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SENDETERMIN Mo, 29.10.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Bei Geldanlage abgezockt? Das Geschäft mit erneuerbaren Energien

Darüber wie dreiste Unternehmen versuchen, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen, berichten wir in REPORT MAINZ immer wieder. Dieses Mal geht es um das Geschäft mit Energie, genauer gesagt, mit sogenannter „grüner Energie“. Geothermie, lautet das Stichwort, Wärmeenergie aus dem Erdinneren.

Da tritt mit Green Energy ein Unternehmen auf den Plan, das mit solchen Hochglanzprospekten Geld bei uns einsammelt, um ein Geothermiekraftwerk bauen zu können. Ob es dabei mit rechten Dingen zugeht? Sie ahnen es, wir haben da unsere Zweifel.

Monika Anthes erklärt, warum.

Bericht:

Seit vielen Jahren setzt sich Holger Berlin für den Ausbau alternativer Energien ein, investiert in ökologische Geldanlagen. 2006 stößt er auf ein Angebot der Firma Green Energy. Das Unternehmen wirbt für die Investition in den Bau eines Erdwärmekraftwerks.

O-Ton, Holger Berlin:

»Wir sind hier in der Nähe von Gorleben, da ist man alternativen Energien zur Atomkraft sehr aufgeschlossen. Und Geothermie ist die Sache, die Green Energy anbietet, die sehr neu war und interessant und spannend ist.«

72 Seiten Hochglanzprospekt mit unzähligen Argumenten. Danach soll im pfälzischen Hagenbach ein Erdwärmekraftwerk entstehen. Auf den ersten Blick klingt das Projekt vielversprechend.

So wie in dieser Anlage im nahe gelegenen Landau verspricht Green Energy, heißes Wasser aus rund 3.000 Meter Tiefe hoch zu pumpen und dann zur Stromerzeugung zu nutzen.

Holger Berlin zögert. Doch im Februar 2007 ist er überzeugt. Insgesamt investiert er rund 80.000 Euro in den Fonds. Er vertraut den Versprechungen von Green Energy. Doch was steckt dahinter?

Wir fahren in die Gemeinde Hagenbach. Auf diesem Feld hätte das Kraftwerk entstehen können. Doch außer Mais ist weit und breit nichts zu sehen.

Vor der Verbandsgemeindeverwaltung treffen wir Bürgermeister Reinhard Scherrer, zeigen ihm die Pläne von Green Energy in seiner Gemeinde und ernten Erstaunen.

O-Ton, Reinhard Scherrer, Bürgermeister Verbandsgemeinde Hagenbach:

»Die Firma Green Energy kennen wir überhaupt nicht. Sie waren weder vorstellig bei mir noch im Hause. Und sie haben sich auch nicht nach Grundstücken erkundigt. Für uns sind sie behördlich überhaupt nicht bekannt.«

Und es geht noch weiter. Im Prospekt wird auf einen Vertrag über die schlüsselfertige Erstellung eines Geothermiekraftwerkes mit der Lentjes GmbH und der Erdwerk GmbH verwiesen. Beide Firmen erklären jedoch gegenüber REPORT MAINZ, dass sie keine Verträge über den Bau eines Kraftwerks mit Green Energy abgeschlossen haben.

Erdwerk schreibt:

Zitat:

»Einen solchen Vertrag hat es zu keinem Zeitpunkt gegeben.«

Auf unsere Nachfrage gibt Green Energy zu, dass solche Verträge nicht bestehen. Die Formulierung im Prospekt sei wohl etwas missverständlich.

Für den Bau eines Kraftwerks braucht man außerdem eine Bohrgenehmigung, das sogenannte Bergrecht. Für Hagenbach wird es vom Oberbergamt in Saarbrücken vergeben. Auch hier kennt man Green Energy nicht. Die Behörde erklärt gegenüber REPORT MAINZ: Das Bergrecht liegt bei einer Firma namens Altafide.

Keine Verträge über den Bau eines Kraftwerks, kein Grundstück, keine Bohrrechte, viele offene Fragen. Der Mann hinter Green Energy ist Dr. Matthias Michael. In Sachen Geothermie ein unbeschriebenes Blatt.

Wir fahren nach Hannover, zur Firmenzentrale. Ein Interview vor der Kamera bekommen wir nicht. Statt dessen ein Hintergrundgespräch. Danach sei die Firma Altafide Schuld an der Misere. Durch diesen Vertrag habe sich Altafide verpflichtet, die Bohrrechte auf Green Energy zu übertragen. Außerdem sollte Altafide ein Grundstück kaufen und die Bohrung vorbereiten. Doch dazu kam es nie.

