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SENDETERMIN Mo, 17.9.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Drangsaliert und ausgebeutet Heimkinder klagen an

Guten Abend zu REPORT aus Mainz. Wir beginnen mit einem Thema, von dem wir finden, dass es endlich in die breite Öffentlichkeit gehört. Worum geht es?

Zeitreise zurück in die fünfziger, sechziger Jahre, Deutschland im Wiederaufbau. Jeder, der zupacken kann, wird gebraucht. Also auch Heimkinder. Mehr als eine halbe Million gibt es damals von ihnen, untergebracht sind sie in so genannten Fürsorgeheimen.

Dass es in diesen Einrichtungen damals anders zuging als in vergleichbaren heute, versteht sich von selbst. Aber die systematische Ausbeutung von Heimzöglingen als billige Arbeitskräfte, sehr zur Freude übrigens von namhaften deutschen Firmen, das wurde allzu lange verschwiegen. Thomas Dauser hat einen Mann getroffen, der den Mut hat, vor unserer Kamera zu reden.

Bericht:

Es ist ein Weg, der Wolfgang Focke viel Kraft kostet. Zögling 5051 war er damals, Ende der sechziger Jahre im westfälischen Landeserziehungsheim Benninghausen.

O-Ton, Wolfgang Focke, ehemaliges Heimkind:

»Schon wie ich in Benninghausen ankam, in das Dorf, schlagartig die Stimmung auf null.«






Frage: Warum?

O-Ton, Wolfgang Focke, ehemaliges Heimkind:

»Ja, weil das alles wieder hoch kommt, was man hier uns mit uns gemacht hat an Unrecht.«

Geschlagen wurde er hier, erzählt Wolfgang Focke. Geschlagen von Erziehern. Vergewaltigt von älteren Jugendlichen. Sein Vater hatte ihn krankenhausreif geprügelt. Seine Mutter sich eher für andere Männer interessiert, sagt Wolfgang Focke.

So landete er immer wieder im Heim. Mit 16 kam er nach Benninghausen, zur Fürsorgeerziehung. Und Erziehung hieß arbeiten. Die Erzieher eskortierten ihre Zöglinge hierher. Hier stand früher eine Baracke, in der mussten sie containerweise Autolampen montieren. Sechs Tage die Woche, am Fließband.

O-Ton, Wolfgang Focke, ehemaliges Heimkind:

»Man durfte nicht sprechen, selbst wenn ein Missgeschick passiert war und der Nachbar vielleicht noch an die Schraube rangekommen wäre, man hat sich nicht gewagt zu sagen: Gib mir mal die Schraube. Und dann saß einem der Erzieher sofort im Nacken, und ohne Vorwarnung kriegte man dann ein paar auf den Kopf.«

Frage: Schläge?

O-Ton, Wolfgang Focke, ehemaliges Heimkind:

»Ja, man hatte nicht zu sprechen. Wir waren da, hat man uns immer wieder eingeschärft, zum Arbeiten und nicht zum Sprechen.«

Geld, sagt Wolfgang Focke, Geld hat er damals nicht bekommen. Keinen Pfennig. Auch Gerald Hartford war in einem Heim, wegen Arbeitsbummelei. Er hatte seine Lehre abgebrochen. Jahrzehnte später, als er das erste Mal seine Heimakte zu Gesicht bekam, entdeckte er darin ein ärztliches Gutachten.

O-Ton:

»Die Augen sind in Ordnung. Die Zähne sind in Ordnung. Wie beim Pferd, beim Pferd da gucken die auch die Zähne an.«

Gerald Hartford, voll arbeitsfähig. Als 16-Jähriger musste er im Heim Metallfedern in Matratzen einschrauben, Autoscheinwerfer zusammenbauen.

O-Ton, Gerald Hartford, Ehemaliges Heimkind:

»Wir wurden dazu gezwungen. Wenn man da nicht in der Lampenhalle oder Matratzenbude war, dann wären wir im Bunker gewesen, dass man zu sich selber findet.«



Er hat den Bunker gezeichnet. Mein Leben ist am Ende, hatte ein Vorgänger eingeritzt.

Frage: Wie haben Sie sich da gefühlt?

O-Ton, Gerald Hartford, Ehemaliges Heimkind:

»Alleine gelassen, einsam. Habe die Hoffnung auf Hilfe aufgegeben. Ich kann sagen, ich habe mich auch selbst aufgegeben.«

Arbeitszwang zur Erziehung. Hunderttausende Jugendliche waren, wie Gerald Hartford, in den fünfziger und sechziger Jahren in Westdeutschland im Heim.

Und die Arbeitskraft der Zöglinge war gefragt. Es können bei weitem nicht alle Angebote an Stellen mit Zöglingen besetzt werden, heißt es in alten Heimakten. Hier schreibt ein Heim, dass der Arbeitseinsatz von 45 Jugendlichen in der Industrie jeden Monat 5.000 Mark bringe. Das Geld kommt direkt aufs Heimkonto. Tarif oder tarifähnlicher Lohn wird den Jugendlichen nicht gezahlt.

