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SENDETERMIN Mo, 22.12.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Stasi-Methoden bei der Telekom Neue Einblicke in eine Konzernstrategie ohne Skrupel

Apropos Zumwinkel. Der Herr soll ja nicht nur Steuern in Millionenhöhe am Finanzamt vorbeigeschleust haben. Er begegnet uns auch bei der Spitzel-Affäre der Telekom wieder. Seit Monaten ermittelt die Staatsanwaltschaft Bonn unter anderem auch gegen ihn: Klaus Zumwinkel.

Vor wenigen Tagen ist ein Hauptverdächtiger in Untersuchungshaft genommen worden. Es kommt also Bewegung in die Affäre. Ulrich Neumann und Gottlob Schober wurden jetzt vertrauliche Unterlagen zugespielt. Protokolle von den Sitzungen des Aufsichtsrates, interner Mail-Verkehr und vieles andere mehr. Die Konturen dieser Affäre, sie werden deutlicher. Doch der Reihe nach.

Bericht:

Die Telekom Zentrale in Bonn. Seit Monaten ist der Konzern in den Negativ-Schlagzeilen. Es ist der Mega-Skandal in der bundesdeutschen Geschichte. Mit geheimdienstlichen Methoden geplant und systematisch umgesetzt. Der Staatsanwalt:

O-Ton, Fred Apostel, Staatsanwaltschaft Bonn:

»Es ist schon sehr gravierend, was passiert ist. Und das ist für uns auch in gewisser Hinsicht natürlich auch Neuland.«







Die Anwälte vieler Ausspähopfer, zwei ehemalige Bundesminister.

O-Ton, Prof. Herta Däubler-Gmelin, ehem. Bundesjustizministerin:

»Es ist schon unglaublich, wie viel Aufwand da getrieben wurde, um die Vertreterinnen und Vertreter von Arbeitnehmern in Aufsichtsräten und in Betriebsräten zu bespitzeln.«






O-Ton, Gerhart R. Baum, ehem. Bundesinnenminister:

»Es hat eine Kultur der Bespitzelung und der Überwachung gegeben, die ich nicht für möglich gehalten hätte.«








REPORT MAINZ zugespielte konzerninterne Akten der Telekom über den Ausspähskandal. Es sind vertrauliche und sogar streng vertrauliche Papiere des Unternehmens: Aufsichtsratsprotokolle, Befragungsprotokolle, interner Mailverkehr bis in die Spitze hinein. Sie enthüllen die jahrelange kriminelle Energie einiger Mitarbeiter des Konzerns.

Der Hauptverdächtige: Der vor wenigen Tagen verhaftete Klaus-Dieter Trzeschan. So könnte er nach uns vorliegenden Beschreibungen aussehen. 2005 erhält er den Auftrag nach einem internen Leck im Unternehmen zu suchen. Konzerninterne Informationen gelangen damals immer wieder an die Öffentlichkeit.

Trzeschan wird unter anderem zur Last gelegt, dass er systematisch Verbindungsdaten, vor allem von Gewerkschaftern und einigen Journalisten, ausgespäht habe.

Das heißt, aus unzähligen Verbindungsdaten hat er die der Zielpersonen herausfiltern lassen. Der Konzern konnte so feststellen, wer hat wann, mit wem, wie lange telefoniert. Ob auch mitgelauscht wurde, weiß man bis heute nicht. Das muss jetzt die Staatsanwaltschaft klären.

Wer ist dieser Mann? Klaus-Dieter Trzeschan war ein Mitarbeiter der mittleren Unternehmenshierarchie. Seine Zeugnisse weisen eher mäßige Leistungen aus. Wie kann jemand aus der mittleren Hierarchie den Mega-Skandal verursachen?

Der ehemalige Bundesinnenminister und Opferanwalt, Gerhart Baum, bewertet die Rolle von Klaus-Dieter Trzeschan im Telekom-Konzern so:

O-Ton, Gerhart R. Baum, ehem. Bundesinnenminister:

»Herr Trzeschan hat eine ausführende Rolle gespielt. Er war in gewisser Hinsicht eine Marionette, die von anderen bewegt worden ist. Er hat sich sehr geschmeichelt gefühlt, dass er von ganz oben beauftragt worden ist unter Umgehung aller sonstigen Weisungsstränge. Er fühlte sich sehr geschmeichelt und hat dann versucht dieses Vertrauen zu rechtfertigen und dabei hat er eine erhebliche kriminelle Energie entwickelt.«

Klaus-Dieter Trzeschan also eine Marionette? Wer zog dann die Fäden? Erkenntnisse darüber finden wir in den streng vertraulichen Akten des Konzerns.

