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SENDETERMIN Do, 9.7.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Wohngifte Eine Frage der Dosis

Unser täglich Gift

Familie Gerber glaubt, dass ihr Laminatboden sie krank gemacht hat. Sie hat Angst um ihre Gesundheit und fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen. Aber so einfach ist die Sache nicht...

Familie Gerber meint, sich in ihrem Haus mit Formaldehyd vergiftet zu haben. Formaldehyd ist einer der wichtigsten organischen Grundstoffe in der chemischen Industrie und findet sich unter anderem in Textilien, Möbeln und Bodenbelägen. In hoher Konzentration ist es gesundheitsschädlich. Es kann zum Beispiel Haut, Augen und Atemwege reizen, Kontaktallergien auslösen und krebserzeugend sein. Die vermeintliche Emissionsquelle im Haus der Familie: ein Laminatboden, der bis vor zehn Monaten noch im oberen Bereich des Hauses in den Schlaf- und Kinderzimmern lag. Andrea Gerber: "Dann hat man das erzählt und dann hieß es: Das kann doch gar nicht sein, ihr bildet euch das nur ein; und dann denkt man, naja, vielleicht bildet man sich das ja wirklich nur ein."

Ausnahmezustand in den eigenen vier Wänden

Der Familie geht es in den vergangenen Jahren zunehmend schlechter. Sodbrennen, Kopfschmerzen, Durchblutungsstörungen, juckende Hautausschläge, Atemnot - die Ursache: auch den Ärzten unbekannt. Nach langer Recherche stellt das Ehepaar Gerber seine eigene Diagnose: Formaldehydvergiftung. Und tatsächlich: Ein Selbsttest zeigt, dass der Grenzwert für Formaldehyd in den Schlaf- und Kinderzimmern der Familie überschritten ist. Per Ausschlussverfahren kommt für das Ehepaar nur der Laminatboden als Emissionsquelle in Frage. Dieter Gerber riegelt mit Hilfe von Freunden das Obergeschoss mit Folien ab und entfernt - in Schutzausrüstung - den vermeintlich giftigen Boden. Während dieser Zeit beschränkt sich der Wohnraum der fünfköpfigen Familie auf das überschaubare Erdgeschoss. Doch das vermeintliche Gift scheint inzwischen auch in die Kleidung übergegangen zu sein: Einige Bekannte und Freunde, die beim Verstauen und Waschen der Kleidung helfen, bekommen Hautausschlag, nachdem sie - aller Ermahnungen des Ehepaars zum Trotz - auf das Tragen von Handschuhen verzichtet haben.

Spurensuche im Ungefähren

Familie Gerbers

Zur weiteren Abklärung wendet sich die Familie schließlich an die Uniklinik Freiburg. Hier in der wohn- und umweltmedizinischen Ambulanz hoffen sie auf Hilfe und letzte Gewissheit. Umweltmedizinerin Dr. Claudia Schultz führt ein langes Gespräch mit ihnen und untersucht sie. Das Problem mit den so genannten "Wohngiften": Es gibt tausende, und die Symptome sind oft unspezifisch. Außerdem lässt sich eine Belastung mit Formaldehyd nach kurzer Zeit im Körper gar nicht mehr nachweisen, da dieses im Stoffwechsel in Ameisensäure umgewandelt wird. Dennoch: Dass Formaldehyd im Fall der Familie Ursache für die Beschwerden ist, bezweifelt die Ärztin - veranlasst aber weitere Schritte zur Abklärung. Biologe Armin Schuster aus dem Bereich Wohnmedizin nimmt Proben vor Ort. Der Selbsttest des Ehepaars Gerber hatte ergeben, dass die Konzentration von Formaldehyd in ihrem Zuhause über dem Grenzwert liegt. Doch die Messung von Armin Schuster zeigt: Die Konzentration ist unbedenklich.

Tatsächliche und gefühlte Risiken

Dennoch hatte die Familie starke Symptome. Steckt vielleicht ein anderes "Wohngift" dahinter? Die umweltmedizinische Praxis zeigt: In etwa 85 Prozent der Fälle besteht KEIN Zusammenhang zwischen den Symptomen und einem vermeintlichen Giftstoff. Wird das Risiko "Wohngifte" also überschätzt? Eine allgemeine deutschlandweite Bedrohung durch Wohngifte bestehe zwar nicht, so Armin Schuster. Allerdings: Nicht immer entspreche das "gefühlte" Risiko auch dem "tatsächlichen", das viele Menschen im Alltag oft unterschätzen − etwa, wenn sie rauchen oder Kerzen im Innenraum brennen lassen. Vor allem Duftkerzen, von denen ausgehend Duftstoffe in die Luft gelangen, die oft reizend und allergen sind, bewertet der Biologe als kritisch. Die Gefahr durch vermeintliche Wohngifte sei zu einem großen Teil durch das eigene Verhalten bestimmt.

Problem gelöst?

An eine andere Ursache für die Beschwerden in seiner Familie glaubt Dieter Gerber nicht. Er ist davon überzeugt: Es lag am Formaldehyd im Laminatboden. Denn seitdem der Boden vor zehn Monaten aus dem Haus entfernt wurde, sind auch die Beschwerden der Familie verschwunden. Dass das Formaldehyd dennoch die Ursache für die Symptome war, ist für die Umweltmedizinerin Dr. Claudia Schultz fraglich: "So eine Untätigkeit, das ist ja auch immer das große Problem, wenn ich weiß, ich kann nichts tun, bin der Sache ausgeliefert; jetzt tue ich aber was, ich verändere was, und dann geht es mir auch besser." Auch dies spiele in solchen Fällen eine Rolle. Es falle ihr zwar schwer, das Formaldehyd als Ursache mit hundertprozentiger Sicherheit auszuschließen, dennoch: "Ich halte es für unwahrscheinlich - aber Ende gut, alles gut."