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SENDETERMIN Do, 22.11.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Zeitreise Krebsforschung Von Hippokrates bis heute

Krebs gilt als Krankheit, die so lange existiert wie die Menschheit selbst. Die schrittweise Entdeckung seiner Ursachen durch die moderne Medizin begann vor gut 150 Jahren.

Abschnitte eines Tumors für eine histologische Biopsie, daneben eine Büste des Hippokrates

Die Bezeichnung "Krebs" für die Krankheit, an der in Deutschland noch immer jedes Jahr rund 500.000 Menschen erkranken, geht auf den wohl berühmtesten Arzt der Antike zurück: Hippokrates. Mit seinen Schülern untersuchte Hippokrates von Kos (460 bis 370 vor Christus) Geschwüre in verschiedensten Organen. Ihn erinnerten die oberflächlichen Wucherungen in der weiblichen Brust an die Form des Tieres. Viel wusste man allerdings nicht über die Krankheit, und so nahm man auch für Krebs an, dass er aus dem Ungleichgewicht der verschiedenen Körpersäfte wie Blut, Schleim und Galle resultiere. Diese "Humoralpathologie" genannte Annahme über die Entstehung von Krankheiten galt noch jahrhundertelang, bis neue Mikroskope den Blick in die menschlichen Zellen zuließen - und die Krebsmedizin völlig revolutionierten.

"Jede Zelle entsteht aus einer Zelle!"

Diese Erkenntnis stammt vom Pathologen Rudolf Virchows. Heute klingt sie banal, doch um 1860 läutet der Mediziner damit die moderne Krebsmedizin ein: Denn Virchow erkennt, dass Krebszellen nicht neu entstehen und wie Viren oder Bakterien von außen in den Körper gelangen, sondern sich aus gesunden Körperzellen entwickeln. 1858 erscheint seine Schrift "Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre". Sie beweist, dass Krankheitszustände des Organismus auf krankhafte Veränderungen der Körperzellen zurückgeführt werden und löst damit die alte Lehre der Krankheitsentstehungen endgültig ab. 1895 schließlich sorgt eine mehr zufällige Entdeckung dafür, dass schließlich neue Therapien gegen Krebs zum Einsatz kommen.

Stahl, Strahl und Chemo

Wilhelm Conrad Röntgen experimentiert mit Elektronen in einer Vakuumröhre, als er dabei die Strahlen entdeckt, die noch heute seinen Namen tragen. Für die Medizin ist Röntgens Entdeckung sensationell. Schon ein Jahr später ist die Technik weit verbreitet. Patienten werden massenhaft durchleuchtet, Diagnosen so schneller und einfacher gestellt. Die Mediziner entdecken aber auch, dass die Strahlung in höherer Dosis Krebszellen zerstört. Es ist die Geburtsstunde der Strahlentherapie gegen Krebs. Was folgt, ist eine lange, sorglose Periode der Entwicklung von Strahlentherapien, sei es mit Röntgen, Isotopen oder anderen radioaktiven Strahlen. Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren hat die Strahlentherapie Hochkonjunktur. Sie gilt als Segen für die Menschheit im Kampf gegen Krebs - die Folgen der Behandlungen werden erst nach und nach publik.

Eine Frau sitzt vor einem Mikroskop

Der Traum der "Chemotherapia specifica"

Eine andere Therapie begründet Paul Ehrlich. Seine Vision: eine "Chemotherapia specifica". Ehrlich sucht nach Stoffen, die gezielt Krankheitserreger angreifen und nutzt dazu Erkenntnisse aus der Bakteriologie. 1909 entwickelt er schließlich ein Medikament gegen Syphilis. "Salvarsan" war das erste systematisch entwickelte und spezifisch wirkende Therapeutikum, das jemals hergestellt worden war. Ehrlich gilt damit als Begründer der Chemotherapie. Neben der Strahlenbehandlung wird sie zur neuen Waffe gegen Krebs und wird noch heute eingesetzt. Doch auf die Euphorie der Krebsforscher, die fortan Jahrzehnte lang Chemotherapien erforschten, folgte die Ernüchterung: auch die Chemotherapie ist kein Allheilmittel gegen Krebs.

Suche nach Alternativen

In den 1970er Jahren reift die Erkenntnis, dass sowohl die Strahlen- als auch die Chemotherapie leider nicht nur den Krebszellen, sondern auch den gesunden Körperzellen schaden. Die Suche nach Alternativen beginnt. Schon in den 1970er Jahren haben Krebsforscher die Vision, das körpereigene Abwehrsystem gezielt auf Krebszellen anzusetzen. "Könnte man die Krebszelle enttarnen, sie für das Immunsystem des Körpers als Feind kenntlich machen, wäre man auf dem Weg zur Bekämpfung des Krebses, an dem heute noch jeder Fünfte stirbt, ein gutes Stück weiter" heißt es schon 1975 in einem Fernsehbeitrag anlässlich des damaligen Krebskongresses. Doch bis zu den ersten Immuntherapien gegen Krebs sollte es noch dauern.

Viren als Krebsauslöser

Ebenfalls in den 1970er Jahren stellt ein deutscher Krebsforscher eine These auf, für die er damals von seinen Kollegen belächelt wird: Harald zur Hausen hält Viren für mögliche Krebsauslöser. Doch zur Hausen kann seine Kritiker widerlegen und seine Theorie nach Jahrzehnte langer Forschung beweisen: Denn er findet heraus, dass die Gen-Produkte in sogenannten humanen "Papillomviren" tatsächlich den programmierten Zelltod verhindern. Am häufigsten entsteht so Gebärmutterhalskrebs. Zur Hausens Entdeckung führt schließlich zu ersten Impfstoffen gegen Gebärmutterhalskrebs. Seit 2006 werden sie angeboten und vor allem bei jungen Mädchen vor Beginn der sexuellen Aktivität eingesetzt. Harald zur Hausen wird 2008 schließlich mit der höchsten Auszeichnung für Wissenschaftler, dem Nobelpreis für Medizin, geehrt.