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SENDETERMIN Do, 22.10.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Zeitreise Die Heiler kommen

Seit langem flirtet die westliche Gesellschaft mit dem Zauber exotischer Meditations- und Heilslehren. Ein kleiner Rückblick auf das werbewirksame Treiben von Heilern, Gurus und Yogis in Deutschland.

Heilströme in Rosenheim

Erbarmungswürdige Szenen spielen sich 1949 vor dem "Traberhof" bei Rosenheim ab: Junge und alte Menschen harren vor der Wirkungsstätte des Mannes aus, von dem sie Heilung erhoffen:
Bruno Gröning behauptet, seinen von Gott gesandten "Heilstrom" an Kranke und Sieche weiterleiten zu können. Bis zu 30.000 Menschen täglich pilgern daher zu seiner Wirkungsstätte bei Rosenheim. Der Reporter des damaligen Filmberichts kommentiert ungläubig: "Menschen mit jeder Art Gebrechen trauern in stumpfen dumpfen Reihen, und erst wenn Gröning auftaucht, kommt Bewegung in diese Heerschau des Elends…"
Doch der Geistheiler - eigentlich Bauarbeiter und Zimmermann - hatte keine Zulassung nach dem damals gültigen Heilpraktikergesetz, so dass ihm seine weitere Tätigkeit als Heiler untersagt wurde. Gröning verlagerte sein Wirken auf Vortragsreisen.

"Exotik und weltfremde Bewegungen"

Die Sehnsucht der Menschen nach wirkmächtiger spiritueller Führung wird nun verstärkt durch indische und fernöstliche Meditationstechniken befriedigt. Hermann Hesse hatte bereits 1922 in seinem "Siddhartha" den Lesern den Weg eines erleuchtungssuchenden jungen Brahmanen nahegebracht. Yoga wird in den fünfziger Jahren nun schon in einzelnen deutschen Gefängnissen zur Entspannung und Befriedung der Insassen praktiziert. Exotische "Gurus" - spirituelle Lehrer im Hinduismus und Buddhismus - machen nun hierzulande mächtig Effekt, die Medienberichte über sie sind aber noch geprägt von Ironie. Ein SWF-Abendschau-Reporter unkt bei der Betrachtung eines Yogis, der in der Fußgängerzone meditiert: "Ein exotisches Kostüm hilft schon weiter, ein paar weltfremde Bewegungen, meditieren an allen möglichen und unmöglichen Orten und schon fällt man auf." Ein anderer Reporter kommentiert einen Yoga-Kurs: "Heute fährt Svami Def Murti im 220er Mercedes bei Übungs- und Vortragsabenden vor. An Jüngern und Anhängern fehlt es ihm nicht, mit fünf Mark sind sie dabei". Alles scheinheilige Heiler also, die den hart arbeitenden Deutschen ihr Wirtschaftwunder-Geld aus den Taschen ziehen wollen? Das suggeriert der süffisante Ton vieler Medienberichte über "Gurus" und "Yogis" mit eigentümlichem Habitus aus fernen Ländern.

Trend Transzendentale Meditation

Wandgraffiti mit Portraits der Beatles.

Einst die bekanntesten Anhänger Yogis: die Beatles

Der indische Guru Maharishi Mahesh Yogi wird als Begründer der "Transzendentalen Meditation" (TM) in den sechziger Jahren zum Star der Heilerszene. Um geistige Erneuerung geht es ihm, und das zentrale Hilfsmittel seiner Technik ist das "Mantra", ein Wort das "auf natürliche und anstrengungslose Weise zu benutzen sei". Der TM-Meditierende erfahre dadurch innere Stille bei gleichzeitig erhöhter Wachheit. Bei einer Pressekonferenz in Deutschland weiß Maharishi um die besonderen Qualitäten seiner Gastgeber: "Da kreative Intelligenz das Charakteristikum der Deutschen Nation ist, können wir einen völlig kreativen Menschen entwickeln. In Deutschland zuerst und von hier wird das Beispiel sich aus in die Welt ausbreiten." Der Reporter merkt allerdings an, dass Maharishi Yogi selbiges auch über viele andere Nationen zu berichten weiß.
Jedenfalls: Transzendentale Meditation wird zum Hype: Bald pilgern Promis wie die Beatles zu Maharishi Yogis Meditationskursen nach Indien, was auch zu Werbezwecken ausgeschlachtet wird. Da McCartney, Lennon und Co. dort aber nicht zum "kosmischen Bewusstsein" finden, distanzieren Sie sich vom Yogi mit einem Lied: "Sexy Sadie, what have you done, you made a fool of everyone…" Du machst alle zum Trottel, das widmen die Beatles als Abschiedshommage ihrem Guru.

Heilpraktiker gegen Schulmediziner

Doch all das kann den Meditationsboom in den Siebzigern nicht bremsen: Der fernöstliche Groove verspricht ein besseres, freieres Leben: Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen sollen den Geist sammeln und fokussieren: Im Hier und Jetzt sein, frei von quälenden Gedanken sein, Eins-Sein mit sich selbst das sind die in vielen östlichen Kulturen angestrebten Bewusstseinszustände. Die traditionelle chinesische Medizin (TCM), also Massage- und Bewegungsübungen, sowie die Akupunktur erweitern diese spirituellen Übungen um alternative medizinische Heilmethoden. Wiederum geben hier prominente - mitunter spätberufene Gurus - werbewirksame Impulse: Vom Verlagsmanager zum Heilpraktiker und Akupunkteur mutiert Manfred Köhnlechner. Die wachsende Beliebtheit der Heilpraktiker sind gleichzeitig schmerzhafte Nadelstiche für die etablierte westliche "Schulmedizin", die nun mit dem Vorwurf leben muss, Heilungsprozesse zu technisch, kalt und verengt zu betrachten. Ein Reporter fasst die Situation in den frühen achtziger Jahren zusammen: "Heilpraxen schießen wie Pilze aus dem Boden. Was macht die Faszination der Naturheilkunde aus? Warum suchen so viele Menschen Heilpraktiker auf? Ganzheitstherapie - das ist die Marschrichtung des Heilpraktikers. Er nimmt sich den Menschen als Ganzes vor, geht auf seinen Patienten ein, nimmt sich viel Zeit für ihn." Ob bei Ozonbehandlung oder Schröpfen, das Zauber- und Placebomittel "Zuwendung" wird immer mitgeliefert.

Stressreduktion und Selbstoptimierung

Beargwöhnt wird die Übertragung fernöstlicher spiritueller Kultur auf westliche Leistungsgesellschaften aber nach wie vor: Vor allem seit den materiellen 1980er Jahren, so Kritiker, wandelt sich die Suche nach ganzheitlicher Heilung und Sinnstiftung schleichend zum ehrgeizigen Streben nach Selbstoptimierung: Mit Feuerlauf und Power Yoga stählen sich Sinnsucher in harten kapitalistischen Zeiten. Die Sehnsucht nach spiritueller Ganzheitlichkeit und innerem Frieden reduziert sich nun oft auf die geeignete Technik zur Stressreduktion. Die Vermarktung von TCM-, Yoga- und Meditationskunst ist zu einer lukrativen Industrie geworden: Geliefert wird die passende Heilslehre in einer zunehmend individualisierten Konkurrenzgesellschaft: Erfolgreicher Geist in sehnigem Körper. Jeder wird zu seinem eigenen "Ego-Guru".

aus der Sendung vom

Do, 22.10.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.