Zwischen den beiden Firmen entbrannte bereits im Sommer 2005 ein Streit um die Bezahlung. Der landete im September 2006 vor dem Landgericht Hannover. Fakt ist: Das Projekt in Hagenbach kam von Anfang an nicht in Gang. Doch Holger Berlin erfährt davon nichts.

O-Ton, Holger Berlin:

»Zu Problemen in Hagenbach wurde nie in Gesprächen etwas ausgesagt. Dass eine Bohrung überhaupt nicht stattfinden konnte oder dass es Verzögerungen gab, wurde nie argumentiert.«

Wurden Anleger bewusst getäuscht? Wir treffen einen ehemaligen Mitarbeiter. Aus Angst will er nicht erkannt werden. Er zeigt uns Schulungsunterlagen der Finanzvermittler von Green Energy. In einem dieser Schreiben heißt es zu der Frage, ob das Risiko, bei der Bohrung kein Wasser zu finden, abgesichert wurde:

Zitat:

»Das Fündigkeitsrisiko wird durch die Münchener Rück, durch eine Fündigkeitsversicherung ausgeschlossen.«

In der Zentrale der Münchener Rück weiß man davon jedoch nichts. Der Konzern schreibt an REPORT MAINZ.

Zitat:

»Es gibt bis heute keine Vereinbarung zwischen einer Gesellschaft der Münchener-Rück-Gruppe und der Firma Green Energy.«

Auf unsere Nachfrage räumt Green Energy ein, man habe bisher noch keine Versicherung. Für Holger Berlin eine Farce.

O-Ton, Holger Berlin:

»Zum Schluss wurde dann 2007 noch gesagt, durch die ja vorhandene Versicherung sei das Ganze jetzt noch viel sicherer, und man sollte doch jetzt investieren.«

Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover. Kurz vor unseren Dreharbeiten haben Beamte die Geschäftsräume von Green Energy durchsucht.

O-Ton, Manfred Knothe, Staatsanwaltschaft Hannover:

»Wir gehen dem Verdacht nach, dass die Verantwortlichen der Firma Green Energy Gelder von Kapitalanlegern zweckwidrig verwendet haben könnten. Dass es nicht, wie vorgegeben, für die Durchführung von Erdwärmekraftwerken verwendet worden ist, sondern zweckwidrig für private Zwecke.«

In ein Kraftwerk in Hagenbach wird das Geld jedenfalls nicht fließen.

O-Ton, Holger Berlin:

»Ich fühle mich betrogen, weil ich die falschen Informationen bekommen habe, Informationen, die nicht mehr stimmen, die eigentlich schon lange, lange bekannt waren, dass es so nicht mehr funktionieren kann.«

Bessere Informationspflichten für Anleger, das fordert auch die EU-Kommission. Sie hat in der Finanzmarktrichtlinie geregelt, dass Anleger von geschlossenen Fonds besser geschützt werden. Doch Deutschland hat diese Richtlinie nur unvollständig umgesetzt. Sie tritt in dieser Woche in Kraft, doch die Bundesregierung hat den Anlegerschutz verwässert.

O-Ton, Prof. Thomas Möllers, Universität Augsburg:

»Wir hätten uns nicht nur gewünscht, sondern erwartet, dass er europäisches Recht umsetzt. Das heißt, Verbraucherschutz und Anlegerschutzrecht umsetzt, die geschlossenen Fonds in das Wertpapierhandelsgesetz aufnimmt und damit dem umfangreichen Pflichtenkanon auch den geschlossenen Fonds... auf die geschlossenen Fonds anwendbar macht.«

Zu diesen Pflichten gehört, zum Beispiel, dass Anleger zeitnah über Veränderungen informiert werden. Danach hätte Green Energy Holger Berlin und allen anderen Anlegern sagen müssen, dass das Projekt in Hagenbach stockt. Wenn er das gewusst hätte, hätte er gar nicht investiert.

Diese Informationspflichten gelten aber bis heute nicht. Anlegerschutz, für die Bundesregierung offenbar zweitrangig. Warum das so ist, das wollte uns der zuständige Finanzminister Peer Steinbrück nicht erklären. Weder im Interview noch schriftlich.

Unzählige Kleinanleger wie Holger Berlin werden weiterhin von der Bundesregierung allein gelassen. Und Green Energy sammelt weiter munter Geld ein. Jetzt für ein Projekt in Bayern.

aus der Sendung vom

Mo, 29.10.2007 | 21:45 Uhr

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