So gefährlich leben Radfahrer*innen

Bedrängt, geschnitten und beschimpft

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„Man hört das Dröhnen des Motors und weiß, dass gleich ein LKW mit nur wenigen Zentimetern Abstand überholen wird.“ So beschreibt Martin Mücke aus Stuttgart seine Angst. Er pendelt seit rund 10 Jahren mit dem Rad zur Arbeit und hat schon viel erlebt.

Martin Mücke radelt bei Wind und Wetter, von Stuttgart nach Böblingen und wieder zurück. Rund 40 Kilometer täglich. Eigentlich hinterlasse das bei ihm ein super Gefühl. Wären da auf seiner Strecke nicht rund 700 Meter purer Horror, die einiges hochkommen lassen: „Erstmal Angst. Du musst tierisch aufpassen, sehr gut hören und bereit sein, dass etwas passiert.“ Er meint einen Abschnitt im sogenannten Stuttgarter Kaltental. Hier geht der Fahrradweg auf die Straße. Es bleibt insgesamt nur wenig Platz zum Überholen. Dabei ist seit Sommer klar geregelt, dass Autofahrer innerorts 1,50 Meter Abstand halten müssen.

Ein LKW verpasst ihn nur um Haaresbreite

Die Stadt Stuttgart schreibt auf Nachfrage, dass auf einigen Abschnitten im Kaltental ein rechtskonformes Überholen nicht möglich sei. Autofahrer müssten eigentlich hinter den Radfahrern bleiben. Doch oft halten sie sich nicht daran, erzählt Martin Mücke. „Man wird oft sehr knapp überholt und man bekommt wirklich sehr oft Angst. Insbesondere wenn LKWs und Transporter eng überholen.“ Einen solchen Fall hat er auf seiner Fahrradkamera dokumentiert. Ein LKW mit zwei Anhängern rast an ihm vorbei und verpasst ihn nur um Haaresbreite.

Auch deshalb fährt Martin Mücke seit Januar mit einem Sensor am Fahrrad. Dieser misst auf Knopfdruck, wie viel Abstand die Autofahrer tatsächlich lassen. Entwickelt wurde das Gerät ehrenamtlich vom Team des „OpenBikeSensor“ in Stuttgart.

Sensor-Daten sollen Licht ins Dunkel bringen

Es ist eine Open-Source-Entwicklung, also ein offenes Projekt. Jeder kann sich beteiligen, mitentwickeln, die Baupläne herunterladen und es im 3D-Drucker herstellen. Rund 90 Sensoren sind schon in ganz Deutschland unterwegs. Allein 50 in der Region Hannover, wo die Verwaltung auf das Projekt aufmerksam wurde. Die Daten der Sensoren können auf einen zentralen Computer hochgeladen werden.

„Wie wollen diese gefühlte Sicherheit oder Unsicherheit, die jeder Radfahrer und jede Radfahrerin kennt mit Fakten, mit Evidenz, unterlegen. Ich halte das für total spannend und sehr wichtig.“

Es gehe darum etwas zu verändern und Bewusstsein für das Problem zu schaffen, sagt Mitbegründer Thijs Lucas. Momentan sind die Macher von OpenBikeSensor dabei, die ersten Daten auszuwerten.

40 Überholvorgänge - nur einer regelkonform

Martin Mücke, der Fahrradpendler aus Stuttgart, überraschen seine Ergebnisse kaum. Von den gut 40 Überholvorgängen die testweise im Kaltental gemessen wurden, war nur einer regelkonform. In manchen Fällen waren nicht einmal 50 Zentimeter Platz.

So schlimm wie im Kaltental ist es zwar nicht überall, aber der Verkehrsökologe Prof. Dr. Jochen Eckart von der Hochschule Karlsruhe für Technik und Wirtschaft rechnet damit, dass in ganz Deutschland Abstände nicht eingehalten werden. Er hat wissenschaftlich untersucht, wie viel Abstand Autofahrer lassen. Dafür hat er 3.000 Überholvorgänge auf 800 Rad-Kilometer in Karlsruhe und Pforzheim ausgewertet.

Das Ergebnis: Nur die Hälfte aller Autofahrer haben die vorgeschriebenen 1,5 Meter eingehalten. Es seien gerade die Überholvorgänge die extrem viel Stress bei den Radfahrern auslösten, sagt der Wissenschaftler. Es gebe sogar regionale „Überholkulturen“. Aber wie die in ganz Deutschland aussehen, müsse erst noch untersucht werden.

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