Demnach wurde Trzeschan 2005 vom damaligen Vorstandsvorsitzenden, Kai-Uwe Ricke, und dem damaligen Aufsichtsratschef, Klaus Zumwinkel, direkt beauftragt, die undichte Stelle im Konzern zu finden. Beide bestreiten eine Verwicklung in die Affäre.

Laut Akten aber hat Zumwinkel Klaus-Dieter Trzeschan außerdem zu absolutem Stillschweigen verpflichtet. Zu den Kernfragen des Skandals schweigt Trzeschan bei den konzerninternen Vernehmungen.

Ging es bei dieser Affäre wirklich nur darum, eine undichte Stelle im Konzern zu finden? Erkenntnisse von REPORT MAINZ lassen anderes vermuten.

Er ist ein Opfer der Telekom. ver.di-Vorstand Lothar Schröder ist einer von 60 Ausgespähten. Fast alle sind Gewerkschafter. Deren Verbindungsdaten wurden systematisch ausspioniert.

Lothar Schröder war 2005 stellvertretender Aufsichtsratschef von T-Mobile. Neue Erkenntnis der laufenden gewerkschaftsinternen Aufarbeitung: Bespitzelt wurde fast immer während heißer Tarifauseinandersetzungen.

O-Ton, Lothar Schröder, ver.di-Vorstand:

»Die Feststellung ist, dass die handelnden Akteure, die bespitzelt wurden, für die Bespitzelungszeiträume immer wieder feststellen, mein Gott, das war gerade dann, als ich diese oder jene Gespräche geführt habe, als die oder jene schwierige Verhandlung lief. Jetzt mag das ein Zufall sein, aber die Häufigkeit, mit der derartiges auftritt, die macht schon hellhörig.«

Auch Rolf Büttner war 2005 und 2006 Opfer der Telekom-Spitzelei. Dabei hatte er mit der Telekom gar nichts zu tun. Rolf Büttner war damals ebenfalls ver.di-Vorstand und stellvertretender Aufsichtsratschef der Post. Ausgespäht wurde er beispielsweise im August 2005.

O-Ton, Rolf Büttner, Ex-ver.di-Vorstand:

»Es ging damals um Tarifautonomie und wir haben sozusagen einen Generalstreik im Postkonzern vorbereitet. Ich stand damals in inhaltlichen Kontakten mit dem damaligen Bundeskanzler Schröder und mit dem Bundesfinanzminister Hans Eichel. Das fällt alles in diesen Zeitrahmen hinein.«


Rolf Büttner stellt sich jetzt die Frage, ob bei ihm nur die Verbindungsdaten ausgespäht wurden.

O-Ton, Rolf Büttner, Ex-ver.di-Vorstand:

»Also es gab Merkwürdigkeiten: Ein Einbruch in meinem Büro in Bingen, ein Einbruch in meinem ver.di-Büro in Berlin und ein Einbruch in meiner Wohnung in Berlin. Das alles an einem Tag.«

Konrad Freiberg, Chef der Gewerkschaft der Polizei, hat sich mit den Vorfällen beschäftigt. Er glaubt nicht an Zufälle. Seine Einschätzung:
O-Ton, Konrad Freiberg, Vors. Gewerkschaft der Polizei:

»Natürlich muss man die Einbrüche, die ja wirklich sehr, sehr eigenartig sind, da glaube ich nicht an Zufälle, die müssen unter diesem Gesichtspunkt geprüft werden, von der Vorgehensweise des Täters dabei. Und ich glaube, dass hier natürlich ein Zusammenhang bestehen kann, ohne Zweifel.«

O-Ton, Prof. Herta Däubler-Gmelin, ehem. Bundesjustizministerin:

»Man kann sich ja kaum vorstellen, dass es hier nur um das Sammeln von Verbindungsdaten geht, sondern wir befürchten, dass es da Weiterungen gibt!«

Kernfragen des Mega-Skandals sind nach wie vor ungeklärt: Wer hat die Verbindungsdaten erhalten? Wer hat sie benutzt und wozu? Wurden Gespräche abgehört? Und welche Gewerkschafter anderer Konzerne sind außerdem noch betroffen?

O-Ton, Gerhart R. Baum, ehem. Bundesinnenminister:

»Ich kann mich eigentlich an keine vergleichbaren Skandale erinnern und ich gehe davon aus, dass wir erst die Spitze des Eisbergs sehen.«

Abmoderation Fritz Frey:

Uns gegenüber beteuert die Telekom, der Missbrauch von Daten sei durch nichts zu rechtfertigen. Man unterstütze die Aufklärungsarbeit der Staatanwaltschaft ausdrücklich.

aus der Sendung vom

Mo, 22.12.2008 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Ulrich Neumann
Gottlob Schober
Kamera:
Andreas Deinert
Udo Lachnit
Thomas Schäfer
Schnitt:
Zsuzsa Döme
Sprecher:
Gottlob Schober