalchef der AOK sieht den Geldsegen kritisch. Seine Vermutung: Die Sonderzahlungen der Kassenärztlichen Vereinigung hatten rein strategische Gründe.

O-Ton, Walter Bockemühl, Vorstandsvorsitzender AOK Rheinland-Pfalz:

»Damit hat man, wenn man so will, tabula rasa gemacht. Man hat sich praktisch finanziell nackt ausgezogen, umso mehr dann zu fordern, wir brauchen 2009 mehr Geld.«

In Stuttgart fordern sie schon mehr Geld. Abstimmung für einen größeren Anteil aus dem Topf der Beitragszahler. Und Norbert Metke droht schon mal: Für Kassenpatienten jetzt Wartelisten und weniger Leistungen. In den Monaten bis zur Bundestagswahl.

O-Ton, Norbert Metke, Orthopäde:

»Selbstverständlich politisieren wir die Wartezimmer. Ja was denn sonst, wenn’s nicht mehr geht. Ja, was denn sonst!«

Botschaft angekommen. Ärzte sind die Opfer. Das sollen jetzt auch die Patienten endlich verstehen.

aus der Sendung vom

Mo, 16.3.2009 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Eric Beres
Gottlob Schober
Kamera:
Andreas Deinert
Julia Preuschel
Robert Rosenzweig
Kai Wiehagen
Schnitt:
Frank Schumacher