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SENDETERMIN Do, 9.10.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Mundhygiene Zahnpflege im Altenheim

Früher hatten alte Menschen oft nur wenige Zähne. Heute besitzen Senioren noch mehr eigene, haben Implantate oder aufwendigen Zahnersatz. Die Mundhygiene stellt neue Anforderungen an Altenpfleger und Zahnärzte.

Mit dem Servierwagen zur Zahnbehandlung

Morgens in einem Altenheim warten an diesem Morgen bereits 40 Patienten auf Dr. Ludwig und seine Assistentin. Nach dem Umkleiden wird kurzerhand ein Servierwagen zur zahnärztlichen Basisstation auf Rädern umfunktioniert. Talent zur Improvisation kann bei Hausbesuchen sehr hilfreich sein. Spiegel, Sonden, Desinfektionsmittel, Handschuhe und sogar eine elektrische "Bohrmaschine" für kleine Prothesenreparaturen sind mit an Bord. Erste Patientin an diesem Morgen ist eine alte Dame, die über eine Druckstelle an der Prothese klagt. Dieses Problem kann leicht behoben werden. Die Patientin hat aber ein viel grundsätzlicheres Problem: Seit ihrer Gelenkarthrose an beiden Händen kann sie ihre Zähne und Implantate nicht mehr richtig reinigen. Es ist nämlich längst nicht mehr so, dass die meisten älteren Menschen zahnlos sind. Heute haben viele Senioren deutlich mehr Zähne, Implantate und aufwendigen Zahnersatz als früher. Da geraten die Altenpflegekräfte nicht selten an die Grenzen des Machbaren, denn laut Pflegeschlüssel müssen fünf Minuten für die Hilfe bei der täglichen Mundhygiene ausreichen.

Wenn die eigenen Zähne zum Fluch werden

Dr. Ludwig entfernt also für die Patientin Beläge und Zahnstein. Aber das ist natürlich keine Lösung auf Dauer. Schon bald wird wieder alles beim Alten sein, wenn bei der Patientin keine gute Mundhygiene sicher gestellt werden kann. Später auf dem Gang berichtet er uns von schlimmen Zuständen, die er immer wieder bei seinen Hausbesuchen antrifft. Denn über kurz oder lang führen Keimbeläge, die nicht entfernt werden, zu Karies und Parodontose, aber auch zu Schmerzen, Pilzinfektionen und starkem Mundgeruch. Lautes Zähneknirschen oder Pressen oder gar die Verweigerung der Nahrungsaufnahme können die Folge sein. Die Leidtragenden werden häufig aufgrund der unangenehmen Geruchs- und Geräuschstörungen von den Menschen aus dem direkten Umfeld gemieden und geraten so in die Isolation.

Und noch eine Gefahr droht: Der Mund ist eine wichtige Eintrittspforte für Krankheitskeime in den Organismus: Gelangen sie z.B. in die Atemwege, können sie dort zu einer Lungenentzündung führen. Auch das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes ist unter solchen Verhältnissen erhöht.

Die Zahnärzte setzen auf Fortbildung

Dr. Ludwig und einige seiner Kollegen wollen zusammen mit der Landeszahnärztekammer in Baden-Württemberg (LZK-BW) den Betroffenen helfen und haben deshalb ein Fortbildungskonzept für Altenpfleger erarbeitet. Wir dürfen an einer Schulung teilnehmen und erfahren aus nächster Nähe, wie z.B. Zahnprothesen mit komplizierten Halteelementen aus dem Mund eines Phantomkopfes entfernt werden oder wie man einer anderen Person am effektivsten die Zähne putzt? So konkret und praktisch wird das bislang in keiner Altenpflegeausbildung thematisiert.

Altenpfleger lernen, Zähne zu putzen.

Hier werden Altenpfleger geschult, Zahnpflege durchzuführen.

Dass Pfleger aber nach einer solchen Schulung besser für ihren Alltag gewappnet sind, konnte in einer Studie über den Lernerfolg der Fortbildungsmaßnahmen nachgewiesen werden. Trotzdem ist bei jedem Pflegebedürftigen eine einführende Beratung der Pfleger oder Angehörigen sehr wichtig. Denn jeder Patient ist mit seiner Zahnsituation genauso individuell, wie es die erforderlichen Mundhygienemaßnahmen sein müssen.

Versorgungssicherheit kostet Geld

Auf dem Nachhauseweg verrät uns Dr. Ludwig, dass solche individuellen Beratungen bislang vom guten Willen des Zahnarztes abhängig sind. Abrechenbar sind sie jedenfalls nicht. Überhaupt stehe für viele Zahnärzte die Untersuchung und Behandlung von Pflegebedürftigen im Rahmen eines Hausbesuchs oft in keinem Verhältnis zur Wirtschaftlichkeit eines Praxisbetriebs. Die Pflegedienstleitung des Heims wünscht sich dagegen vor allem eine unbürokratischere Abwicklung von Krankentransporten zu den zahnärztlichen Einrichtungen.

Eine zahnärztliche Versorgungssicherheit im Alter auf den Weg zu bringen, bedeutet für Gesetzgeber und Gesellschaft sicher eine große Herausforderung, könnte aber früher oder später für jeden von uns sehr wichtig werden.

Wichtige Informationen für Betroffene

Wer mit der Mundhygiene pflegebedürftiger Angehöriger überfordert ist, dem rät Dr. Ludwig dazu, den eigenen Zahnarzt direkt anzusprechen. Wer keinen Zahnarzt findet, kann die "Zahnarztsuche" der LZK-BW nutzen (siehe Link). Unter der gewünschten Postleitzahl werden Praxen in der Nähe aufgelistet. Einige Praxen haben hier einen grauen Kasten hinterlegt, der über Angebote im Umgang mit Behinderten und pflegebedürftige Senioren Auskunft gibt.
Wer hier nicht weiter kommt oder eine Betreuung für eine Pflegeeinrichtung oder eine Pflegeschule in Baden-Württemberg sucht, kann sich auch an den Senioren- und Behindertenbeauftragten seines Kreises wenden (siehe Link).

Immer mit einem Bein im Gefängnis

Meine erste Frage auf dem Weg zum Altenheim: "Wie muss man sich das vorstellen, wenn der Zahnarzt seine Patienten in ihren privaten Räumlichkeiten behandelt? Geht das überhaupt ohne Bohrer und Zahnarztstuhl?" Dr. Ludwig erklärt, dass er immer Taschenlampe und Mundspiegel im Gepäck hat, um sich vor allem einen ersten Überblick bei den Patienten zu verschaffen. Natürlich sind die zahnärztlichen Therapiemöglichkeiten außerhalb der Praxis sehr eingeschränkt und es geht deshalb ganz wesentlich um die Frage: Was kann man vor Ort behandeln und bei wem ist eher ein Krankentransport in die Praxis oder in die Klinik angezeigt. Denn Zahnärzte befinden sich bei Hausbesuchen immer in einer juristischen Grauzone, weil zum Beispiel Hygienestandards, wie sie für eine Praxis gelten, hier nicht eingehalten werden können. Folglich müsse man sich genau überlegen, was beim Hausbesuch überhaupt machbar sei.