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SENDETERMIN Mo, 22.12.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Qual in der Manege? Zirkus Krone in der Kritik

„Afrika im Herzen“ – ein Titel, der auch zu den Hauptdarstellern unseres ersten Beitrages passt. Guten Abend zu REPORT MAINZ. Es geht um Elefanten und Flusspferde. Aber eben nicht im fernen Afrika, sondern hier bei uns: Es geht um Zirkustiere. Und auf so manchem Zirkus lastet die Frage, wie er mit seinen Tieren umgeht.

Die ist berechtigt: Der Bundesrat fordert von der Regierung seit Jahren ein Gesetz, das Zirkustiere schützt. Bislang vergebens.

Wir haben uns bei Deutschlands größtem Zirkus, dem Zirkus Krone, umgesehen. Sie ahnen es, wenn dort alles in Ordnung gewesen wäre, würden wir nicht berichten. Das aber tun jetzt Monika Anthes und Edgar Verheyen.

Bericht:

Akrobatik, Raubtiere, Glamour. Beim Zirkus Krone zählen nur Superlative. Auch in Sachen Tierschutz präsentiert sich der Zirkus gerne als Vorzeigeunternehmen.

In seinem jüngsten Prospekt heißt es, man sei eine „moderne Arche Noah“. Und „für vorbildliche Pflege und Unterbringung der Krone-Tiere erhielt Christel Sembach-Krone die Goldene Ehrennadel des Tierschutzvereins München“.

Wir fragen nach und treffen dort auf Erstaunen. Der Vorsitzende Kurt Perlinger ist geradezu entsetzt über diese Werbung mit seinem Verein.

O-Ton, Kurt Perlinger, Vorsitzender Tierschutzverein München:

»Also vom Tierschutzverein München gibt es keine Ehrennadel in Bezug auf die Tierhaltung. Sie ist ausschließlich personenbezogen, verliehen für die Mitgliedschaft. Und wenn ich das hier so lese, werden wir dies in nächster Zeit richtig stellen.«



Das saubere Image des Zirkus Krone – alles nur Lug und Trug? Abseits der Manege haben Tierschützer der Tierrechtsvereinigung Peta den Zirkus genauer unter die Lupe genommen und dokumentierten dramatische Missstände. Traurige Elefanten an Ketten, Stunden lang schaukeln sie hin und her, das sogenannte Weben. Pferde ohne Auslauf in engen Boxen. Ein einsames Flusspferd in einer kleinen Wanne. Das Herdentier wird nur mitgeführt, um es zur Schau zu stellen.

O-Ton, Andrea Müller, Tierschutzvereinigung Peta:

»Wie haben eklatante Missstände vorgefunden. Dieser Zirkus hält einen großen Teil seiner Tiere sogar unterhalb der gesetzlichen Mindestanforderungen. Das bedeutet, die Pferde leben in viel zu kleinen Boxen. Für das Pferd als Lauftier eine eklatante Bewegungseinschränkung.«



Auf seiner Internetseite bezeichnet der Zirkus diese Form der Tierhaltung als „geradezu luxuriös“. Von einem „Fünfsterne-Pferdestall“ ist sogar die Rede.

Doch nicht nur Tierschützer, auch zahlreiche Amtstierärzte kritisieren die Zustände im Zirkus. Ordnungsverfügungen, Bußgeldverfahren werden eingeleitet. Der Vorwurf: Mängel in der Unterbringung und der Pflege der Tiere.

Beanstandungen gab es zum Beispiel in Bad Kreuznach im Juni. Nach einer Routinekontrolle stellte die Kreisverwaltung Bad Kreuznach einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz fest. „Die Pferde werden durchweg unter Bedingungen gehalten, welche nicht den Vorgaben an eine artgerechte Pferdehaltung genügen.“ Und weiter unten heißt es:

Zitat:

»Die vorgefundenen Pferdeboxen sind gravierend zu klein.«

Wir treffen die zuständige Amtstierärztin. Schon mehrfach hat sie beim Zirkus Krone Verstöße gegen die sogenannten Zirkusleitlinien zur Tierhaltung festgestellt.

O-Ton, Dr. Barbara Rustige, Amtstierärztin Bad Kreuznach:

»Wir haben mehrere kleine Zirkusbetriebe, für die wir auch zuständig sind, und wir fordern die Einhaltung dieser Leitlinien ein. Und ich war überrascht, dass in dem Zirkus Krone, das also wirklich ein Vorzeigeunternehmen ist, dass die dort so unterschritten waren. Das sind also Mindestwerte, die nicht unterschritten werden dürfen, denn dann leiden die Tiere.«


Frage: Ist das Tierquälerei?