Auch Anwartschaften für die Sozialversicherung, also Rentenbeiträge, werden grundsätzlich nicht aufrecht erhalten. Niemand hatte damals ein Problem damit. Weder die staatliche Heimaufsicht, noch die Heime selbst. Das Salvator-Kolleg bei Paderborn. Früher gehörte es dem Orden der Salvatorianer. Pater Minas führt in die heutige Lehrschlosserei. Hier ließ der Automobilzulieferer Hella Jugendliche Rücklichter für den VW-Käfer montieren.

O-Ton, Pater Alfons Minas, Salvatorianer:

»Hier, in der Reihe, stand ein Transportband. Die Lampenteile wurden zusammengebaut, und dann wieder hat die Firma Hella sie abgeholt, wenn sie fertig waren.«




Tausende Akten von Heimkindern hängen im Archiv des Heims. Tausende dürften gearbeitet haben für Konzerne wie Hella. Als Pater Minas 1971 Direktor des Heims wurde, kündigte er die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen aus dem westfälischen Lippstadt. Hella sei darüber nicht begeistert gewesen.

O-Ton, Pater Alfons Minas, Salvatorianer:

»Ich denke, dass wir auch finanziell Vorteile davon hatten.«

Frage: Inwiefern?

O-Ton, Pater Alfons Minas, Salvatorianer:

»Ja, dadurch das die Arbeit im Heim, die hier geleistet worden ist, etwas kostengünstiger war, als wenn sie die Arbeit in Lippstadt, in eigener Regie hätten durchführen müssen.«

Frage: Bedeutet das für Sie, dass Hella eine moralische Verpflichtung hätte, die Leute entschädigen müsste?

O-Ton, Pater Alfons Minas, Salvatorianer:

»Mit einen Beitrag zu leisten, dass die Leute entschädigt werden können.«

Etliche Konzerne zählen ehemalige Heimkinder im Internet auf, für die sie arbeiten mussten: große Namen aus dem Wirtschaftswunderdeutschland. Auf Nachfrage von REPORT MAINZ lassen sie wissen, dass es keine Unterlagen mehr aus der Zeit gäbe.

Hella gehört heute zu den größten Automobilzulieferern weltweit. Von der Heimkinderproblematik will man hier allerdings noch nie etwas gehört haben.

O-Ton, Ulrich Köster, Hella-Pressesprecher:

»Diese Ergebnisse und Erkenntnisse sind für uns neu. Deswegen können wir sie auch nicht bewerten.«

Frage: Gibt es da eine moralische Verpflichtung jetzt zu reagieren und unter Umständen auch Entschädigungen zu leisten?

O-Ton, Ulrich Köster, Hella-Pressesprecher:

»Wenn wir Ergebnisse und Erkenntnisse haben, können wir auch dazu Stellung nehmen.«






Es ist ein Spiel auf Zeit. Zeit, die die Heimkinder nicht mehr haben. Sie wollen, dass Staat, Kirchen und Unternehmen gerade stehen für erlittenes Unrecht.

Inzwischen sucht der Petitionsausschuss des Bundestages nach einer Lösung. Doch noch gibt es zu wenig lautstarke Fürsprecher wie Gitta Trauernicht. Die Jugendministerin aus Schleswig-Holstein geißelt das Konzept kirchlicher und staatlicher Heime damals.

O-Ton, Gitta Trauernicht, SPD, Jugendministerin Schleswig-Holstein:

»Das hat in weiten Teilen Menschen entwürdigt, sie ohne Grund in Heime gebracht, ungeeignete pädagogische Mittel angewandt, Menschen gebrochen.«




Jetzt will sie wissenschaftlich aufarbeiten lassen, wie Jugendliche damals in Erziehungsheimen ausgebeutet wurden.

O-Ton, Gitta Trauernicht, SPD, Jugendministerin Schleswig-Holstein:

»Es geht aber auch darum, ganz materiell zu fragen, wie kann man wieder gutmachen. Und diese sehr grundsätzliche Frage der Entschädigung, die muss geklärt werden.«

Entschädigung auch für Wolfgang Focke. Er bekommt im Monat 298 Euro Rente. Ihm fehlen fünf Jahre, die er umsonst arbeiten musste. Und ihm fehlt bis heute die Würde, die ihm genommen wurde im Heim.

Abmoderation Fritz Frey:

Nur vereinzelt haben sich Politiker bislang zu diesem Thema geäußert. Die Jugendministerin aus Schleswig-Holstein, wie eben gehört, oder auch die Grünen. Aber das wird kaum reichen, wenn es beispielsweise um die Einrichtung einer Stiftung geht, die sich um finanzielle Hilfe kümmert.

aus der Sendung vom

Mo, 17.9.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor: Thomas Dauser
Kamera: Werner Hennig, Christian Saal, Thomas Tiersch
Schnitt: Annette Bohr
Sprecher: Thomas Dauser