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SENDETERMIN Mo, 7.4.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Unternehmen verletzen die Intimsphäre ihrer Mitarbeiter Totale Überwachung

Guten Abend zu REPORT MAINZ. Lidl und die Stasi-Methoden. Die Supermarktkette auch heute bei der Schadensbegrenzung. Alle Kamerasysteme seien jetzt abgebaut. Gut so.

Aber, so haben wir uns gefragt, ist die totale Überwachung von Arbeitnehmern nur eine Lidl-Spezialität? Wie sieht es in anderen Unternehmen aus? Uns wurden jetzt Bilder von Überwachungskameras zugespielt, die aus einer ganz anderen Branche kommen. Es geht um Tönnies-Fleisch. Das ist keine kleine Klitsche, sondern Europas größter Fleischverarbeiter. Beliefert werden unter anderem Lidl und Aldi. Nach den Recherchen von Oliver Heinsch und Adrian Peter machen die Überwachungskameras von Tönnies auch vor dem Umkleiderbereich und den Toiletten nicht halt. Doch der Reihe nach.


Bericht:

Clemens Tönnies, ein Mann mit guten Freunden aus Film und Fußball. Ein Mann mit Beziehungen. Für seinen Fußballklub, Schalke 04, hat er in Russland Millionen locker gemacht. Und ein Mann mit Geld.

Tönnies ist Europas größter Fleischverarbeiter. Hier von Rheda-Wiedenbrück aus beliefert Tönnies Discounter wie Aldi und Lidl. Über 3.000 Menschen schlachten und verarbeiten hier Fleisch. Die meisten sind Billigarbeitskräfte. Irgendwo in Osteuropa von Subunternehmern angeheuert. Menschen, die für wenig Geld extrem hart arbeiten.

Und auf die hat Tönnies ein genaues Auge. Die gesamte Fabrikation ist lückenlos kameraüberwacht. Doch die Überwachung geht noch weiter.

Diese Bilder sind REPORT MAINZ zugespielt worden. Einfache Computerausdrucke, die brisantes zeigen. Videoaufnahmen aus dem Umkleidebereich. Gefilmt von Tönnies Überwachungskameras. Wir zeigen die Fotos deutschen Bürokräften von Tönnies, die nicht erkannt werden wollen. Sie bestätigen eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung im Umkleidebereich.


O-Ton, nachgesprochen:

»Auf diesen Fotos sind die Damenumkleiden der Firma Tönnies zu sehen. Ganz eindeutig. Die Überwachung erfolgt wegen Fleischdiebstählen der Mitarbeiter, die teilweise aus reinem Hunger Fleischabfälle stehlen.«

Vor dem Werkstor erfahren wir: Manche haben schon von der Überwachung im Umkleidebereich gehört. Wehren können sie sich nicht.


O-Ton:

»Ja das ist schon sehr unangenehm, man weiß ja nicht, wer sich das alles anschaut.«


O-Ton:

»Die behaupten, das ist gegen Diebstähle, aber wir werden beim Raus- und Reingehen doch sowieso ständig kontrolliert.«


O-Ton:

»Das ist nicht in Ordnung, weil doch eigentlich jeder ein Recht auf eine Privatsphäre hat.«


Wir berichten dem Kölner Arbeitsrechtler Ulrich Preis vom Fall Tönnies. Er sagt: Schon am Arbeitsplatz sei die lückenlose Überwachung nicht legal. Im Umkleidebereich hätten Kameras grundsätzlich nichts zu suchen.


O-Ton, Prof. Ulrich Preis, Arbeitsrechtler, Uni Köln:

"Wir Arbeitsrechtler wissen seit langem, dass in der Fleischbranche harte Arbeitsbedingungen herrschen, aber dies scheint mir schon sehr extrem zu sein. Man könnte fast den Eindruck haben, Vieh und Mensch wird auf eine Stufe gestellt. Diese permanente Videoüberwachung ist eindeutig unzulässig."


Und die lückenlose Überwachung der Mitarbeiter geht bei Tönnies offenbar noch weiter. Mehrere Büromitarbeiter der Firma bestätigen uns, dass die Überwachung keineswegs im Umkleidebereich endet.


O-Ton, nachgesprochen:

"Es wird auch auf den Toiletten überwacht! Und zwar so, dass rund um die Uhr die Kameras angestellt sind, es gibt also überhaupt keine Privatsphäre."


O-Ton, nachgesprochen:

"Die Kameras sind oben in den Deckenpanelen eingebracht, in den Lücken. Die sind nicht zu erkennen, es sei denn man weiß es. Die Beobachtung auf der Toilette zeichnet alles auf, was da gemacht wird, urinieren, auch ganz andere, sehr intime Sachen. Das wird alles gefilmt."


Bei den Arbeitskräften von Tönnies stößt dieser Vorwurf auf ungläubiges Entsetzen.


Frage: Sie arbeiten ja bei Tönnies. Was sagen Sie denn dazu?


O-Ton :

"Ich bin schockiert jetzt gerade."


O-Ton:

"Das mit den Umkleiden habe ich ja gehört, aber auf den Toiletten, das darf doch gar nicht wahr sein."


Wir hätten Clemens Tönnies gerne mit den Vorwürfe konfrontiert. Doch der Mann, der seine eigene Privatsphäre gerne sorgsam schützt, wollte vor der Kamera nicht Stellung beziehen. Stattdessen erhalten wir eine schriftliche Antwort in der Tönnies die Videoüberwachung teilweise einräumt und mit Hygienekontrollen begründet.

Überwacht werden danach:


Zitat:

"Garderobenräume, (…) keinesfalls aber Dusch- oder Umkleidekabinen.
(...)
In allen Fällen erfolgt die Überwachung durch sichtbare Kameras.

Die Arbeitnehmervertreter sind ebenfalls informiert und haben diesem System ausdrücklich zugestimmt."


Merkwürdig nur: Laut Gewerkschaft gibt es bei Tönnies weder einen Betriebsrat noch eine sonst wie gesetzlich legitimierte Arbeitnehmervertretung.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte kann es kaum fassen, als wir ihm von den Vorwürfen berichten. Für ihn würde selbst eine Einwilligung der Arbeitnehmer die Überwachung keinesfalls rechtfertigen.


O-Ton, Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz:

"Gerade im Arbeitsleben gibt es nur einen sehr schmalen Grad, wo Einwilligungen wirksam sind. Gerade weil der Arbeitnehmer vielfach abhängig ist, ist eine solche Einwilligung eben faktisch doch unfreiwillig. Und insofern würde das auch keine Rechtsgrundlage für eine solch weitgehende Erhebung darstellen."


Lückenlose Kontrolle. Eine schamlose Fleischbeschau der ganz anderen Art. Arbeitskräfte, die sich gegen die Überwachung nicht wehren können.
Für den Datenschutzbeauftragten wären solche Praktiken ein krasser Datenschutzverstoß und sogar eine Straftat.


O-Ton, Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz:

"Dieser Intimbereich ist besonders geschützt, und wenn hier heimliche Spanneraufnahmen sogar noch von der Unternehmensleitungen durchgeführt werden, dann ist das nicht nur moralisch sondern auch rechtlich zu verurteilen und entsprechend zu sanktionieren."

aus der Sendung vom

Mo, 7.4.2008 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Oliver Heinsch
Adrian Peter
Kamera:
Ishah Ciray
Ingo Manske
Schnitt:
Jonathan Schaider