O-Ton, Dr. Barbara Rustige, Amtstierärztin Bad Kreuznach:

»Das ist Tierquälerei. Ja.«

Doch damit nicht genug. Vor dem Amtsgericht Darmstadt geht es im kommenden Januar um ähnliche Vorwürfe: die Haltung der Pferde, des Flusspferds, aber vor allem die Versorgung und Pflege der Elefanten.

Ein Bußgeldbescheid gegen Christel Sembach-Krone über 2.500 Euro wurde verhängt. „Dagegen hat sie Widerspruch eingelegt. Der Grund: Mängel in der Haltung der Elefanten“. Sie seien mittels „Fußfesseln fixiert“ gewesen. Vier Tiere zeigten „Verhaltensauffälligkeiten in Form des Webens“. Ein Elefant sei während der Vorführung sogar zu „einem Kopfstand motiviert“ worden.

Wir zeigen die Bilder einem ausgewiesenen Elefantenexperten. Dr. Fred Kurt, seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Zirkustieren.

O-Ton, Dr. Fred Kurt, Elefantenexperte:

»Ja, das ist ganz schlimm. Die sind verdreht.«

Frage: Verdreht?

O-Ton, Dr. Fred Kurt, Elefantenexperte:

»Die sind verdreht. Durchs dauernd Angekettetstehen sind sie völlig missbildet.«

Frage: Können Sie mir zeigen, was Sie meinen?


O-Ton, Dr. Fred Kurt, Elefantenexperte:

»Der hier zum Beispiel. Sehen Sie diesen Absatz hier? Da kann die Sohle nicht mehr auflegen. Dann hat man eben das Gefühl, sie seien geschwollen, und oben sind sie sehr mager. Das ist jetzt Weben. Das ist Weben im fortgeschrittenen Zustand. Weben ist, im Grunde genommen, nur das Symptom eines tief greifenden seelischen Krankheitsgeschehens, also dass sie einfach nicht mehr fähig sind, da plötzlich mit Stress fertig zu werden.«

Und dann zeigen wir Bilder aus einer Vorstellung in Hannover. Heimlich gedrehte Aufnahmen.

O-Ton, Dr. Fred Kurt, Elefantenexperte:

»Das hier, das ist jetzt die Tierquälerei. Die beste Werbung für einen Zirkus ist, wenn er stolz sagen kann: Jetzt habe ich keine Elefanten mehr.«

Wir hätten gerne mit dem Zirkus über diese schweren Vorwürfe gesprochen, doch ein Interview wird abgelehnt mit dem Hinweis, wir möchten uns an die zuständige Aufsichtsbehörde wenden. Das ist die Münchener Kreisverwaltung. Dort fragen wir an.

Eine Woche später kommt Bewegung in die Angelegenheit. Das Amt organisiert ein Krisentreffen mit Veterinären aus ganz Deutschland.

O-Ton, Horst Reif, Stadtdirektor München:

»Wir haben uns intensiv ausgetauscht, sind konkrete Ergebnisse auch herausgekommen. Zum Beispiel was die Pferde betrifft. Größere Boxen, vermehrte Auslaufzeiten. Ein Pferdetrainer wird eingestellt. Bei den Elefanten geringere Ankettungszeiten, verkürzte Waschzeiten der Elefanten, was auch immer ein Problem offensichtlich gewesen ist.«


Erst auf Druck verspricht Zirkus Krone nachzubessern. Jahre lang ist nichts passiert. Deutschlands größter Zirkus also alles andere als ein Vorzeigebetrieb. Beim Tierschutz mehr Schein als Sein.

Abmoderation Fritz Frey:

Übrigens: Am nächsten Freitag kommen hier im Ersten „Stars in der Manege“ – aber eben nicht mit einer Elefantendressur. Die hat „Tatort“-Kommissarin Simone Thomalla abgesagt – wegen der Missstände bei der Elefantenhaltung. Eine gute Entscheidung.

Wie schwierig es war, dieses Thema zu recherchieren, davon erzählen unsere Autoren im Kollegengespräch, unter www.reportmainz.de.

aus der Sendung vom

Mo, 22.12.2008 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

AutorInnen:
Monika Anthes
Edgar Verheyen
Kamera:
Marcel Henke
Robert Rosenzweig
Gerald Volp
Schnitt:
Roland Roßner
Sprecherin:
Monika Anthes